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Frustration im kenianischen Alltag
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Der neue Bahnof steht ausserhalb von Nairobi – mitten im Nirgendwo. (Bild: Manuel Gautschi)

Schwellenland Kenia Frustration im kenianischen Alltag

6 min Lesezeit 15.01.2018, 11:34 Uhr

Seit diesem Frühling verkehren zwischen Nairobi und Mombasa auf der neuen Bahnlinie Personenzüge. Das von China finanzierte und realisierte Projekt macht deutlich, mit welchen Problemen ein Schwellenland kämpft. Ich selber erlebte dies, als ich mich um ein Billett für den neuen Zug bemühte.

Zwischen Nairobi und der wirtschaftlich bedeutenden Hafenstadt Mombasa gibt es eine neue Eisenbahnlinie. Präsident Kenyatta eröffnete sie vor sechs Monaten persönlich – 18 Monate früher als geplant. Das Projekt ist ein Symbol für den Fortschritt in Kenia. Das ostafrikanische Land ist kein Entwicklungsland mehr. Um sechs Prozent wächst die Wirtschaft jährlich. In den urbanen Zentren ist der Dienstleistungssektor massiv gewachsen. Versicherungen und Banken zählen zu den grössten Arbeitgebern. Gleichzeitig arbeitet aber ein Grossteil der Bevölkerung als Taglöhner oder in der Landwirtschaft, produziert primär für den Eigengebrauch und sofern möglich für die lokalen Märkte, oder besitzt überhaupt keine feste Arbeit. Ohne die grosszügige Unterstützung von China wäre die Eisenbahn nie gebaut worden. Kenia ist zwar kein Entwicklungsland mehr, zählt aber auch noch nicht zu den Industrieländern.

Der Madaraka-Express, so der Name der neuen Eisenbahn, ist das perfekte Beispiel dafür, was in einem Schwellenland gelingt und was noch nicht funktioniert. Kenia muss noch viele Hürden überspringen und Barrieren aus dem Weg räumen, um ein Industrieland zu werden. Bei mir, der an die meist reibungslosen Abläufe entwickelter Länder gewöhnt ist, sorgte das hin und wieder für Frustration. Ich habe dies zum Beispiel erlebt, als ich mir ein Billett für die neue Zugverbindung nach Mombasa kaufen wollte. Selten wurden meine Nerven derart strapaziert: eine Geschichte in drei Akten.

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Kenia von China abhängig

Vor 120 Jahren haben die britischen Kolonialherren in Ostafrika ein eindrückliches Eisenbahnnetz geplant und durch indische Gastarbeiter aufbauen lassen. Sie wollten damit ihre Kontrolle über die Nilquelle – den Viktoriasee – zementieren. Bis in diesem Frühjahr wurde die alte Verbindung zwischen Nairobi und Mombasa, auch bekannt als «Lunatic Express» aus dem Jahre 1896, von der kenianischen Bahngesellschaft mit alten Wagen betrieben. Reisende berichteten, sie hätten sich in die Zeit des Kolonialismus zurückversetzt gefühlt.

Obwohl nun die neue Bahnverbindung nach «Madaraka» – jenem Tag, als Kenia seine Selbstbestimmung erlangte – benannt ist, steht das grösste Infrastrukturprojekt seit der Unabhängigkeit keinesfalls für eine kenianische Emanzipation. Die neuen Bahnhöfe, Züge und das Trassee wurden von Chinesen gebaut und von China finanziert. Das erste Teilstück kostete 3,2 Milliarden US-Dollar. Mehr als 80 Prozent des für diesen Bau benötigten Geldes hat China dem kenianischen Staat geliehen und gleichzeitig an Bedingungen geknüpft.

Die Vorfreude auf die bequeme Zugfahrt durch den Südosten von Kenia war gross.

Die Kritik am Projekt war bereits vor dem Baubeginn im Oktober 2013 massiv. Erstens wurde die neue Eisenbahn in Äthiopien – ebenfalls von China – deutlich günstiger gebaut. Zweitens führt die neue 470 Kilometer lange Linie durch den Tsavo-Nationalpark, wobei der Bahndamm diesen teilt und für die migrierenden Tiere eine grosse Barriere darstellt. Und drittens wird die Strecke die nächsten fünf Jahre nicht nur von einem chinesischen Unternehmen geführt. Es kümmert sich auch um den Unterhalt sowie um die Ausbildung des Personals. So stellt sich die Frage, wer in Kenia überhaupt von der neuen Eisenbahn profitiert.

Moderne Buchungsplattform inaktiv

Durch die vielen Berichte und die anhaltende Kritik neugierig geworden, plante ich also von Nairobi aus eine Reise mit der neuen Eisenbahn an die Küste. Die Vorfreude auf die bequeme Zugfahrt durch den Südosten von Kenia war gross. Ich war begeistert, als ich erfuhr, dass das Billett direkt über ein modernes Buchungssystem im Internet gekauft werden kann. Optisch hinterlässt die Website einen tollen Eindruck. Gross wird da mit einer atemberaubenden Landschaft und der eindrücklichen Tierwelt im Tsavo-Nationalpark geworben.

