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Ethnische Gruppen dominieren die kenianische Politik
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Die kenianischen Maasai zählen zu den bekanntesten Ethnien in Afrikas Subsahara. (Bild: zvg)

Gegenbild zur Durchmischung in der Gesellschaft Ethnische Gruppen dominieren die kenianische Politik

6 min Lesezeit 25.12.2017, 11:00 Uhr

Das Bild des traditionell gekleideten Stammeskriegers, der mit einem Speer bewaffnet in der afrikanischen Savanne jagt, hält sich hartnäckig. Es wird zwar noch immer für Werbezwecke verwendet, doch es ist unglaublich veraltet. Die Anführer der Ethnien tragen Anzüge. Sie bestimmen Politik und Wirtschaft des Landes. Ihre intransparenten und umstrittenen Geschäfte kaschieren sie nur teilweise.

Im legendären Filmklassiker «Out of Africa» (Jenseits von Afrika) aus dem Jahre 1985 haben die Maasai eine zentrale Rolle. Der Film spielt hauptsächlich auf einer Farm am Fusse der Ngong Hills östlich von Nairobi. Die Maasai – wohl die bekannteste ethnische Gruppe in Kenia – stellten damals vor Ort die einheimische Bevölkerung dar. Auf der Farm verdienten sie als Erntehelfer ein Einkommen, wobei im Film primär ihre traditionelle Lebensweise und die angeblich damit verbundene Rückständigkeit dargestellt werden.

Anhand der grossen umherziehenden Kuhherden wird der Wohlstand der Maasai sichtbar.

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Manuel Gautschi

Romantisierung

Der Film ist Teil einer Reihe von verschiedenen Produktionen, die Ethnien wie die Maasai als antimodern und aus einer vergangenen Zeit stammend darstellen. Die Maasai sind in Kenia das Lieblingsobjekt und prominenteste Beispiel dafür. Sie dienten als Studienobjekt für westliche Anthropologen, faszinierte Regisseure, Autorinnen und Autoren. Die Maasai haben dieses Interesse zu ihren Gunsten genutzt und verdienen damit gutes Geld. Der von ihnen getragene bunte Perlenschmuck und die rot karierten Stoffe (Shuka) werden in jedem kenianischen Souvenirshop verkauft. Als Decke tauchen Letztere an Sonntagen nicht nur im Uhuru Park in Nairobi, sondern auch im New Yorker Central Park oder der Luzerner «Ufschötti» auf.

Anhand der grossen umherziehenden Kuhherden wird der Wohlstand der Maasai sichtbar. Touristen besuchen ihre Gebiete an der Grenze zu Tansania in Scharen. Die Maasai geniessen heute kenianischen Symbolcharakter und den Ruf furchtloser Krieger. Ihre Gastfreundschaft – es gibt viel Fleisch zum Essen und Milch und Blut zum Trinken – ist legendär. Dabei bilden die Maasai mit einem Bevölkerungsanteil von zwei Prozent eine sehr kleine kenianische Minderheit.

Ethnische Grenzen lösen sich auf

Insgesamt gibt es in Kenia mehr als vierzig Ethnien. Zu den zahlenmässig grössten zählen die Kikuyu, die Kalenjin, die Luo und die Luhya. Ethnien sind bis heute eine wichtige identitätsstiftende Instanz. Die Grenzen zwischen den ethnischen Gruppen lösen sich aber mehr und mehr auf. Verantwortlich dafür sind neben der Urbanisierung die zahlreichen Heiraten unter den einzelnen Gruppen. Die Verkäuferin aus dem Shop des Nationalmuseums erzählte mir, dass ihre Vorfahren unter anderem den Kikuyu, Luhya und Luo sowie weiteren kleinen ethnischen Gruppen angehörten. Daneben verfügt sie zusätzlich über italienische Wurzeln.

Die Luhya beispielsweise repräsentieren rund 14 Prozent der Bevölkerung und bilden damit hinter den Kikuyu die zweitgrösste Gruppe. Das traditionelle Zentrum der 18 verschiedene Gruppen umfassenden Ethnie liegt in Kakamega. Früher waren die Luhya bekannt für ihr Metallhandwerk. Ihre geschmiedeten Werkzeuge tauschten sie gegen die Güter anderer Gruppen. Heute leben sie primär von der Landwirtschaft. Das die Stadt umgebende Hochland eignet sich besonders für den Anbau von Erdnüssen, Sesam und Mais. Dazu kommen Baumwolle und Zuckerrohr. Wie lange solche aufgeladenen Beschreibungen aus dem Reiseführer noch zutreffen, ist aufgrund der zunehmenden Durchmischung der kenianischen Gesellschaft fraglich.

Die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen streiten sich um politischen Einfluss, Zugang zu Ressourcen und Machtpositionen.

Manuel Gautschi

Kenianischen Maasai.

Kenianische Maasai.

(Bild: zvg)

Politische Dominanz der Kikuyu

Vor allem in der Politik spielen Ethnien nach wie vor eine bedeutende Rolle. Die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen streiten sich um politischen Einfluss, Zugang zu Ressourcen und Machtpositionen. Diese erlaubt es ihnen, die Staatsgeschäfte zu ihren Gunsten zu lenken. Durch dieses System profitiert oft nur eine geografische Region oder eine Gesellschaftsgruppe von staatlichen Infrastrukturmassnahmen.

