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Das Crypto-Valley hat nichts mit der Crypto AG zu tun
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Dechiffriermaschinen und das Crypto-Valley haben nicht sehr viel miteinander zu tun. (Bild: woz)

Crypto: nicht Tofu mit Fleisch vergleichen Das Crypto-Valley hat nichts mit der Crypto AG zu tun

5 min Lesezeit 29.02.2020, 15:01 Uhr

Die Crypto-Leaks sind in aller Munde, die ganze Schweiz diskutiert über den Zuger Skandal. Nur in Zug sind wir ruhig. Zu ruhig. Ich wurde allerdings verschiedentlich angefragt, ob das Crypto-Valley gefährdet sei wegen der Crypto AG. Das Crypto-Valley und die Crypto AG zusammenzubringen, hiesse für mich, Tofu und Fleisch zu vergleichen, weil beides von Soja abstammt. Aber eins nach dem anderen.

Zug stand in den letzten Monaten mehrmals unfreiwillig im internationalen Scheinwerferlicht: Datenleaks förderten auch wirtschaftskriminelle Verdachte zutage. Die Skandalreihe mit den Panama Papers, den Luanda-Leaks mit der Zug-Angola-Connection und jüngst den Crypto-Leaks zeigen es. Die SP hat sich im Kantonsrat zwar jedes Mal politisch engagiert, aber das ist nicht hinreichend.

Wirtschaftsstandort Zug benötigt Rechtssicherheit

Zug als internationaler Wirtschaftsstandort müsste besonders daran gelegen sein, Wirtschaftskriminalität einzudämmen. Rechtssicherheit und Rechtsstaatlichkeit sind nicht nur wertvolle Güter für eine Gesellschaft generell, sondern liegen im ureigenen Interesse der Wirtschaft. Die Nachhaltigkeit eines internationalen Wirtschaftsstandorts ist erst gesichert, wenn wirksam, systematisch und glaubwürdig gegen Wirtschaftskriminalität vorgegangen wird. Insofern trägt Rechtssicherheit zu nachhaltiger Wirtschaftsentfaltung bei (die SP reichte dazu eine Interpellation ein).

Tofu mit Fleisch vergleichen?

Beim jüngsten Skandal wurde ich in den letzten Tagen mehrmals auf die Zusammenhänge zwischen der Crypto AG und dem Crypto-Valley angesprochen. Müsse nicht gar der Name vom Crypto-Valley ausgetauscht werden? Es geht um zwei paar Schuhe.

Bei der Crypto AG aus Steinhausen handelt es sich um ein Unternehmen zur industriellen Produktion von Chiffriergeräten, was auf der Kryptographie beruht. Nutzen aus den Geräten zogen während Jahren «Lauschbuben» der Geheimdienste. Es ist wahrlich ein altes Geschäft. In technischer Hinsicht ist es aber doch langsam überholt, und Chiffriergeräte werden wohl zu einem Relikt der Geschichte. Und es ist ein heikles Geschäft. In gewissen Ländern ist auf Chiffriergeräte gar die Todesstrafe angesetzt.

Wie internationale Recherchen zeigen, sollen bei der Crypto AG über Jahre mittels manipulierter Geräte über Hintertürchen Abhörungen durchgeführt worden sein (zentralplus berichtete). Dieser internationale, ja globale Skandal erschreckt umso mehr, wenn man sich vor Augen hält, dass seit 1994 gar der amerikanische Geheimdienst CIA allein die Firma besessen haben soll.

Dem Crypto-Valley gehört die Zukunft

Umgekehrt das Crypto-Valley, das mit seiner noch jungen Technologie den Weg in die Zukunft weist: Blockchain ermöglicht Transaktionen von Daten. Das passiert dezentral, indem das Speichern über zahlreiche AkteurInnen gleichzeitig passiert und es nicht eine einzige Instanz zur Kontrolle gibt. Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum und weitere sind nur eine von vielen Anwendungsmöglichkeiten und das rot-rot-grüne Berlin hat sich zur Hauptstadt gemausert. Interessanter scheinen mir aber beispielsweise der Einsatz bei Lieferketten oder digitalen Identitäten. Eine Einführung in die Wirkungsweise und die gesamte Bedeutung für die Zukunft ist auch in einem lesenswerten Bericht einer ExpertInnenkommission zu Forschung und Innovation nachzulesen (hier, ab S. 80).

