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Voodoo in Wolhusen – Wellness oder Hexerei?
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Magische Anziehung für die Voodoo-Besucher in Wolhusen: Kurt Lussi führt ins Reich des Spirituellen ein (Bild: slam)

Magische Kultur aus der Schweizer Wohlfühloase Voodoo in Wolhusen – Wellness oder Hexerei?

5 min Lesezeit 31.10.2016, 10:00 Uhr

Der Tag war schon am Eindämmern, da wurde es ganz still auf den 150 Plätzen im 25 Grad warmen Saal des Tropenhauses. Statt in Afrika, Indien, Haiti oder Amerika stand Wolhusen für einmal im Mittelpunkt der Voodoo-Kultur. Und lebte damit eine Spiritualität, die in der Schweiz so schon im Mittelalter praktiziert wurde.

Das Behandeln von Puppen aus Wachs, Holz und Stoff mit Nadeln, um unliebsame Menschen «auszustechen», hat seinen Ursprung eigentlich im tiefen Mittelalter Europas. Selbst in der Schweiz gab es ähnliche, dunkle Rituale. Zwischen ländlicher Wellnessoase und Hexerei bot das Tropenhaus Wolhusen am Donnerstag so einiges an Spiritualität und Magie. Und das mitten in einem Hightech-Nachhaltigkeitsbetrieb.

Die Stimmung war im wahrsten Sinne des Wortes verhext und die karibisch feuchte Luft von Mystik geschwängert. Und das nicht nur wegen der spektakulären, natürlichen Kulisse: das Erlebnishaus mit rund 2900 Quadratmetern tropischem Wald und 130 verschiedenartigen, frischen, natürlichen und blühenden Nutzpflanzen und -früchten. Und mittendrin: eine Voodoo-Show mit dem Experten Kurt Lussi. Die Tische der Gäste spiegelten sich am gläsernen Firnis des Hauses wie die Sterne über den Köpfen der Zuschauer. Jasminblätter fielen vom Dach des Tropenhauses auf die Terrasse des Mahoi-Restaurants.

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Ein (be)rauschendes Erlebnis

Das Trance-fördernde Voodoo-Trommeln und bei genauerem Hinhören das Rauschen des Regenwassers, mit dem die tropische Kulisse bewässert wird, hier im Video:

2010 wurde das Tropenhaus – dank dem Engagement mehrerer grüner Politiker und Persönlichkeiten und der Abwärme der Erdgaspumpstation der nahe gelegenen Gasverdichtungsstation in Wolhusen selbst – eröffnet und ist seither erfolgreiche Kulturbühne und Ausflugsdestination mitten in der Zentralschweiz. «Natürlich haben wir rundherum die Berge, doch das tropische Klima hier drin ist etwas ganz anderes», sagt der künstlerische Leiter Ibrahim Demirci: «Wir haben deshalb auch viele Besucher, die von ausserhalb des Kantons kommen. Ich war selbst überrascht, als ich mich letzte Saison in die Programmation gestürzt habe, wie unterschiedlich die Besucherschaft ist. Auch für jeden Anlass ist es wieder eine spannende bunte Mélange von Leuten. Aber alle kommen sie her, um zu geniessen.»

Voodoo-Puppen: Ähnliches kannte man schon im tiefen Mittelalter in der Schweiz.

Voodoo-Puppen: Ähnliches kannte man schon im tiefen Mittelalter in der Schweiz.

(Bild: slm)

Demirci scheint beim Anblick der vollen Reihen einen sechsten Sinn zu haben, wenn es um die Programmierung von Kult(ur)anlässen geht. Alle anderen fünf Sinne werden im 2010 eröffneten Haus bereits verwöhnt: In den Duftglocken werden Düfte der hier angebauten Früchte und Blütenpflanzen lebendig, im Fischbecken rauscht das Leben und am gemütlichen Karibikstrand rekeln die Besucher die Füsse im warmen, weissen Karibiksand. Auch die Fische, die das Tropenhaus natürlich mit Dünger versorgen, werden im Restaurant verwertet, ganz im Sinne der nachhaltigen Anbauweise.

Voodoo-Requisiten aus aller Welt.

Voodoo-Requisiten aus aller Welt.

