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Viel Energie, viele Ressourcen – wenig Zeit
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Wir produzieren immer mehr – und konsumieren ebenso überschwänglich. Oft sehr wertige Produkte, die andernorts als kostbares Gut angesehen werden. Zum Beispiel PET-Flaschen. (Bild: Aura )

Viel Energie, viele Ressourcen – wenig Zeit

4 min Lesezeit 09.12.2015, 15:14 Uhr

Wir sind umgeben von Konsumgütern wie selten in der Geschichte. In vielen auch einfachen Dingen wie einem Laptop-Ladekabel stecken viel Energie, Arbeit und Ressourcen. Eine Entsorgungsfahrt durch Luzern zeigt, wie schnell wertvolle Produkte entsorgt und nicht repariert werden; oft mangels Zeit.

Und im Anfang war doch hinter allem die gute Absicht gewesen, dachte ich nach dieser Entsorgungsfahrt durch Luzern (mit dem Velo natürlich!). Begonnen hatte es mit einer Räum- und Putzaktion in der Wohnung: Wunderschöne Zeitschriften mit intellektuell blendendem Inhalt landeten in der Papiersammlung. Hunderte von Menschen hatten an ihnen gearbeitet, ihr Herzblut dafür gegeben. Jetzt wird ihr Werk gebündelt und entsorgt. Die gute Absicht: Ich wollte alle Artikel lesen, das ganze Wissen aufsaugen. Am Schluss verstaubten die Blätter kaum gelesen. Immerhin: Durch das Recycling des Papiers können grosse Mengen, ungefähr 60 Prozent Energie und 70 Prozent Wasser, eingespart werden. Dann ging es raus in die Stadt. Zuerst wollte eine alte Velokette entsorgt werden. Ich hatte sie einmal beim Umbauen eines Velos nicht mehr gebraucht. Die gute Absicht: Fast zwei Jahre hatte ich gehofft, sie noch verwenden zu können. Nun ist sie beim Velomech im Altmetall gelandet. Immerhin: Die Produktion von Recyclingstahl braucht rund drei Viertel weniger Energie und stösst nur halb so viel CO2 aus wie neuer Stahl.

Seesack über Bord

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Der nächste Halt: Das Caritas Brocki in der Neustadt, wo ich einen alten Seesack vorbeibrachte. Ich hatte diesen einmal als Werbegeschenk erhalten. Die gute Absicht: «Doch, doch, den wirst du schon gebrauchen, auch wenn er klein und unpraktisch ist», hatte ich zu mir gesagt. Er bestach nicht gerade durch Qualität, doch auch hier steckten Arbeit (wahrscheinlich von einer südasiatischen Näherin unter prekären Bedingungen genäht) und Rohstoffe drin. Immerhin: Ich hoffe nun, dass er im Brocki einen neuen Besitzer finden wird, der ihn praktischer findet als ich.

In meinem Rucksack wartete noch ein letztes Stück auf seinen letzten Gang: Ich brachte ein Laptop-Ladekabel in den Verkaufsladen zurück. Klingt nicht gerade nach viel. Doch die Dinger samt Netzteil sind teuer und es steckt eine Menge Wissen und Material drin. Die gute Absicht: Eigentlich war nur das Kabel an einem Ort durchgebrannt und ich hatte gehofft, es einmal zur Reparatur zu bringen. Es schien mir einfach verrückt, ein so hochtechnisches Produkt wegen einer Blessur einfach fortzuwerfen. Es blieb beim Vorsatz – auch im Wissen, dass dies heute kaum mehr jemand machen könnte und wollte. Immerhin: Beim Recycling werden die meisten enthaltenen Rohstoffe wieder zurückgewonnen sowie viel Energie und CO2 eingespart.

PET als Geschenk

Ich fühlte mich richtig schlecht während dieser Tour. Mit jeder Entsorgung wurde mir mehr bewusst, wie verwöhnt eine Gesellschaft sein muss, die so mit wertvollen Produkten umgeht. Wir produzieren immer mehr – und konsumieren ebenso überschwänglich. Oft sehr wertige Produkte, die andernorts als kostbares Gut angesehen werden. Ich erinnerte mich an einen Aufenthalt in Westafrika. Als Geschenk nahmen wir jeweils PET-Flaschen mit. Wir trinken heute meist das Getränk darin in wenigen Zügen und werfen die Flasche im Idealfall in den korrekten Sammelbehälter. Mir kam die geniale Dokumentation «Kaufen für die Müllhalde» über die geplante Obsoleszenz in den Sinn. Also über Produkte, die extra so produziert werden, dass sie schneller kaputt gehen.

 

Ich habe mir nach dieser Fahrt sieben Thinking Steps zurecht gelegt (ja, ich Dreamer), um möglichst wenig Abfall zu verursachen und diesen korrekt handzuhaben. Sie sind inspiriert von Vordenkern eines ökologischen, sozialen Lebensstils:

1. Kaufe so wenig als möglich, so viel als nötig.
2. Kaufe in der Regel ein Produkt erst, wenn du mindestens eine Nacht über den Kauf geschlafen hast.
3. Erwerbe wenn immer möglich Secondhand-Produkte.
4. Bei Neuwaren: Achte auf zeitloses Design, Qualität und dass sich das Produkt gut reparieren oder aufrüsten lässt. Oft gibt es auch die Möglichkeit, Produkte zu teilen anstatt neue zu kaufen.
5. Repariere wo möglich.
6. Bevor du etwas fortwirfst: Bei Freunden, Brockis, Flohmärkten und Internetbörsen findest du oft dankbare Abnehmer.
7. Trenne sauber und richtig.

Welch’ Balsam für meine Öko-Seele dann zum Schluss meiner Entsorgungsfahrt: Als letzten Posten peilte ich meine Schneiderin an der Obergrundstrasse an; hier holte ich zwei paar Hosen ab. Ich hatte eine Jeans und eine Skihose zum Flicken gegeben – da konnte ich gut verkraften, dass ich irgendwo in der Altstadt für denselben Preis eine neue Jeans gekriegt hätte.

 

(Alle Angaben zum Recycling stammen von den Merkblättern «Abfall und Recycling» von Praktischer Umweltschutz)

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