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Der Geburtstag
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  • «Little Ben – ein unglaubliches Polizeiauto»
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Illustration: sli.ch / Pascal Blaser

Kinderbuch Little Ben: Kapitel 1 Der Geburtstag

8 min Lesezeit 22.11.2018, 15:05 Uhr

Es war am 6. Oktober 1939, als sehr früh am Morgen der Wecker sehr laut und vor allem sehr schrill zu klingeln begann. Im Bett regte sich zunächst gar nichts. Dann krabbelte ganz langsam eine riesige Hand unter der Bettdecke hervor und tastete suchend nach dem Störenfried.

Dabei stiess sie tollpatschig erst einmal ein ziemlich volles Wasserglas um und schubste dann auch noch ein dickes Buch, eine kleine Schüssel, eine halb aufgegessene Schachtel Pralinen und zwei Donuts vom Nachttisch.

Endlich hatte die grosse, ungeschickte Hand ihr Ziel erreicht und drückte fest auf den kleinen Knopf, mit dem man den Wecker abstellen konnte. Danach war die Hand in Sekundenschnelle wieder unter der Bettdecke verschwunden.

Für ein paar Sekunden schien es, als sei die wohlverdiente, wohlige Ruhe wieder eingekehrt. Aber nichts da: Rrrrrrrring, ertönte es weiterhin laut durch den Raum.

Unter der Bettdecke kam nur ein lautes, tiefes Stöhnen hervor: «Oh nein, nicht schon wieder!» Und die grosse Hand machte sich erneut auf die Reise nach dem Wecker, ballte sich dieses Mal jedoch zur Faust und schlug einfach kräftig auf das kleine Uhrenmonster drauf. Leider wieder ohne Erfolg!

Rrrrrrrrrrrring, ertönte das nervige Geräusch nochmals. Damit war klar: Es konnte gar nicht der Wecker sein, der solchen Lärm machte, sondern es musste das lästige Telefon sein. «So ein Mist!»

In Zeitlupe erhob sich grummelnd ein riesengrosser Körper. Dann schauten zwei winzig blinzelnde Augen aus einem völlig verstrubbelten Kopf zum wahren Störenfried. Das Telefon stand direkt neben dem Bett!

Obwohl der grosse Grummelpeter so fürchterlich müde war, griff die riesige Hand zum Hörer. Er war schliesslich ein guter Polizist, und gute Polizisten waren immer erreichbar – es könnte sich ja um einen wichtigen Notfall handeln! Aber dieses Mal war es anders. Er hatte den Telefonhörer noch nicht einmal richtig am Ohr, da purzelten auch schon die ersten schrillen Worte aus der Muschel: «Benjamin, mein lieber Marshmallow, wie geht es dir heute?»

Die schräge Stimme seiner Mama würde Benjamin Winslet unter Tausenden anderen Stimmen wiedererkennen – seine Mom war einzigartig!

«Ja?», gähnte Ben in den Hörer. Er war noch viel zu müde, um schon einen ganzen Satz zusammenzubringen.

«Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein kleiner Schatz. Deine Mami wünscht dir alles, alles Gute zum Geburtstag!

«Danke, danke, liebe Mama», brummte er leise zurück. «Aber es ist doch noch sooo früh, es ist ja noch nicht einmal halb sieben …»

«Wen hast du vertrieben?», unterbrach ihn seine Mutter, die leider immer schwerhöriger wurde.

Ben räusperte sich vorsichtig: «Nein, Mom, ich sagte, es ist noch nicht einmal halb sieben!»

«Wer war bei dir? Was denn für Diebe?», schrie sie empört durchs Telefon und setzte dann noch einen gut gemeinten mütterlichen Rat drauf: «Du solltest weniger arbeiten, mein Kleiner. Du träumst ja offenbar schon von deinen Kriminalfällen!»

«Nein, Mom», versuchte er noch einmal, seiner Mutter zu erklären. «Ich sagte, du rufst sehr, sehr früh an, du hast mich geweckt!»

«Die Diebe – erschreckt – dich? Ach, du armer, kleiner Benjamin, ich finde wirklich …»

«Mom», fiel ihr der mittlerweile ziemlich wach gewordene Ben ins Wort. Er wusste, dass es keinen grossen Sinn haben würde, jetzt noch weiter mit seiner schwerhörigen Mutter zu diskutieren.