Respiritualisierung mit Schweizer Wurzeln

Statt natürlich und spirituell lebten wir in einer «entspiritualisierten Gesellschaft», stellt Buchautor und Kurator Lussi fest. Weder zum Leben noch zum Wahrnehmen der Umgebung hätten wir heute Zeit. Immer mehr, meint er, «wollen die Leute Spiritualität und ihre Sinneswahrnehmung für Neues öffnen». Es sei wie beim Voodoo: Wenn die Seele nicht im Gleichgewicht ist, werde man anfälliger auf Krankheiten. Die Seele sitzt nach dem Voodoo-Glauben in der Mitte des Brustkorbs.

Voodoo-Experte Lussi konfrontiert die Zuschauer aber bewusst auch mit zwiespältigen Realitäten: «Die Menschen, die ich kennenlernen durfte in New Orleans, in West- und Ostafrika, sie kennen solche Probleme weniger, bewundern aber trotzdem die in der westlichen Welt nicht weniger faszinierenden Entwicklungen und technischen Meisterleistungen. In diesem Sinne würde dem Tropenhaus vonseiten dieser Menschen auch eine magische Bewunderung zuteil werden.»

In der Schweiz werden unter anderem in Basel bereits 1807 Rituale mit verbrannten Puppen dokumentiert, erklärt der Ethnologe. Auch Totenkulte mit Opfergaben waren etwa in der Schweiz weit verbreitet, vieles sei dann in einer Zeit übernommen worden, als andere Religionen als die katholische in einigen Ländern verboten wurden. So vermischten sich Rituale und die Darstellung von Heiligen bereits in Zeiten der Kolonialmächte und während der ersten Migrationswellen.

Selbst angebauter Tabak mitten in Wolhusen.

Selbst angebauter Tabak mitten in Wolhusen.

Selbstheilung

Voodoo hat jedoch auch seine Schattenseiten und viele Voodoo-Priester verabschieden sich von guten Absichten: «Diese Leute werden von der weltweit anerkannten Voodoo-Religion ausgestossen. Wer sich aber von der Gewaltfreiheit des Voodoos überzeugen möchte, der soll sich das am besten vor Ort anschauen und mit den Menschen direkt sprechen. Ich habe dies als sehr spannend und bereichernd erlebt.»

Lussi selbst berichtete den Zuschauern von einer Verhexung, die durch Voodoo geheilt worden ist: «Ich habe derartiges auch an mir erlebt.» Sehr vieles wird aber auch dank dem Glauben an Selbstheilung und den Placebo-Effekten erreicht, ist sich Lussi sicher. Am Schluss durften die Besucher deshalb eine afrikanische Wunschbohne mit nach Hause nehmen, durch die ein Wunsch in Erfüllung gehen soll.

Im Tropenhaus ist Spiritualität und Einklang mit der Natur erlaubt.

Im Tropenhaus ist Spiritualität und Einklang mit der Natur erlaubt.

Am Hausstrand einnicken

In der einzigartigen Event-Location des Tropenhauses finden zirka 40 bis 60 private Grossanlässe jährlich statt. Mehr eigene Veranstaltungen will man aber nicht: «Fünf bis sechs Veranstaltungen, die wir selber im Team gut finden, das hat sich als gute Balance erwiesen. Wir sind sehr zufrieden damit und unsere Gäste auch.»

Das kostet das sehr junge Team aber auch viel Arbeit. Ausruhen wollen sie sich aber noch lange nicht: «Eine Hängematte wäre zwar da, aber die ist für die Gärtner bestimmt. Die pflegen ja die Tausenden Quadratmeter tagtäglich.» Und die Gäste? «Es gibt dann und wann auch Gäste, die kurz wegnicken, wenn sie ihre Füsse in der Sonne liegend im warmen Sand liegen und vermutlich mit dem Kopf ganz woanders sind.»

Künstlerischer Leiter Ibrahim Demirci.

Künstlerischer Leiter Ibrahim Demirci.

Hier lässt man sich gerne treiben: der hauseigene Strand.

Hier lässt man sich gerne treiben: der hauseigene Strand.

Hinweis: Die Karibik-Ausstellung mit diversen Anlässen läuft noch bis 28. Februar 2017 in Wolhusen.

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