Eine Kuh macht «Muh», viele Kühe machen in Luzern Mühe
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Im Luzerner Kulturland dominieren eintönige, artenarme Wiesen. Vorherrschend ist der Löwenzahn, der die nährstoffreichen Verhältnisse anzeigt. (Bild: S. Ehrenbold/Pro Natura Luzern)

Zu viele Nutztiere, immer mehr Futtermittel-Importe Eine Kuh macht «Muh», viele Kühe machen in Luzern Mühe

5 min Lesezeit 5 Kommentare 28.04.2021, 10:51 Uhr

Viele Böden im Kanton Luzern sind mittlerweile mit Nährstoffen überversorgt. Dies führt zu instabilen Wäldern und einer Abnahme der Artenvielfalt sowie zu übermässigem Algenwachstum in hiesigen Gewässern. Welche Lösungsansätze es für dieses weitverbreitete Problem gibt, erklärt Samuel Ehrenbold in seinem Blogpost.

Wer in diesen Tagen durch die Niederungen des Kantons Luzern streift, erkennt unschwer die weiten tiefgrünen Wiesen. Derzeit dominiert über dem Grün an vielen Stellen das Gelb der Löwenzahnblüten. Die vermeintliche Blumenpracht, von Bienen zwar gerne besucht, entpuppt sich bei genauerem Hinschauen als eintöniges, artenarmes Grünland. Artenvielfalt in der Kulturlandschaft sieht anders aus.

Von Brasilien auf die Luzerner Wiesen

Geschuldet ist die Zweifarbigkeit einerseits den in der Region typischen humosen Böden und dem üppig fallenden Niederschlag, andererseits aber den reichlichen Düngergaben in Form von Mist und Gülle. Diese nährstoffhaltigen Abfallprodukte der Nutztierhaltung werden mehrmals jährlich auf den Wiesen ausgebracht. Pflanzen brauchen für das Wachstum Nährstoffe. So weit, so gut. Nun hat aber der Bestand an Kühen, Schweinen und Hühnern im Laufe der Jahrzehnte stetig zugenommen.

Diese Zunahme des Nutztierbestands war nur möglich, weil immer mehr Kraftfutter verfüttert wurde. Dieses wird mehrheitlich aus Brasilien und anderen Ländern importiert. Die Nutztierhaltung ist damit «aus dem Ruder gelaufen»: Immer mehr Futtermittelimporte ermöglichten immer mehr Nutztiere, was wiederum zu immer mehr Gülle führte, die bei uns auf die Wiesen gelangt. Inzwischen sind viele Luzerner Böden mit Nährstoffen überversorgt. Der reichlich vorhandene Löwenzahn zeugt davon.

Die Futtermittelimporte, welche die problematisch hohe Nutztierdichte erst ermöglichen, nehmen seit 1990 laufend zu.

Nährstoff-Flut gefährdet Artenvielfalt

Besonders dramatisch ist die Situation gerade auch im Kanton Luzern, wo sehr viele Nutztiere gehalten werden. So leben allein im Kanton Luzern mit über 420’000 sogar etwas mehr Schweine als Einwohner. Immer häufiger sind grosse Ställe mit Mastpoulets. Ein Teil der Nährstoffe entweicht in Form von Ammoniak in die Luft, wird verfrachtet und düngt weitherum Wälder oder geschützte Lebensräume wie Moore und artenreiche Trockenwiesen. Diese ungewollte Nährstoff-Flut führt zu instabilen Wäldern und einer Abnahme der Artenvielfalt, selbst in Schutzgebieten.

Nicht verwertete Nährstoffe werden überdies bei Regenfällen aus den Böden ausgewaschen und fliessen über Bäche in die Seen.

Dort führen sie zu einer problematischen Überdüngung, die zu übermässigem Algenwachstum führt, was in der Folge dem Wasser gefährlich viel Sauerstoff entzieht. Genau deswegen wird etwa der Baldeggersee seit den frühen 1980er-Jahren mit Reinsauerstoff versorgt: Der See ist todkrank und hängt damit an der Lungenmaschine. Die Umweltverbände weisen seit Jahrzehnten auf das latente Umweltproblem hin, bisher mit wenig Erfolg. Im vergangenen Jahr haben sie deshalb eine Aufsichtsbeschwerde gegen den Kanton eingereicht. Aus Sicht der Verbände machen die Behörden zu wenig, um die Umweltprobleme zu minimieren und den Schutz artenreicher Lebensräume zu gewährleisten.

Die Ablagerung von Stickstoff ist im Kanton Luzern besonders hoch. Die Nährstoff-Flut bedroht auch geschützte Lebensräume wie Wälder, Moore und artenreiche Wiesen.

Politik setzt noch immer falsche Anreize

Lösungswege für diese gravierenden Umweltprobleme wären bekannt: eine regionale, den jeweiligen Standorten angepasste und ressourceneffiziente Landwirtschaft. Was heisst das? Ackerflächen sollten für die Produktion von Nahrungsmitteln und nicht für den Anbau von Tierfutter genutzt werden. Die Intensität darf ein gewisses Mass nicht überschreiten, sonst nehmen Biodiversität und Gewässer Schaden. Regionale und angepasste Sorten sind vorzuziehen. Etliche Landwirtschaftsbetriebe bewirtschaften das Land bereits heute nach ökologischen Grundsätzen.

