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24 Stunden alles richtig machen!
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Erfolgreich sein auf jeder Ebene: Wir versuchen's einen Tag und scheitern jämmerlich. (Bild: fotolia.de )

Das Experiment 24 Stunden alles richtig machen!

6 min Lesezeit 30.03.2016, 12:04 Uhr

Haben Sie manchmal das Gefühl, alles falsch zu machen? Eben, wir auch. Das wollten wir ändern. Und zwar, indem wir mal für 24 Stunden alles richtig machen. Alles. Ein gescheitertes Experiment in drei Anläufen.

Alles richtig machen. Niemandem auf die Nerven gehen, keine Gesetze übertreten oder Vortritte nehmen, keine brasilianischen Hühner essen, gute Artikel produzieren, die natürlich ausgewogen und fair sind. Das ist also mein Ziel für die nächsten 24 Stunden.

Äpfel aus Zug, Chiasamen aus Equador

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Der Morgen beginnt vielversprechend. Ich stehe zeitig auf. Nicht so früh, dass es für eine Meditationsrunde reichen würde aber genug früh, um mir Zeit fürs Frühstück zu nehmen. Fürs Jogurt aus der Region. Es ist doch aus der Region? Es ist, bestätigt Migipedia. Das Müsli ist nur mässig gezuckert, mit Mandeln und einem Löffel Chiasamen ergänzt – dem Superfood schlechthin: Alles richtig zu machen scheint gar nicht so schwer zu sein.

Wobei. Diese Chiasamen. Wo kommen die eigentlich her? Aus Südamerika. Ist das nun legitim? Weil sie doch so gesund sind und sie offenbar nur auf anderen Kontinenten angebaut werden? Naja. Ich lass es gelten, versuche jedoch, jedes einzelne Sämchen zu ehren. Genau. Achtsamkeit ist ja auch so eine wichtige Tugend – und habe sie im nächsten Moment schon wieder vergessen. Weil ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, herauszufinden, wo all die Sachen herkommen, die im Müsli drinstecken, gleichzeitig etwas lesen möchte und nebenbei noch Ingwertee aufgiesse. Sicher supergesund, aber ach, die Wurzel wird wohl auch nicht in Unterägeri produziert.

Wider aller Feng-Shui-Reglemente und ayurvedischen Grundgesetze habe ich beim Frühstück zu allem Übel auch noch den Laptop offen.

Von «Kein Problem» bis zur ersten Krise innert Minuten

Grossartig. Es ist noch nicht einmal 8 Uhr und ich bin schon völlig im inneren Clinch darüber, ob meine Frühstücksmethoden überhaupt tragbar sind. Das dürfte ein langer Tag werden. Nun denn, zu spät kommen ist heute tabu. Darum spute ich mich. Gilt das Richtigmachen auch für Kleidung? Aber sicher. Ich mache mir das Leben einfach, indem ich einfach Hosen und Pulli anziehe, die ich von schmaler gewordenen Freunden weitergeschenkt bekommen habe. Secondhand kann ja gar nicht verkehrt sein.

Ich fahre los, mit dem Velo. Grün, ohne Auspuff, alles gut. Verkehrsregeln beachten, genau. Gut aufpassen beim Rechtsvortritt, entgegen meiner Gewohnheit auf der Strasse bleiben, wo mir ein kurzer Abstecher übers Trottoir zwei Sekunden einsparen würden. (Die brauche ich auch meistens. Aber heute bin ich rechtzeitig.) Das Perron ist erreicht, aufmerksamer als sonst schaue ich die Wartenden an. Kenne ich jemanden? Gilt es, freundlich zu grüssen? Niemand. In Ordnung. Einzig meinem Mitfahrenden im Abteil nicke ich freundlich zu. Das muss reichen.

Die Zugsstrecke nütze ich für die Arbeit. Unsere Redaktion im fünften Stock erreiche ich mittels Treppe, was denn sonst. 86 Stufen zähle ich.

Werde ich zur Büro-Mutti?

Es ist Dienstag, grosse Sitzung ist angesagt. Ziel ist es, jedem einzelnen Kollegen aufmerksam zuzuhören, gute Fragen zu stellen, gemeinsam Ideen generieren und schwupps, habe ich schon reingeplaudert. Und huch, da ist’s gleich nochmals passiert. Verdammt.

Noch vor dem Mittagessen sind zwei Kekse verschlungen, ist das jetzt gut oder schlecht? «Comfort Food» und «Tu dir was Gutes» versus «Zucker tötet» und «Es lebe das vegane Stevia-gesüsste Vollkornguetsli»? Wenigstens bleibe ich vom Kaffee fern, ersetze ihn durch Schwarztee. Mit Zucker. Mist. Dieses dauernde Nachdenken darüber, ob das nun richtig ist oder falsch, macht müde.