Neue Chancen, neualte Risiken

Das Crypto-Valley beruht also nicht auf Chiffriermaschinen, sondern auf Blockchain und FinTech-Anwendungen. Es geht nicht um haptische Maschinen, vielmehr ist die Blockchain-Technologie dezentral. Auch wenn sie auf kryptografischen Verfahren beruht: Nur weil sowohl für die Fleisch- wie auch die Tofu-Produktion Soja genutzt werden kann, lassen sich eben die Crypto AG und das Crypto-Valley nicht direkt vergleichen.

Zur Autorin

Barbara Gysel präsidiert seit 2008 die SP des Kantons Zug. Ebenfalls seit 2008 ist sie Kantonsrätin, seit 2014 sitzt sie ausserdem im Grossen Gemeinderat der Stadt Zug. Gysel verfügt über einen Executive Master of Arts Management und ist unter anderem Mitglied der Geschäftsleitung bei der Stiftung Kinderschutz Schweiz sowie Präsidentin des WWF Zug.

Ja, Blockchain-Technologie ist Zukunftsmusik! Eine gewisse politische Begleitung ist drum vonnöten, damit wir nicht in der Kakophonie landen. Fragen rund um Sicherheit, Technik und die Umwelt und den Energiebereich und die politische Regulierung dürfen nicht aussen vor gelassen werden. Insofern ist es doch wie beim Tofu und beim Fleisch: Die Umwelt muss mitbedacht werden. Im Fall der Blockchain bedeutet es etwa, dass der Energieverbrauch enorm ist. Eine einzige Transaktion bedarf zahlreicher Rechenleistungen und verbraucht etwa 450 Kilogramm CO2. Das entspricht etwa 3500 Kilometern Fahrt in einem modernen VW-Golf.

Allein die Kühlung der Rechner ist einer der Gründe, warum sich Island aufgrund seines natürlich-kühlen Klimas zu einem Mekka fürs Mining entwickelte. Ganze Naturgebiete werden dort nun übersät mit Hallen voller Hochleistungsrechner … das ist quasi eine neue Art von Monokultur. Immerhin wird aber dabei ein Grossteil des Stroms durch Geothermie und Wasserkraft in Island sauber produziert.

Zug hat nicht aus «Klimagründen» bei der Blockchain eine Vorreiterrolle gespielt. Vielmehr war es wohl aus Innovationsfreude, Neugier und der Demokratisierung zu Bitcoin. Allerdings bin ich ebenso überzeugt, dass die politische Regulierung weiterentwickelt werden soll. Sonst bleibt tatsächlich ein fahler Nachgeschmack haften.

«Fehlerkultur» pflegen

Zwei Lehren sollten wir aus der Causa Crypto AG vorderhand mindestens ziehen. Erstens: In einer Informationsgesellschaft lassen sich Skandale nicht gut unter den Teppich kehren. Das ist vorbei. Dringend angezeigt ist auch für Zug eine fundierte Geschichtsaufarbeitung und eine ehrliche Rechenschaftsablegung, um in der Zukunft Fehler zu vermeiden.

Zweitens: Bei der Crypto AG geht es um staatliche Geheimdienste. Wir brauchen eine staatliche Compliance. Bei all dem geht es nicht darum, jemandem eins auszuwischen. Es geht darum, zu fragen, welche Fehlerkultur wir haben und wie wir sie pflegen. So kommen wir zu neuen Erkenntnissen. Einfacher ausgedrückt: Wo haben wir etwas verpennt? Wo waren wir verplant? Wo haben wir Dinge verkannt und wo waren wir verklärt? Das ist die erste Grundlage, damit sich Gleiches nicht wiederholt plus die Glaubwürdigkeit gepflegt wird und erhalten bleibt. Wenn nicht, bleibt uns tatsächlich nichts anderes übrig, als das Crypto-Valley in ein Blockchain-Bassin umzutaufen.

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