Die Widersprüche der Schweizer bei der Digitalisierung
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Analog und digital: Handy am einen, die Bierbüchse am anderen Ohr. (Bild: Archiv zentralplus)

Mit dem Faxgerät in die Zukunft? Die Widersprüche der Schweizer bei der Digitalisierung

4 min Lesezeit 4 Kommentare 22.04.2021, 11:02 Uhr

SVP-Nationalrat Franz Grüter empfindet das Verhalten der Schweizer bezüglich digitaler Entwicklungen als äusserst widersprüchlich. Weshalb dies so ist, erklärt der Politiker anhand einiger Beispiele im Politblog.

Wir Menschen sind widersprüchlich. Wir wissen, dass zu viel Süsses ungesund ist – und nehmen trotzdem noch ein Dessert oder einen feinen Berliner zwischendurch. Wir drücken den Liftknopf, obwohl die zwei, drei Treppen schnell überwunden wären. Und selbstverständlich kämpfe ich mit den gleichen Widersprüchlichkeiten im Leben wie die meisten anderen auch.

Grosse Kluft zwischen Verhalten und Abstimmungen

Dass der Mensch widersprüchlich ist, ist eigentlich normal und auch kein Problem, solange wir unserer eigenen Widersprüche bewusst sind. Wir wissen, dass zu wenig Bewegung ungesund ist, auch wenn wir aus Bequemlichkeit dann doch schnell das Auto nehmen.

Mir fällt auf, dass auch bei vielen digitalen Themen eine grosse Kluft besteht zwischen den privaten Ansprüchen und dem politischen Verhalten. Oder anders gesagt: Herr und Frau Schweizer stehen sehr skeptisch gegenüber politischen Projekten wie dem E-ID-Gesetz, das eine sichere (freiwillige!) Identifizierung im Internet ermöglicht hätte (zentralplus berichtete). Die Vorlage wurde mit über 64 Prozent der Stimmen abgelehnt. Gleichzeitig nutzen Herr und Frau Schweizer problemlos das E-Banking oder die Kundenkarte beim Detailhändler. Und zwar freiwillig. Weil es praktisch ist und Vorteile bietet.

Wetter, Fahrplan, Selfie

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sich die Menschen ihres widersprüchlichen Verhaltens im digitalen Bereich immer bewusst sind. Wir beschweren uns, wenn einmal der Handy-Empfang nicht optimal ist – aber die Antenne im Quartier muss nicht sein. Die Leute sorgen sich um den Datenschutz beim digitalen Impfpass – aber sie bewegen sich in den sozialen Medien und stellen dort weit mehr private Informationen zur Verfügung. Gemäss aktuellen Erhebungen nutzen 4,6 Millionen Menschen in der Schweiz Facebook, 2,7 Millionen nutzen Instagram.

Zum Autor

Franz Grüter ist seit 2015 Nationalrat der SVP Luzern und seit 2016 in der Parteileitung der SVP Schweiz, zuständig für den Bereich Finanzen und Steuern. Von 2012 bis 2017 führte er die SVP Kanton Luzern. Neben seiner politischen Tätigkeit ist er Verwaltungsratspräsident des IT-Unternehmens Green. Der 56-Jährige ist ausserdem unter anderem Verwaltungsrat der Luzerner Kantonalbank, Beirat des FC Luzern, Delegierter des TCS Sektion Waldstätte und Beirat der Hochschule Luzern HSLU Informatikdepartement.

Die Digitalisierung ist eine Realität. Neun von zehn erwachsenen Personen in der Schweiz besitzen ein Smartphone und nutzen es fast täglich. Wir lesen unsere E-Mails, schreiben eine Nachricht, schiessen ein Selfie. Man informiert sich über das Handy, liked einen Beitrag, guckt ein lustiges Filmchen, vereinbart einen Termin, checkt den Kalender, zahlt per Twint, telefoniert mit einem Kunden, bestellt eine Pizza, kauft online ein, schaut sich die Wetterprognosen an oder prüft den SBB-Fahrplan. Und diese Kolumne erscheint auf zentralplus, einem Onlinemedium …

Das Smartphone ist kleines Büro und Unterhaltungsprogramm zugleich. Wunderbar und nicht wegzudenken. Aber eben: Der Mensch ist widersprüchlich. Wir schimpfen darüber, dass die Leute zu viel aufs Handy starren oder in der Berghütte zuerst nach dem WLAN fragen … aber seien wir ehrlich: Sind wir so viel anders?

