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Wie eine Luzerner Familie Plastik aus ihrem Alltag verbannt
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Ein Jahresvorrat an Kastanienpulver zum Waschen. (Bild: Laura Spring)

Reise um die Welt führte zu Umdenken Wie eine Luzerner Familie Plastik aus ihrem Alltag verbannt

5 min Lesezeit 6 Kommentare 08.02.2019, 11:00 Uhr

Sechs Monate war die vierköpfige Familie Hermann auf Reisen. Die erlebte Konfrontation mit dem Abfall und den Auswirkungen des Klimawandels führte zurück in Luzern zu einem radikalen Ansatz im Alltag. Im Gespräch verraten sie uns, wie sie einen nachhaltigen Lebensstil mit weniger Abfall meistern.

Die Reise hat ihre Sicht auf die Welt und ihren eigenen Alltag hier in Luzern verändert. In Kalifornien erlebte Familie Hermann, wie kostbar Wasser ist und wie dramatisch sich die Privatisierung des Wassers für Mensch und Umwelt auswirkt. In der Südsee können die Fischer nicht mehr fischen, weil wegen des Klimawandels das Meer zu warm ist und die Fische wegen giftiger Bakterien nicht mehr essbar sind. Gleichzeitig wurde die Familie in San Francisco mit viel genauerer Mülltrennung und einem Plastikrecycling konfrontiert, wie wir es in der Schweiz nicht kennen. Und überall trafen sie auf viel Abfall.

Es wurde ihnen so richtig bewusst, wie viel Abfall sie als Familie produzieren. Das Abfall- und Wasserproblem war in den bereisten Ländern sichtbarer als im aufgeräumten Wasserschloss Schweiz. Doch je länger sie sich mit dem Thema auseinandersetzten, umso mehr sahen sie Zusammenhänge zu ihrem Alltag hier in Luzern. Klimawandel und Umweltverschmutzung kennen keine nationalen Grenzen und auch in der vermeintlich sehr sauberen Schweiz landet viel Plastik in der Umwelt.

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Der Weg zu «minimal waste»

Zurück zu Hause fand die Familie einen leeren Kühlschrank vor und wagte den Neustart. Das Ziel war, möglichst keinen Abfall mehr zu produzieren. Mit Stoffsäckli und Einmachgläsern bewaffnet, stiessen sie bereits beim ersten Gang zum Detailhändler auf das erste Problem: Bei den Rüebli hatten sie die Wahl zwischen konventionellen – also mit Pestiziden behandelten Karotten – oder in Plastik verschweissten Bio-Rüebli.

Sie realisierten, dass sie für frisches Gemüse und Obst in Zukunft immer an den Wochenmarkt gehen werden. Beim lokalen Beck können sie sich das Brot in einen mitgebrachten Stoffbeutel einpacken lassen. Für jedes Lebensmittel eröffneten sich so neue Beschaffungswege. Dies wurde teilweise sehr umständlich und zeitaufwändig.

Lebensmittelvorrat beinahe ohne Plastikverpackungen

Lebensmittelvorrat beinahe ohne Plastikverpackungen

(Bild: Laura Spring)

Innerhalb der Familie kam es in dieser Anfangsphase auch zu Krisen und Auseinandersetzungen: Lieblingsmenüs mussten ganz neu gestaltet werden und manchmal überwog am Abend die Ernüchterung, wenn sie nach stundenlangem Einkaufen mit nur sechs Produkten zu Hause sassen. Doch mit besserer Einkaufs- und Menüplanung und vielen neuen Rezepten gelang die Umstellung zu einem nachhaltigeren Lebensstil (fast) ohne Müll innerhalb weniger Monate. Fürs Lieblingsessen Fajitas zum Beispiel wird der Teig nun selber gemacht, die Bohnen schon am Vorabend eingeweicht und der Sauerrahm selber angesetzt.

Neben der Abfallvermeidung hat sich die Familie Hermann auch zum Ziel gesetzt, möglichst keine Produkte mit Mikroplastik und anderen umweltschädlichen Inhalten zu verwenden. Das bedeutete auch bei Putzmitteln und Kosmetika eine Umstellung. Einiges stellen sie nun selber aus natürlichen Zutaten her: Waschmittel, Klarspüler und Deo. Sie investieren viel Zeit in ihren Garten und bauen Gemüse, Kräuter und Obst an. Auch damit sparen sie sowohl Verpackungsabfall als auch Transportwege ein.

Das Resultat kann sich sehen lassen: Waren es früher zwei 35-Liter-Säcke pro Woche, füllen sie nun in zwei Monaten gerade mal einen 17-Liter-Sack.

Trotz etwas Mehraufwand findet die ganze Familie, dass sich die Umstellung zum neuen Lebensstil für sie gelohnt hat. Es gibt ihnen viel Zufriedenheit, weil sie im Kleinen etwas bewirken können.

Wie viel Aufwand für ein bisschen Öko?

Nach dem Gespräch mit Familie Hermann über ihren Weg zu einem nachhaltigeren Lebensstil kreisen viele Gedanken in meinem Kopf. Viele Menschen, die ich kenne, würden gerne einen umweltfreundlicheren Alltag leben. Mit den heutigen Rahmenbedingungen ist das aber mit zeitlichem und finanziellem Mehraufwand verbunden.

