Tödliche Kleider – und wie man in Luzern drum herumkommt
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Im Trend der kurzlebigen Mode zu tiefen Preisen (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Trends im Modekonsum Tödliche Kleider – und wie man in Luzern drum herumkommt

4 min Lesezeit 14.04.2016, 16:32 Uhr

Rebekka Sommerhalder schreibt über Werte im Modekonsum, hinterfragt das Verhalten der «Fast Fashion», und zeigt die Trends auf hin zu weniger Besitz und mehr Freiheit.

Meine Studienzeit liegt eigentlich schon ein paar Jahre zurück. PHLU sei Dank, durfte ich vor wenigen Tagen trotzdem wieder Hochschul-Luft schnuppern. Ich war eingeladen, mit einer Klasse über gesellschaftliche Wertekonflikte zu diskutieren – am Beispiel «deadly clothes», wie es der Dozent bedeutungsvoll nannte. «Gesellschaftliche Wertekonflikte» klingt so wahnsinnig akademisch. Ist aber absolut alltagsnah. Gerade «deadly clothes». Tödliche Kleidung. In diesen Tagen, in denen sich der verheerende Fabrikeinsturz in Rana Plaza zum dritten Mal jährt, darf man sich darüber ruhig mal Gedanken machen.

Lebensgenuss, Besitztum, Freiheit

Bei einem gesellschaftlichen Wertekonflikt treffen also verschiedene Überzeugungen aufeinander, die sich schlecht oder gar nicht vereinbaren lassen und die in irgendeiner Form die gesamte Gesellschaft betreffen. Im Fall «deadly clothes» lässt er sich wunderbar aufzeigen. Einerseits möchten wir – die westliche Gesellschaft – gerne möglichst viele und möglichst modische Kleider besitzen und dafür lieber nicht zu viel Geld ausgeben. Es geht um Lebensgenuss, Besitztum, Freiheit. Andererseits fühlt es sich schlecht an, wenn dafür jemand leiden muss. Es geht um Menschenwürde, Mitgefühl, Gerechtigkeit. Und das lässt sich blöderweise schlecht vereinbaren. Den einen ist nichts heiliger als das Auskosten der schönen Seiten des Lebens und die anderen klagen sie dafür an. Die einen setzen sich lautstark für eine gerechtere Welt ein und die anderen nennen sie deshalb verächtlich «Gutmenschen», weil sie ein scheinheiliges Gehabe vermuten. Und schon stecken wir mitten in einem gesellschaftlichen Disput. Was ist bedeutsamer: «Kleider machen Leute» oder «Leute machen Kleider»?

«Überhaupt nicht fair und überhaupt nicht ökologisch.»

Ich frage mich, ob der gesellschaftliche Wertekonflikt nicht viel mehr mein ganz persönlicher ist. Was ist mir denn wirklich wichtiger, das Kleid oder der Mensch? Die Frage begleitet mich seit Jahren. Und nervt des Öfteren. Das Leben war ohne diese Frage bedeutend bequemer. Ehrlich gesagt hoffte ich immer, beides vereinbaren zu können. Im Grunde geht das sogar: Wenn ich will, kann ich mir ganz viele und immer neue schöne Kleider kaufen, die unter fairen und ökologischen Bedingungen produziert wurden. Das geht. Das geht sogar hier in Luzern. Ich kann bei Coop Naturaline einkaufen, oder bei Unica Fair Trade. Oder im Erfolg. Oder bei glore. So viel ich will. Von einem nachhaltigen und verantwortungsbewussten Lebensstil ist das allerdings weit entfernt. Möglichst schnell und möglichst viel hat so seine Haken. Dank dem «Fast Fashion» Phänomen, das uns seit den 90er Jahren unseren Modekonsum diktiert, verschwenden wir Kleider wie kein zweites Gut. Einen Grossteil unserer Kleider werfen oder geben wir weg, ohne dass sie auch nur annähernd zu Ende gebraucht sind. 40 Prozent unserer Kleidereinkäufe hängen im Schrank, ohne dass wir sie auch nur ein einziges Mal anziehen. 80 Milliarden Kleidungsstücke werden jährlich produziert. 80 Milliarden. In den meisten Fällen eben nicht fair und ökologisch. Überhaupt nicht fair und überhaupt nicht ökologisch.

Mehr Freiheit durch weniger Besitz

Natürlich kann ich mich theoretisch dafür entscheiden, dass mich diese Fakten nicht interessieren. Aber praktisch kann ich es nicht. Nicht mehr. Nicht seit mich in den letzten Jahren diese Frage begleitet. Glücklicherweise merke ich, dass dieser ach so schwere Verzicht gar nicht ach so schwer ist. Wie sagte es die holländische Trendforscherin Li Edelkoort unlängst im Interview mit dem Zeit Magazin: «Zu viel Auswahl wird in Zukunft immer unattraktiver werden. Schon heute produzieren die jungen Designer nur noch kleine Kollektionen. Die Menschen wollen weniger besitzen, das gibt ihnen ein Gefühl der Freiheit zurück.» Sie hat recht. Weil ich auch mit weniger immer noch absolut genug habe. Diese gut überlegte, gut gewählte Garderobe macht mich tatsächlich glücklicher. Natürlich auch, weil es keine «deadly clothes» sind, die ich mir heute kaufe.

Damit bin ich nicht alleine – sonst hätte es wahrscheinlich auch keine renommierte Trendforscherin prophezeit. Immer mehr Leute setzen in diesem Wertekonflikt neue Prioritäten. Es hat sich sogar eine «Fashion Revolution Bewegung» gebildet. Und in ebendiesen Tagen – zum Jahrestag des Rana Plaza Unglücks – wird sie besonders aktiv. Vom 18. bis 23. April findet die «Fashion Revolution Week» statt. Auch in Luzern. Am Donnerstag, 21. April, kann man zum Beispiel seine alte Jeans kostenlos auf Vordermann bringen lassen. So, dass das Lieblingsstück noch weiter Wegbegleiter bleibt und längst nicht ausgedient hat. Oder man besucht am Freitag, 22. April, die Vorführung des wichtigsten Films über die Modebranche: The True Cost. Er hat die Lösung meines ganz persönlichen Wertekonflikts massgeblich beeinflusst.

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