 

Illustration: sli.ch / Pascal Blaser

Illustration: sli.ch / Pascal Blaser

«Ich muss jetzt aufstehen und zur Arbeit gehen. Aber vielen Dank für deinen lieben Anruf und die Glückwünsche zu meinem Geburtstag.» Dann legte er auf.

Ja, ja – seine Mom, so war sie eben. Immer um ihren «kleinen Schatz» bemüht. Das war natürlich nur gut gemeint, aber Benjamin Winslet war schon als kleiner Junge immer der Grösste von allen. Erst bei etwas mehr als zwei Metern Körperlänge hatte er irgendwann schliesslich aufgehört zu wachsen. Ein Riese also, fast. Dazu kam, dass er mittlerweile gut und gern seine 150 Kilo wog – oder mehr, denn so genau wusste das niemand und Benjamin selbst behauptete vorsichtshalber immer stur, er hätte schliesslich auch «sehr, sehr schwere Knochen»! Aber wenn man einmal richtig ehrlich war, dann musste man zugeben, dass er einen ganz schön runden Bauch vor sich hertrug. Trotzdem war der grosse Kerl ein ziemlich sportlicher Typ. Er konnte recht schnell mit dem Fahrrad fahren – allerdings nur so 20 Minuten lang, denn dann machten meistens die Reifen schlapp und mussten erst wieder einmal aufgepumpt werden. Wenn er wollte, konnte er sogar auf dem Wasser liegen, ohne unterzugehen, wobei er dann gerne noch seinen kugelrunden Bauch in die Sonne streckte. Aber etwas konnte er noch besonders gut, nämlich ein super Torwart sein. An ihm kam nämlich so gut wie kein einziger Ball vorbei. Er war ja auch selbst fast so gross und so breit wie das ganze Tor!

Und weil er so gerne Donuts ass, konnte er auch eine Schachtel, die gestopft voll war mit frischen Donuts, auf dem Kopf balancieren und dabei noch zwei Donuts kauen und natürlich sogar runterschlucken!

Von seinen Freunden wurde er sehr gemocht, und weil er wirklich recht gross war, nannten ihn alle nur «Big Ben». Daran hatte sich nichts mehr geändert, und heute wurde Big Ben 32 Jahre alt. Er lag immer noch in seinem Bett und hörte den Regentropfen zu, die laut an sein Fenster prasselten.
Es regnete also wieder einmal! Wie so oft in Cornwall, wo er in dem Städtchen Penlee wohnte. Hier gab es im Herbst mehr Regentage als Sonnenschein, und dass der Regen an seinem Geburtstag auch keine Ausnahme machen würde, war ihm eigentlich schon klar gewesen. Aber langsam wurde es Zeit, aufzustehen. Also erhob Big Ben seinen grossen Körper vorsichtig aus dem viel zu kleinen Bett. Erst im Stehen konnte man genauer sehen, wie gross der Kerl wirklich war. Wer nicht wusste, wie gutmütig er in Wahrheit war, der konnte schon mal ziemlich schnell richtig Angst vor ihm bekommen. Doch gerade das machte ihm in seinem Beruf oft vieles leichter und Big Ben musste nur sehr selten Gewalt anwenden. Er war Polizist aus Leidenschaft, der schon immer für Gerechtigkeit sorgen wollte. Wenn er etwas nicht ausstehen konnte, dann waren es Lügner, Betrüger, Diebe und Räuber, und vor denen wollte er jeden braven Bürger beschützen.

 

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Auch an diesem grauen, verregneten Oktobertag war Big Ben morgens pünktlich um 8 Uhr zur
Polizeistation marschiert. Aber weil er im Bett getrödelt hatte, verspätete er sich ein bisschen. Das Fahrrad hatte er leider nicht benutzen können, da er wieder einmal viel zu schnell damit gefahren war und dieses Mal sogar einen Reifen so platt gefahren hatte, dass er den ganzen Gummi erneuern und kleben musste, bevor der sich wieder aufpumpen liess. Jedenfalls war das Fahrrad jetzt unbenutzbar und vielleicht träumte er deswegen auch wieder einmal von seinem eigenen Polizeiauto. Mit einem eigenen Polizeiauto auf Verbrecherjagd zu gehen, das war sein grösster Traum! Doch die Polizeistation in Penlee hatte leider nur ein einziges Polizeiauto. Das aber benutzten immer noch seine beiden Kollegen George und Stanley. Denn die zwei waren ein ganzes Stück älter und viel länger bei der Polizei als Ben und ein eingeschworenes Team. Sie wollten das Auto einfach nicht hergeben und setzten deshalb sowieso alles daran, dass Big Ben dieses Auto nie fahren durfte. Das war schon ziemlich gemein, zumal er sie manchmal hinter seinem Rücken tuscheln hörte, «dass er ja sowieso in kein Auto der Welt reinpassen würde.» Als ob das noch nicht genug wäre, machten sie sich auch noch lustig über ihn, weil doch «das Auto sowieso sofort unter seinem fetten
Hintern zusammenbrechen würde» – und überhaupt lauter so viele gemeine Sachen!

