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Pestizid-Rückstände beunruhigen
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Extensiver Einsatz von Pestiziden, hier im deutschen Niedersachsen. (Bild: Christ Martin Bahr, WWF)

Luzerner Behörden tun wenig gegen Missstand Pestizid-Rückstände beunruhigen

4 min Lesezeit 22.02.2020, 11:01 Uhr

Pestizide sind überall. Diesen Eindruck vermitteln Tageszeitungen und andere Medien in den letzten Wochen. In Fischbach LU und Hünenberg ZG sind massive Überschreitungen des Grenzwertes feststellbar. Gravierend sind aber auch die Versäumnisse der Behörden, gerade in Luzern.

Spuren von Pestiziden finden sich im Grundwasser. Sie finden sich vielerorts im Trinkwasser. Und sie lassen sich in beängstigender Vielfalt auch in Fliessgewässern nachweisen.

Eindrücklich ist auch die Vielfalt von Stimmen und Tonlagen in den Berichten. Während die einen Ranglisten von «Pestizidhöllen» präsentieren, warnen andere vor den Kostenfolgen für die Trinkwasserversorgungen. Neben Forderungen nach raschem staatlichem Handeln gibt es Aussagen wie «Panik ist fehl am Platz».

Entsprechend wird das Thema auch in Parlamenten beraten, so auf Bundesebene bei der Gestaltung der zukünftigen Landwirtschaftspolitik, so im Kanton Luzern anlässlich einer Anfrage.

Ist-Zustand im Kanton Luzern

Wie sieht die Lage in unserem Kanton aus und was tun die Behörden zum Schutz des Grundwassers?

Weil Luzern wenig Ackerbauflächen aufweist, dürften eher wenig Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, entsprechend wenige Rückstände sollten sich finden lassen. Diese Vermutung trifft leider nicht zu. So gehört Fischbach zu den grössten «Pestizidhöllen» der Schweiz. Der Grenzwert für ein Abbauprodukt des Wirkstoffs Chlorothalonil (einem Mittel gegen Pilzbefall) wurde dort um das 12-fache überschritten. Und auch im zugerischen Hünenberg ist das Grundwasser 3,4 Mal so stark belastet wie zulässig.

Was meiner Meinung nach ebenso prekär ist wie die Überschreitung der Grenzwerte: Die betroffenen Gemeinden wurden nicht informiert. Erst ein Artikel in der «Sonntagszeitung» machte die Missstände öffentlich. Die Verantwortlichen der Wassergenossenschaft in Fischbach erfuhren so aus der Zeitung von ihrem Problem.

Versäumnisse der Behörden (1)

Nun ist es so, dass die Anwendung von Chlorothalonil in der Schweiz erst seit Anfang dieses Jahres verboten ist. Die Daten hat der Bund aber bereits im Jahr 2017 erhoben. Ist vor diesem Hintergrund eine Nichtinformation der Öffentlichkeit vertretbar? Ich meine: Nein. Wenn in 20 von 31 getesteten Gebieten ein Grenzwert überschritten wird, ist Information zwingend. Selbst dann, wenn der heutige Grenzwert zu Zeiten der Probe-Entnahmen noch gar nicht galt.

Versäumnisse der Behörden (2)

Vorwürfe gehen aber nicht nur an Dienststellen beim Bund. Auch in Luzern gibt es gravierende Mängel. Die Luzerner Behörden haben ihre Versäumnisse gleich selber offengelegt. Dies in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage zur Pestizidbelastung im Grundwasser. Dort hält die Regierung fest, dass im Kanton Luzern «verbreitet Spuren von Pflanzenschutzmitteln unterhalb des Anforderungswerts [sic] nachgewiesen» wurden. Gleichzeitig gesteht die Regierung ein, dass für Chlorothalonil noch keine Messungen vorliegen.

Das Trinkwasser werde im Kanton regelmässig untersucht. Die Ergebnisse sind aber nicht gerade beruhigend. Wir erfahren nämlich, dass «bei 75 Prozent der untersuchten Trinkwasserproben mindestens ein Pflanzenschutzmittel oder dessen Abbauprodukt nachgewiesen werden kann». Dass die Konzentration in den allermeisten Fällen aber im gesetzlichen Rahmen liege, finde ich persönlich nicht wirklich tröstlich.

Veraltete oder fehlende Daten

Besonders dramatisch sind Unwissen und Unvermögen aber im Bereich der Fliessgewässer.

Zum einen sind die Daten alt: Sie stammen aus den Jahren 2002–2007. Seither wurden «aus Ressourcengründen» keine neuen Daten mehr erhoben. Und dies, obwohl die Ergebnisse damals alles andere als rosig waren: Die Untersuchungen «haben eine hohe Grundbelastung gezeigt. Bei allen 46 untersuchten Gewässerstellen konnten Pestizide nachgewiesen werden, bei 36 Messstellen wurden Überschreitungen der gesetzlichen Anforderungen festgestellt.» Über Massnahmen in der Vergangenheit oder für die Zukunft schweigt sich die Regierung aus.

Fazit: Auch wenn Panik sicher fehl am Platz ist – ich erwarte von unseren Behörden deutlich mehr Einsatz in einem derart sensiblen Bereich. Altlasten und gegenwärtige Probleme mit Pestiziden und Pestizidrückständen dürfen nicht einfach ignoriert werden. Das gilt selbst dann, wenn die zukünftige Agrarpolitik des Bundes wohl etwas schärfere Vorgaben zum Einsatz von Pestiziden machen wird.

Alle Zitate stammen aus der Antwort der Regierung auf die Anfrage A 151 von Josef Schuler und Mitunterzeichnenden; datiert: 7. Januar 2020, Download hier.

Hinweis: Der Autor ist Präsident des WWF Luzern. Autorinnen und Autoren äussern in den Blogs ihre eigene Meinung.

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