Leider war die Buchungsplattform aber Ende November 2017 deaktiviert. Online konnte ich das Billett nicht kaufen. Meine anfängliche Begeisterung schlug langsam in Ernüchterung um, erst recht, als ich erfuhr, dass der Kundendienst auf der Website nicht verfügbar war und ich auf meine E-Mails mit der Bitte um Hilfe und Informationen keine Antwort erhielt. Aber ich gab nicht auf.

Zug ausgebucht

Als Zweites versuchte ich, per SMS und Zahlung über das Mobiltelefon ein Billett für die fünf Stunden dauernde Fahrt im gewünschten Zug zu kaufen. Es ist im Allgemeinen bemerkenswert, wie viele finanzielle Geschäfte in Kenia direkt auf diesem Weg erledigt werden. Leider war dieser Service für den Zug zuerst nicht verfügbar. Und als ich es erneut probieren wollte und es tatsächlich funktionierte, war der Zug ausgebucht – 10 Tage vor der eigentlichen Abfahrt.

Es blieb mir also nichts Anderes übrig, als mich vor Ort am Schalter weiter zu erkundigen. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich frustriert und genervt. Meine Erwartungen, die aufgrund der verbreiteten Werbung und dem vermittelten professionellen Eindruck des Projekts entstanden waren, wurden also schon zweimal nicht erfüllt. Dazu ärgerte ich mich darüber, dass erleichternde Hilfen wie die moderne Buchungsplattform zwar verfügbar waren, aber nicht funktionierten. Die Ausgangslage für ein erfolgreiches Projekt schien eigentlich gegeben, doch die Verantwortlichen lassen offenbar alle Chancen dazu ungenutzt.

Ungläubig am neuen Bahnhof

Einen Tag später machte ich mich deshalb auf den Weg zum neuen Bahnhof. Für die Strecke benötigt man mit einem privaten Fahrzeug im Idealfall rund 45 Minuten. Die Mombasa Road ist aber bekannt für viele Staus. Mit dem öffentlichen Verkehr benötigte ich deutlich mehr Zeit.

Und erneut verstand ich die Welt – beziehungsweise Kenia – nicht: Der topmoderne neue Bahnhof wurde nicht etwa an eine bestehende Verkehrsachse, im Minimum eine Hauptstrasse, gebaut. Er steht irgendwo in der braunen Savanne am Rand der Stadt zwischen dem Nairobi-Nationalpark und dem Flughafen. Dabei stünde im unmittelbaren Zentrum von Nairobi der Bahnhof aus der britischen Kolonialzeit und böte sich geradezu in idealer Weise für das Projekt an, aber dieser Bahnhof verfällt jetzt ungenutzt, und das Gras wächst dort bereits über die Güter- und Personenwaggons.

Meine Stimmung besserte sich auch am Bahnschalter nicht. Ich musste nicht einmal in die langen Schlangen mit Menschen anstehen, die wie ich hofften, die Ferien an der Küste zu verbringen oder über die Festtage dort die Verwandten zu besuchen. Diejenigen, die enttäuscht vom Schalter zurückkamen, informierten mich, dass die Züge in den nächsten beiden Wochen komplett ausgebucht seien. Dies hängt offenbar mit der geringen Kapazität der neuen Eisenbahn zusammen: Für die Strecke stehen lediglich vier Züge zur Verfügung, pro Tag zwei Verbindungen in beide Richtungen. Mehr geht im Moment nicht, weil lediglich eine einzige Spur gebaut wurde.

Der Busbahnhof im Zentrum von Nairobi.

Der Busbahnhof im Zentrum von Nairobi.

(Bild: Manuel Gautschi)

Bus statt Bahn

Ich entschied mich schliesslich für eine der zahlreichen Busverbindungen und kann deshalb hier nicht über die Zugreise berichten (hier dafür der englische Reisebericht von einer Person, die sich glücklicherweise ein Billett sichern konnte). Spektakuläre Unfälle mit involvierten Bussen machen zwar hin und wieder Schlagzeilen, dazu war das Billett doppelt so teuer wie beim Zug, und ich musste es ebenfalls vier Tage vor der Reise kaufen. Daneben konnte ich während der nächtlichen Fahrt vom Bus aus keine Tiere beobachten, obwohl dieser ebenfalls den Tsavo-Nationalpark durchquerte.

Der Bus fuhr dafür unmittelbar im Zentrum ab. Ich sass bequem am Fenster, und die Zeit flog während der achtstündigen Fahrt nur so vorbei, da ich sowieso mehrheitlich döste oder sogar etwas schlafen konnte.

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