Und lenkt ab. Ich wollte doch eigentlich das Klopapier auffüllen, damit die Aufgabe nicht an der übernächsten WC-Besucherin hängen bleibt. Wenigstens habe ich die Lavabo-Ablage kurz mit dem Lappen abgewischt. Wenn das alle machen würden, hätten wir ein blitzblankes Büro, geht es mir durch den Kopf. Wandle ich mich hier gerade zur Büro-Mutti?

Die Mittagspause naht, Essen im Neubad ist angesagt. Habe volles Vertrauen, dass ich dort Essen vertretbarer Herkunft aufgetischt bekomme. So radle ich dorthin. Den Grünlichtern hinterher, halte wann und wo man halten muss.

Ein Experiment scheitert… Vorerst.

Eigentlich wollte ich ja einen Vegitag einlegen. Wegen Tierliebe, unnötiger Energie- und Wasserverschwendung und weil es nicht nötig ist, soviel Fleisch zu essen. Oh, «Hörnli und Ghackets» steht auf dem Menü? Das nehm ich. Mist. Ich wäre eine lausige Vegetarierin. Linderung für meinen Fleisch-Faux-Pas verschafft mir einzig, dass es ein schönes Treffen unter guten Freunden ist und meine Work-Life-Balance dadurch bilderbuchartig im Lot sein müsste.

Beim Zurückradeln ins Büro merke ich, dass ich es mit den Verkehrsregeln schon nicht mehr ganz so genau nehme. Und überhaupt. Spass macht das ja nicht gerade, dieses ständige Grübeln. Richtig oder falsch? Für wen und warum? Darf ich, darf ich nicht? Es ist halb zwei Uhr nachmittags. Mein Experiment dauert erst sechs Stunden. Sechs von 24. Doch bereits habe ich die Nase ziemlich voll. Möchte, jetzt erst recht, saure Gummischlangen essen, Kaffee trinken und aufmüpfig sein gegenüber den Arbeitskollegen. Es folgt die Selbstverleugnungsphase. Was ist schon dabei? Kommen wir nicht zuletzt wegen unserer Fehler weiter im Leben? Zu wenige Fehler, das kann ja gar nicht gut sein.

Ich gebe also auf. Muss nicht früh ins Bett am Abend, kein Tofu essen, auch keine 400 Sonnengrüsse absolvieren, die ich am Morgen verpasst habe. Freundlich sein nur wenn ich’s auch meine.  Der Entschluss ist gefasst, ich besiegle ihn mit einer genüsslichen Liftfahrt in den fünften Stock. 86 Stufen, ihr könnt mich mal.

Versuchte Reanimation

Monate später. Das Gewissen meldet sich. Da liegt noch ein unvollendetes Experiment im Kopf, ein angefangenes Word-Dokument auf dem Desktop.

Die Mittagspause ist vorbei, ich erklimme die 86 Stufen und finde: Nun könnt ich eigentlich abschliessen, was ich angefangen hab. Den Alles-richtig-machen-Tag voller Würde beenden. Den vitaminbombigen Fruchtsmoothie halte ich schon in der Hand, was kann da noch schief gehen. Vieles. Denn erst am Abend darauf fällt mir wieder ein, dass ich das Nachhol-Experiment gleich wieder vergessen habe.

Ein weiterer Versuch, wieder Monate später. Mittlerweile ist Fastenzeit, da könnte ich mich doch gleich einhängen. Nach einem kurzen Wikipedia-Intermezzo verwerfe ich die Idee wieder, und beschliesse, zumindest auf Süsses zu verzichten.

Lift fahren aus sozialen Gründen

Dann gehe ich mit den Kollegen Mittagessen. An der Sonne, fantastisch, Vitamin D3, hurra! Und weil danach alle zum Bäcker wollen, gehe ich mit und kauf mir einen Apfelstrudel. Nur pro forma, man will ja kein Spielverderber sein. Wir alle fahren mit dem Lift wieder in die Redaktion hoch – aus sozialen Gründen, versteht sich. Der Plan, das Gebäck später zu verschenken, scheitert an seiner unmittelbaren Präsenz auf meinem Bürotisch. Und mit dem Verschwinden des Gebäcks schwindet auch das Bedürfnis, dieses Experiment zu beenden.

Das Fazit: Es ist ein wenig wie Weihnachten. Je mehr man das Gefühl hat, man müsse sich zusammenreissen und besonders nett und entspannt sein, desto eher nervt man sich ab der halbtauben Grosstante und ab den herumrennenden Neffen. Ähnlich steht’s um dieses Experiment. Je mehr ich versuche, alles richtig zu machen, desto stärker fallen alle gemachten Fehler ins Gewicht.

Ich beschliesse, es gut sein zu lassen mit dem Gutsein und weiss gleichzeitig, dass mich wohl bald wieder ein Anflug von «Doch, das muss doch gehen!» packt. Doch bis dahin vergehen erfahrungsgemäss einige Monate. Und das ist auch gut so.

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