 

Herstellung von natürlichem Waschmittel

Herstellung von natürlichem Waschmittel

(Bild: Laura Spring)

Es braucht gerade in einer kleineren Stadt wie Luzern auch einiges an Wissen, um umweltfreundlich einkaufen zu können. Hilfreich sind der Austausch und die Vernetzung von Gleichgesinnten. Es gibt ganz viele Wege sich einzusetzen. Da die Auswirkungen unseres Konsumverhaltens auf die Umwelt komplex sind, ergeben sich aber auch Zielkonflikte.

Unverpackt oder bio?

Manchmal steht man im Laden und ist verunsichert: Ist es sinnvoller unverpackte konventionell produzierte Lebensmittel zu kaufen oder in Plastik eingeschweisste Bio-Produkte? Dazu frage ich bei Greenpeace und Bio Suisse (Verband der Schweizer Biobauern) nach. In einer Stellungnahme verweist Bio Suisse auf die Richtlinien, welche dazu anhalten, möglichst ökologische Verpackungen zu verwenden. Der Verband macht aber keinen Druck, vom Plastik wegzukommen, da in Ökobilanzen dieses Material doch gut abschneide und gemäss Studien nur circa 5 Prozent der Ökobilanz ausmache.

Der Hauptgrund, dass Bio-Produkte im Laden stärker verpackt sind, sei die gesetzlich vorgeschriebene eindeutige Warentrennung der Bio-Produkte. Greenpeace hingegen ist überzeugt, dass das Problem der Trennung von Bio und konventionell auch mit anderen Mitteln lösbar ist (etwa Klebeetiketten, Banderolen oder Food-Tattoos). Im Sommer 2018 hat Greenpeace die grössten Schweizer Detailhändler zu ihrem Plastik- und Verpackungsverbrauch befragt, um Transparenz zu schaffen.

Das Resultat ist ernüchternd

Kein Detailhändler ist bereit, den Verbrauch aufzudecken. Beide Organisationen sind sich aber einig, dass mit dem Kauf von Bioprodukten eine nachhaltige Landwirtschaft mit ganz vielen Aspekten unterstützt wird, die beim Anblick des Gemüses im Laden nicht sichtbar sind: Böden, Wasser und Lebensmittel werden nicht mit giftigen Chemikalien verunreinigt, weil der Bio-Anbau keine chemisch-synthetischen Pestizide verwendet.

Daher sei es als Notlösung immer noch umweltfreundlicher, plastikverpackte Bioprodukte anstatt konventionelle unverpackte Produkte zu kaufen. Aber es bleibt dabei, dass auch in Luzerner Abfallsäcken viel Plastik, hergestellt aus nicht erneuerbaren Ressourcen (Erdöl), nach einem kurzen Leben als Verpackung wieder verbrannt wird.

Es braucht also weiterhin viel Druck der Konsumenten und auch von Organisationen, um einer breiteren Bevölkerung zu ermöglichen, nachhaltig einkaufen zu können.

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6 Kommentare
  1. Till Hofstetter, 09.02.2019, 21:39 Uhr

    Es geht um Plastikabfall. Ein Stoffsack kann jahrelang verwendet werden. Plastikverpackung wird jedoch in den allermeisten Fällen einmal verwendet.

    zur nzz noch dies hier: https://www.nzz.ch/wissenschaft/jeder-schweizer-fuellt-eine-badewanne-voll-plastic-jedes-jahr-ld.1406001

    1. Markus Aregger, 09.02.2019, 23:50 Uhr

      Danke für die Richtigstellung. Ich weiss nicht, woher diese Liebe zum Plastksack kommt und weshalb er hier so verteidigt wird! Die Cervelat im Plastiksack scheint durch den bösen ÖkoFanatiker in Gefahr zu sein!

  2. Roland Grüter, 08.02.2019, 14:08 Uhr

    Inzwischen sollten eigentlich auch “Oeko-Fanatiker” wissen, dass Stoffsäcke im einzelnen umweltschädlicher sind, als Plastiksäcke. Aber eben, Hysterie ist nicht kontrollierbar.

    1. Markus Aregger, 08.02.2019, 21:09 Uhr

      Wieso sind Stoffsäcke umweltschädlicher als Plastiksäcke?

    2. John Player, 09.02.2019, 17:34 Uhr

      Weil Baumwolle bei der Verarbeitung z.B. sehr viel Wasser benötigt. Das ist überhaupt nicht ressourcenschonend: https://www.nzz.ch/wissenschaft/plasticsaecke-sollen-umweltfreundlicher-sein-als-baumwolltaschen-kann-das-stimmen-ld.1370414

    3. Noël Morf, 11.02.2019, 15:13 Uhr

      Na da lehnen Sie sich aber weit aus dem Fenster. Stimmt zwar, dass Stoffsäcke aus Baumwolle wegen des enorm hohen Wasserbedarfs nicht umweltfreundlich sind. Weit gefehlt jedoch, dass man Stoffsäcke nur aus Baumwolle produzieren könnte. Hanf zum Beispiel würde sich als Rohstoff dafür hervorragend eignen.