Staat hinkt digitalen Möglichkeiten hinterher

Wie digital soll die Schweiz sein? Zu Beginn der Pandemie zeigte sich, dass die Ärztinnen und Ärzte gewisse Daten per Fax ans Bundesamt für Gesundheit senden mussten. Das ist mehr als peinlich und verhinderte schnelles Handeln auf Basis verlässlicher Fakten. Bis heute hat der Bund es nicht geschafft, ein funktionierendes Contact-Tracing einzurichten. Die Covid-App hat sich nicht durchgesetzt.

«Bis heute hat der Bund es nicht geschafft, ein funktionierendes Contact-Tracing einzurichten.»

Franz Grüter, SVP-Nationalrat

Gerade der Staat zeigt, dass er den digitalen Möglichkeiten hinterherhinkt. Oder dann unprofessionell vorgeht wie beim Datenleck bei der Impfplattform. Oder bei der geplanten Einführung von E-Voting, bei dem erst nach grossem Widerstand und öffentlichen Intrusionstests eklatante Schwachstellen und Mängel offengelegt werden konnten. Das ist ärgerlich, weil damit das Vertrauen der Bevölkerung in wichtige digitale Projekte verloren geht.

Zum Beispiel gegenüber der 5G-Technologie. Und hier sind wir wieder bei den Widersprüchen angelangt: Die mobil übertragene Datenmenge verdoppelt sich alle 18 Monate. Nicht einfach so, sondern weil wir alle mit der Nutzung unserer Smartphones kräftig dazu beitragen. Gleichzeitig wird die Weiterentwicklung der 5G-Technologie politisch bekämpft von Leuten, die ein paar Minuten vorher noch ihr Smartphone gebraucht haben, um einen Anti-5G-Post auf Facebook zu platzieren …

Ich bin mir bewusst, dass die Digitalisierung Sorgen und berechtigte Bedenken etwa zur Datensicherheit auslöst. Auch ich habe gewissen Projekten gegenüber eine sehr kritische Haltung. Aber wer nur die Risiken sieht, verpasst die Chancen. Die Schweiz ist erfolgreich geworden dank Innovation. Wir müssen aufpassen, dass unser Land den digitalen Anschluss nicht verliert und damit Arbeitsplätze und Wohlstand.

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4 Kommentare
  1. Andy Bürkler, 22.04.2021, 16:48 Uhr

    Fortschritt bedeutet nicht immer, dass irgend etwas besser wird.
    Aus meiner Erfahrung ist es eher das Gegenteil.
    Ob technisch oder politisch spielt keine Rolle.

  2. Roli Greter, 22.04.2021, 15:15 Uhr

    Herr Grüter, der Nutzen einer ID erschliesst sich wohl den Wenigsten, deshalb wird eine solche auch nicht wirklich benötigt. Es gibt bereits genügend andere Posten welche die Steuerzahler unnötig belasten.

  3. Stefan Ernst, 22.04.2021, 14:43 Uhr

    Lieber Herr Grüter, bei der E-ID ist es eben so, dass sie eigentlich gar niemand braucht. Denn es gibt genug Möglichkeiten sich im Internet zu identifizieren – durch private Anbieter. Wenn man die Bilanz der staatlichen IT-Projekte anschaut fragt man sich schon, wieso man jetzt für ein weiteres stimmen sollte. Unsere Verwaltung hat mehrheitlich unter Beweis gestellt, dass sie nicht in der Lage ist IT Projekte erfolgreich umzusetzen. Wir sollten ihr nicht noch eine neue Baustelle eröffnen.

  4. mebinger, 22.04.2021, 12:31 Uhr

    Digitalisierung ist in der Regel nur das Wechseln von eine Steinzeittechnologie zu neuen Geräten! Ohne jeglichen Nutzen. Meistens funktioniert es nicht, mach alles kompliziert und verschlechtert den Benutzerkomfort

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