Also musste Big Ben sich damit begnügen, von einem eigenen Polizeiauto zu träumen, denn  träumen, das durfte man ja immer. So öffnete er fröhlich und gut gelaunt die grosse Tür der
Polizeistation. Was er dort sah, verschlug ihm die Sprache: Das gesamte Polizeiteam stand plötzlich vor ihm.

«Happy birthday tooo youuuu, happy birthday tooo youuuu, happy birthday, lieber Big Ben …»

Und langsam endete der Gesang in lautem Beifall. Alle klatschten, nur der grosse Big Ben stand da wie ein begossener Pudel. Sein Polizeimantel war nämlich völlig durchnässt, und von seiner Mütze seilten sich immer noch Regentropfen ab, die ihm über die Nasenspitze in den Mund liefen.

 

Illustration: sli.ch / Pascal Blaser

Illustration: sli.ch / Pascal Blaser

Big Ben war fassungslos! Er freute sich riesig! Das war ihm noch nie passiert: Die ganze Mannschaft hatte an ihn gedacht! Alle waren gekommen, und Miss Elly, die Sekretärin des Chefinspektors, überreichte ihm eine äusserst grosse Schachtel, über die sie eine riesige rosa Schleife gebunden hatte. Big Ben war sich sicher: Die Schachtel würde vollgefüllt sein mit vielen leckeren Donuts, denn alle wussten: Er liebte Donuts über alles!

«Herzlichen Glückwunsch, grosser, lieber Big Ben. Bleib einfach so, wie du bist.» Dabei drückte Miss Elly ihm ein zartes Küsschen auf die Wange und Big Ben spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss. Er mochte sie nämlich sehr gerne und hatte schon ein paar Mal mit dem Gedanken gespielt, ob sie nicht irgendwann seine Mrs. Winslet werden wollte. Aber getraut, sie anzusprechen, hatte er sich noch nie. Doch sie war sowieso immer unglaublich nett zu ihm und brachte ihm auch manchmal ein grosses Stück ihres selbst gebackenen Kuchens mit. Miss Elly war ein kleiner Sonnenschein. Und den konnte man in der Polizeistation immer gut brauchen.

Dann kamen nacheinander alle seine Kollegen, um ihm zu gratulieren. Sie schüttelten ihm vorsichtig die Hand, denn die konnte so fest zupacken wie eine Kneifzange aus Stahl. Manche klopften ihm aus Angst vor seiner urwüchsigen Kraft vorsichtshalber nur anerkennend auf die Schulter (und manche mussten sich dazu auch noch recht strecken). Dann schlug jemand an ein Glas und schliesslich übertönte die feierlich sonore Stimme von Chief Hunt, dem Chef der Polizeistation, das Stimmengewirr.

«Mein lieber Big Ben! Heute ist es auf den Tag genau 15 Jahre her, dass du als tüchtiger Polizist zu uns gekommen bis. Deswegen habe ich – äh, ääähh – ich meine wir – beschlossen, dir zu deinem heutigen Ehrentag einen lang ersehnten, ganz besonderen Wunsch zu erfüllen.»

Chief Hunt machte eine kleine Pause, und man merkte ihm an, dass er ein kleines bisschen verlegen wurde.

«Dein Geschenk ist zwar, nun … wie soll ich das sagen … nicht ganz so, wie ich, äh – ich meine wir – es uns … ich mir vorgestellt haben, äh … aber wenn es dir nicht passen sollte oder es dir nicht gefällt oder weil es dir vielleicht zu klein ist oder äh …», stotterte der Chief vor sich hin. Aber dann bemerkte er, dass Big Ben schon längst aufgehört hatte, ihm zuzuhören.

Der sah nämlich gerade vor der Polizeistation das wunderschönste Polizeiauto vorfahren, das er je gesehen hatte!

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