Genau diese Art der Politik ist jedoch auch die Ursache für die regelmässig aufflammende Gewalt im Rahmen von Wahlen. Seit der Unabhängigkeit dominieren die Kikuyu politisch das Land. Mit Daniel arap Moi – ein Kalenjin und zwischen 1978 und 2002 kenianischer Präsident – gehörte lediglich ein Präsident nicht der grössten Ethnie der Kikuyu an. Als langjähriger Vizepräsident unterhielt auch er beste Verbindungen zu den Kikuyu um Jomo Kenyatta, dem ersten Präsidenten nach der Unabhängigkeit und Vater des eben wiedergewählten Uhuru Kenyatta.

Die grössten politischen Rivalen der Kikuyu, die Luo, drängen seit der Unabhängigkeit und den ersten Wahlen 1963 darauf, endlich auch einmal die politischen Geschicke des Landes leiten zu dürfen. Sie fühlen sich seit der Unabhängigkeit marginalisiert und benachteiligt.

Diese politische Rivalität hat ihren Ursprung teilweise im kolonialen Wirtschaftssystem, das gewisse Ethnien bevorzugte. Durch ihre wirtschaftlichen Beziehungen und die damit verbundene Nähe zu den britischen Herrschern konnten die Kikuyu Land erwerben. Von diesem Besitz profitieren sie bis heute. Die Luo dagegen wurden unter der Kolonialherrschaft durch ihre Anstellungen als Eisenbahn- oder Hafenarbeiter in Mombasa Teil der Arbeiterklasse. Zusammen mit den Luhya, die von der Fruchtbarkeit ihres Land und der Nähe zum urbanen Zentrum Nairobi profitierten, zählen aber auch die Luo heute zu den einflussreicheren und besser gestellten Ethnien.

Geschichte der modernen kenianischen Ethnien

Dass die Ethnien heute eine derart zentrale Position in der Politik einnehmen und die Identitäten der Kenianer bestimmen, hat eine interessante Geschichte. Oft wird argumentiert, dass der Kolonialismus die Rivalität zwischen den ethnischen Gruppen erschaffen hat. Das stimmt so nicht, denn bereits in den vorkolonialen Gesellschaften und besonders den grossen Staaten Subsahara-Afrikas des 19. Jahrhunderts standen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen im Wettbewerb.

Durch die Einführung neuer Verwaltungsstrukturen und Steuern veränderten die Kolonialherren jedoch das Machtgefüge in den bestehenden Regionen und Dörfern. Die neuen administrativen Grenzen wirkten sich stark auf die soziale Zusammensetzung der ethnischen Gruppen aus. Bestehende Beziehungen wurden durch die Kolonialherren aufgebrochen und neue erzwungen. Die Bevölkerung wurde entsprechend kategorisiert. Die Identifikation der Menschen findet seither über diese auf Herkunft basierten ethnischen Gruppen statt.

Neben den externen kolonialen Prozessen konstruierten Eliten gleichzeitig eigene neue Ethnien, um politisches Gewicht und damit Zugang zu den Ressourcen zu erhalten. Denn entsprechend den ethnischen Gruppen vergaben die Kolonialherren einflussreiche Positionen in ihrer Verwaltung. Dadurch entstanden schirmherrschaftlichen Beziehungen zwischen Eliten, die sich um diese Posten bewarben und sich die Unterstützung ihrer Bevölkerungsgruppen durch Versprechen sicherte. Diese Abhängigkeiten dominieren bis heute die Beziehungen zwischen Politikern und der breiten Bevölkerung, die bei Bedarf mit unterschiedlichen Mitteln mobilisiert wird.

Ethnien ähneln politischen Parteien

So funktionieren ethnische Gruppen heute in Kenia wie moderne politische Parteien. Die Anführer von Kikuyu, Luo, Luhya oder Maasai setzen sich mehr oder weniger für die Anliegen jener Bevölkerungsgruppen ein, die sie vertreten und durch die sie gewählt wurden. Sie debattieren auf nationaler Ebene Geschäfte, wetteifern um zentrale Positionen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft und mobilisieren ihre Basis für diese Zwecke.

Durch die ausgeprägten schirmherrschaftlichen Beziehungen zwischen den politischen Eliten und den jeweiligen Bevölkerungsgruppen geschieht vieles im Hintergrund auf intransparente Weise. Da werden schon mal jugendliche Gangs angeheuert, um konkurrierende Politiker oder Ethnien einzuschüchtern oder wie nach den Wahlen 2007 sogar mit Gewalt zu vertreiben.

Wer Stämme und ihre Traditionen für die Rückständigkeit und ausstehende ökonomische Entwicklung der armen Länder Afrikas verantwortlich macht, ignoriert diese Realitäten. Gleichzeitig befeuern die schirmherrschaftlichen Beziehungen aber die Korruption eher, als dass diese dadurch bekämpft wird.

Karen Blixen

In «Out of Africa» spielt Schauspielerin Meryl Streep die Dänin Karen Blixen. Nach ihrer als Zweckehe arrangierten Heirat wandert die Autorin mit ihrem adligen Ehemann nach Kenia aus. Da sich dieser lieber auf die Grosswildjagd begibt, als die von ihm in Nairobi erstandene Kaffeeplantage zu leiten, übernimmt Blixen. Später trennen sich die beiden, wobei sie sich in Denys Finch Hatton, gespielt von Robert Redford, verliebt. Blixen lebte von 1914 bis 1931 in Nairobi und kehrte nach mehreren persönlichen Tragödien für immer nach Dänemark zurück. Ihr damaliges Kolonialhaus beherbergt heute ihr Museum im gleichnamigen Viertel Karen. Der Film basiert auf verschiedenen Werken von und über Karen Blixen.

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