Die Krise fordert neue Reserve- und Versicherungsformen
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Um Grossrisiken abzusichern, würden sich gemeinschaftliche Lösungen im Rahmen von Public Private Partnerships anbieten. (Bild: pexels)

Selber vorsorgen, gemeinsam versichern Die Krise fordert neue Reserve- und Versicherungsformen

3 min Lesezeit 2 Kommentare 25.02.2021, 11:02 Uhr

«Beim Notvorrat wurde gepfuscht», titelten verschiedene Tageszeitungen vor einem Jahr, als der Mangel an Atemschutzmasken öffentlich wurde. Doch Hand aufs Herz: Haben Sie selber den empfohlenen Notvorrat bei sich zu Hause? Die Corona-Krise hinterfragt unsere Vorsorge und fordert neue Versicherungslösungen, meint Ständerat Matthias Michel.

Selber zweifelte ich daran, ob unser eigener Notvorrat reichen würde. Auch, als mich meine Bank fragte, wie lange wir den familiären Lebensunterhalt ohne jegliches Erwerbseinkommen bestreiten könnten. Ehrlich gesagt, dauert es nicht sehr lange, bis man ans Eingemachte muss. Ich erschrak, auch zu hören, dass viele KMU einen kompletten Ertragsausfall von mehr als zwei Monaten nicht verkraften können.

Vorsorgen und Sparen sind out

Vorsorgen und Sparen sind nicht mehr im Trend. Als Kinder haben wir noch unser Sackgeld über Monate angespart, um das ersehnte Automodell zu erstehen. Und als Student habe ich wochenweise in einer Restaurantküche gearbeitet, um dann die erste Stereoanlage zu kaufen. Das ist schon lange out; vielmehr wird auf Kleinkredit oder Kredit der Kollegen gekauft und geleast. Schliesslich sind die gewünschten Produkte ja auch global jederzeit verfügbar.

Reserven nicht erwünscht

Reserven bilden ist auch in der Wirtschaft out. Internationale Rechnungslegungsvorschriften verbieten Rückstellungen zur Absicherung von irgendwelchen Risiken. Auch das Steuerrecht lässt nur sehr qualifizierte Rückstellungen zu. Spätestens diese Krise zeigt, wie kurzsichtig das ist. Wirtschaft und Staat haben ein Interesse daran, dass sich Unternehmen selber helfen können, indem sie widerstandsfähiger werden.

Aus diesem Grund habe ich an einem parlamentarischen Vorstoss mitgearbeitet, der Massnahmen verlangt, um die Widerstandskraft der Unternehmen – und da zählen selbstverständlich auch jene im Kanton Zug dazu – zu stärken (Postulat Noser, 20.3544).

Zum Autor

Matthias Michel, von Beruf Rechtsanwalt, hat in den 16 Jahren als Regierungsrat die Bildungs- und die Volkswirtschaftsdirektion geführt und war in der interkantonalen Zusammenarbeit engagiert, zum Beispiel als Präsident der Konferenz der Direktoren des öffentlichen Verkehrs. Er wurde im November 2019 zum Ständerat gewählt. Michel ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Er lebt mit seiner Familie in Oberwil.

Versichern als gemeinsame Aufgabe

Wenn diese Vorsorge nicht ausreicht, kommen Versicherungslösungen zum Zug. Die Schweiz ist ja das Land der Versicherungen par excellence. Nun hat die Corona-Krise offengelegt, dass die individuelle Versicherung, rein privatwirtschaftlich getragen, nicht greift, wenn eine weltweite Pandemie, verbunden mit behördlich verordneten Lockdowns, überall gleichzeitig zu riesigen Ausfallschäden führt.

Diese sind nicht tragbar und somit auch nicht mehr versicherbar. Solche Grossrisiken, die nicht nur Zuger Gastro- und Dienstleistungsbetriebe, sondern ganze Volkswirtschaften bedrohen, müssen gemeinsam angegangen werden: Versicherte, Versicherungen und der Staat tragen mit. Hier bieten sich deshalb gemeinschaftliche Lösungen im Rahmen von Public Private Partnerships an, die ich in einer Interpellation thematisiere.

Eigenverantwortung oder Vollkasko-Mentalität?

Eingangs habe ich die abhanden gekommene Selbstvorsorge kritisiert. Und dann plädiere ich für Versicherungslösungen. Ist das nicht ein Widerspruch? Nein, denn es gehört zur Eigenverantwortung, dass ich mich selber gegen Risiken absichere, die ich auch selber eingehe. In den Worten der Politphilosophin Katja Gentinetta: «Risiken geht man bewusst ein, um – sofern das Kalkül die Möglichkeit enthält – einen Gewinn daraus zu ziehen. Krisen hingegen sind selten vorhersehbar, sondern brechen ohne Vorankündigung über einen herein.»

Die stolze Schweizer Versicherungsbranche ist somit aufgefordert, über Versicherungsmodelle für Grossrisiken nachzudenken, die sich vermutlich nur im Verbund mit dem Staat umsetzen lassen. Wir als politische Verantwortungsträger müssen die Offenheit und den Willen haben, solche Public Private Partnerships dort zuzulassen und den gesetzlichen Raum dazu zu ermöglichen, wo wir als Problemlöser zugunsten der Schweiz nur im Verbund vorankommen.



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2 Kommentare
  1. mebinger, 27.02.2021, 17:40 Uhr

    Mir wäre lieber Matthias Du würdest Dich endlich für die Aufhebung dieser desaströsen Corona-Massnahmen einsetzten, da wäre jetzt prioritär. Deine Ausführungen ist für alle, die wegen dieser Massnahmen ihre Existenz verlieren einfach nur ein Hohn. Abgesehen davon, da es auch inhaltlich falsch ist. Wir schwimmen seit Jahrzehnten in Geld und deshalb können wir es zum Fenster raus werfen

  2. Lars Rominger, 27.02.2021, 13:53 Uhr

    Matthias Michel bringt es präzise auf den Punkt: Vorsorgen und Sparen sind heutzutage out und dies obwohl grosse Unternehmer wie z.B. Ikea-Gründer Ingvar Kamprad die Sparsamkeit eindrücklich vorgelebt haben. Kamprad fuhr z.B. zeitlebens einen alten Volvo und in der Bahn nur 2. Klasse. Am liebsten kaufte er kurz vor Ladenschluss ein, um von Halb-Preis-Aktionen zu profitieren. Zusammengefasst kann man dazu sagen: Sparsamkeit, Disziplin und Fleiss zahlt sich aus. Zwischen 1884 und 1888 hat Henry Le Chatelier folgendes formuliert: „Übt man auf ein chemisches System im Gleichgewicht einen Zwang aus, so reagiert es so, dass die Wirkung des Zwanges minimal wird.“ Das chemische Prinzip vom kleinsten Zwang auf die Sparsamkeit übertragen, könnte wie folgt lauten: Der kleinste Zwang liegt vor bzw. leicht ist es, wenn man von der Sparsamkeit zu leichtsinnigem Geldausgeben übergeht. Schwieriger und schwer aber wird es, von leichtsinnigem Geldausgeben zu Sparsamkeit überzugehen. Es spricht sehr vieles dafür zu sparen für Zeiten der Not und nicht verschwenderisch zu sein was jedoch nicht ausschliesst, dass sich auch unter den Verschwendern viele aufgeweckte und geistreiche Personen befinden.

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