Leider setzen die Subventionen des Bundes nach wie vor falsche Anreize, auch wenn in den letzten Jahren diesbezüglich etwas korrigiert wurde. Die neue Agrarpolitik, die im Parlament Schiffbruch erlitten hat, hätte weitere Verbesserungen in Sachen Umweltschutz gebracht.

Belastetes Trinkwasser, dreckige Luft

Ist denn die Landwirtschaft nicht bereits den Standorten angepasst und ressourceneffizient? Tagtäglich werden uns ja Bilder einer ökologischen und tierfreundlichen Schweizer Produktion gezeigt. Die Realität ist eine andere: Es werden zu viele Nutztiere pro Fläche gehalten und immer mehr Futtermittel aus dem Ausland werden hierfür importiert. Mehr als die Hälfte des Ackerlandes wird für die Produktion von zusätzlichem Tierfutter genutzt. Die Intensität ist zu hoch, Dünger und Pestizide sind täglich im Einsatz.

Als Folge davon ist der Biodiversitätsschwund inzwischen alarmierend. Die Insektendichte hat dramatisch abgenommen: Zu sehen beispielsweise an den Windschutzscheiben der Autos, auf denen kaum noch Reste von Insekten kleben. Immer mehr Tier- und Pflanzenarten sind bedroht: Rund 60 Prozent der Schweizer Insektenarten und 40 Prozent der Brutvogelarten sind gefährdet. Auch wir Menschen sind direkt betroffen: Mit Nitrat und Pestiziden verseuchtes Trinkwasser und die verschmutzte Luft gefährden unsere Gesundheit.

Wir Konsumenten haben es in der Hand

Wer ist schuld an dieser Misere? Den Bauern ist es nur bedingt anzulasten. Sie nutzen die Möglichkeiten, die ihnen geboten werden. Schuld ist vielmehr die Politik, die diese intensive Produktion über Jahrzehnte mit riesigen finanziellen Anreizen gefördert hat und die Abkehr davon eher bremst, als sie zu beschleunigen. Und welchen Ausweg gibt es? Fossile Energie, Pestizide, Dünger und Futtermittel müssen reduziert werden. Nur so kann die Belastung der Gewässer, Wälder und Böden flächendeckend reduziert werden. In der Landwirtschaftspolitik ist also ein Umdenken gefragt.

Eine gesunde und ökologische Ernährung der Bevölkerung liegt auch im Interesse der Ernährungspolitik: Senkung des Fleischkonsums, Reduktion von Foodwaste und Förderung des regionalen und saisonalen Konsums. Also sind wir auch als Konsumenten gefordert und sollten unsere Konsumgewohnheiten hinterfragen. Fleisch ist eine Umwelt- und Klimasünde. Reduzieren wir den Fleischkonsum, verkleinern wir unseren ökologischen Fussabdruck massiv. Essen wir also bewusster. Und soll es doch einmal ein feines Stück Fleisch sein, so geben wir doch den Vorzug besser dem schmackhaften Luzerner Bio-Weiderind und verzichten auf das mit brasilianischer Soja gemästete Schwein und das mit Antibiotika behandelte Huhn.

Mutterkuhhaltung auf der Weide ist eine ökologische Fleischproduktion: Als Raufutterverzehrer frisst das Vieh hauptsächlich Gras; die Emissionen von Ammoniak sind gegenüber der Stallhaltung reduziert.

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5 Kommentare
  1. Urs Eggler, 29.04.2021, 12:21 Uhr

    Merci für diesen interessanten und ausgewogenen Artikel. Selbstverständlich passen sich die Bauern an die Agrarpolitik an und es liegt an der Politik, diese umweltverträglich zu gestalten. Und da finde ich es nun stossend, dass die gesamte Agrar-Lobby die Verbesserung dieser Agrarpolitik torpediert, anstatt mit ihrem Knowhow dazu beizutragen dass Lösungen gefunden werden. Denn es steht für mich fest, dass die Tierbestände zu hoch sind.

  2. Herbert, 29.04.2021, 10:56 Uhr

    Ich glaube das Problem liegt ganz wo anders, nämlich in der Schweiz wird ja alles zubetoniert und auf diesen Flächen wachsen also keine Pflanzen mehr die Schadstoffe aufnehmen und das Abwasser wird in Bäche geleitet als Regenwasser. Zudem kommt hinzu das viele Private Spritzmittel bei der Landi oder irgendwo anders holen und ihren Hausplatz vom Unkraut befreien, diese Giftbrühe landet auch via Regenwasser im Bach, habe ich selber als schon hundertfach erlebt.
    Fazit: Es sind nicht immer nur die Bauern

  3. Hampi R., 29.04.2021, 08:15 Uhr

    Man muss sich nicht wundern, wieso immer mehr Vegetarier oder sogar Veganer werden. Leider wird Fleisch, welches aus artgerechter Tierhaltung angeboten wird, in der Schweiz zu «Mondpreisen» angeboten. Hier in Portugal wird Bioschweinefleisch aus artgerechter Haltung, als Beispiel Schweinekoteletten, das Kilo für rund 7 Euro zum Verkauf angeboten!

  4. Roland Grüter, 28.04.2021, 16:47 Uhr

    Immer, zum hundertsten Mal, das gleiche Gelaber. Ich glaube, jeder kennt diese Belehrungen nun.

  5. Hans Peter Roth, 28.04.2021, 14:49 Uhr

    Dieser Artikel ist sehr lehrreich und empfiehlt sich als Pflichtlektüre an den Oberstufen. Der Titel ist nicht nur zutreffend, sondern auch wunderbar poetisch.

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