Von falschen und richtigen Lernzielen Ziel allen Lernens

06.11.2021, 10:59 Uhr 5 min Lesezeit
Wie sieht das wahre Lernziel aus?
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Wie sieht das wahre Lernziel aus? (Bild: Symbolbild: pexels)

Was ist eigentlich das Ziel allen Lernens? Wozu wird gelernt? Der Luzerner Autor André David Winter gibt diesen Fragen in seinem Blog Raum. Und dies auf eine spezielle Art und Weise.

Ein Scheinwerfer ist auf eine Person gerichtet, die auf einer leeren Bühne steht, eine Stimme aus dem Off (scharf, schneidend):

«Sie behaupten also ein Lernziel zu sein?»
Lernziel: (sieht sehr abgerissen aus) «Nein, nicht ein Lernziel, das Lernziel!»
Stimme aus dem Off: «Und das wäre?»
LZ: «Daran erinnere ich mich nicht.»
Off: «Wie meinen Sie das, Sie erinnern sich nicht?»
LZ: «Ich sag Ihnen doch, ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich das erste war.»
Off: «Das erste was?»

LZ: «Das allererste Lernziel, das Ziel allen Lernens.»
Off (höhnisch): «Das sagen alle. Nun gut, was ist denn das Ziel allen Lernens?»
LZ: «Ich habe es vergessen, aber ich …»
Off: «Sie werden sich aber wenigstens erinnern, ob Sie ein Grobziel, Teilziel, Feinziel, Jahresziel oder sonst was waren.»
LZ: «Nein, nein und nochmals nein!»
Off: «Woran erinnern Sie sich denn?»

Der Anfang vom Ende

LZ: «Es gab mich schon vor den Schulen, aber ich bin mir nicht sicher …, das ist alles so dunkel … Doch an die Schulen erinnere ich mich. Ich habe an so vielen gearbeitet, bin von einer zur an­deren gehetzt, war ständig unterwegs. Und an die Lehrer, an sie erinnere ich mich. Am Anfang haben sie mich gebraucht, ach was: Geliebt ha­ben sie mich. Ohne mich waren sie nichts, ich war alles für sie (schwärmerisch). Nur die Schüler …»

Off: «Was war mit den Schülern?»
LZ: «Sie gingen mir aus dem Weg, sie haben mich gehasst. Verspottet und ausgelacht haben sie mich, aber ihr Lachen ist ih­nen gründlich vergangen: Die Lehrer (kaltes Lächeln) haben Prüfun­gen erfunden.»
Off: «Was für Prüfungen?»
LZ: «Lernzielüberprüfungen!» (auskostend) «Evaluationen, Lernerfolgskon­trollen!» (Stockend) «Das war der Anfang vom Ende.»
Off: «Präzisieren Sie.»

LZ: «Die Schüler waren schlau, sie haben an mir vorbei gelernt. Ja, sie haben gelernt, gelernt, gelernt … Vor lauter Lernen haben sie mich verloren. Vergessen, sie haben mich vergessen … Finde heute einen, der noch weiss, wer ich bin, was das Ziel allen Lernens ist.»
Off: «Sie sagten, dass Sie es selbst nicht mehr wüssten, dass Sie nicht mehr wissen, wer Sie sind.»
LZ: «Doch, das allererste Lernziel!»
Off: «Welches wäre?»
LZ (ganz bleich): «Ich sagte doch schon, ich weiss es nicht mehr!»

Off: «Ein Glas Wasser, bringen Sie ihm ein Glas Wasser.» (Jemand bringt ein Glas Wasser) «Nun gut – und wie ging es dann weiter?»

Die Menschen lernen nichts

LZ: «An vielen Schulen wurde mir höflich eröffnet, dass ich nun doch schon ein sehr altes Ziel sei und mich bestimmt nach etwas mehr Ruhe sehnen würde. An einer an­deren haben sie mir schriftlich mitgeteilt, man werde von einer wei­teren Zusammenarbeit mit mir absehen. Man arbeite jetzt mit Kompetenzen. Ohne Begründung. Punkt. An ei­ner nächsten wurde ich zu einer Podiumsdiskussion mit einem schmierigen Hochstapler eingeladen, der von sich behauptete, dass er das Ziel allen Ler­nens sei, ha, dieser Lump. Da stand ich nun auf der Strasse, arbeitslos, ein Niemand, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. Ich zog von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, wurde weggejagt, ausgewiesen. Wanderte jahrzehntelang durch Kriege, Um­stürze, Feuersbrünste, Hungersnöte und Umweltkatastrophen. Mir wurde bewusst, dass die Menschen mich nicht brauchen, weil sie nichts lernen, nie, mit oder ohne Ziel. Ir­gendwann erkannte mich ein alter Mann auf der Strasse, zerrte mich hastig in einen Hauseingang.

«Das gibt’s doch nicht. Sie sind doch … Ja, ich bin mir sicher, Sie sind es!»
Er stellte sich als ehemaliger Lehrer vor, der an einer der Schulen tätig war, an denen ich gearbeitet hatte.
«Wie lange ist das jetzt her? Fünfzig Jahre? Bestimmt. Verzeihen Sie es einem alten Lehrer, aber welches Ziel waren Sie noch mal? Sie wissen ja, es gab damals so viele, unmöglich, sie alle auseinanderzuhalten. Ja, das waren noch Zeiten, als es Ziele gab und wir an sie glaubten.»

Ich riss mich los. «Tut mir leid, ich kenne Sie nicht.» Ich gab mich nicht zu erkennen. Wie sollte ich? Ich wusste selbst nicht mehr, wer ich war. Zu lange war ich herumgeirrt. Sagen Sie, stimmt es, was der Alte gesagt hat? Gibt es heute wirklich keine Ziele mehr?»

Zu viele falsche

Off: «Nein, das ist so nicht richtig. Es gab und gibt zu viel falsche.»
LZ: «Das sag ich ja die ganze Zeit.»
Off: «Es stimmt, was Sie sagten, es gab eine Zeit, in der die Lernziele unkontrolliert überhandnahmen. Plötzlich gab es überall Tausende. Aber das eigentliche Problem begann erst, als sich überall falsche einschlichen. Sie taten dies so raffiniert, dass man sie nicht mehr von den echten unterscheiden konnte. Man begann die falschen Ziele zu verfolgen.»

LZ: «Hm – und jetzt sind Sie auf der Suche nach den echten (lacht grob) damit Sie nicht wieder den falschen nachjagen.»
Off: «Es gibt jetzt wieder viele, die sich als echte ausgeben. (Hinten auf der Leinwand tauchen Slides auf: etwa zwanzig Bilder von Personen mit Nummern auf der Brust, von vorne und der Seite fotografiert, wie aus einer Verbrecherkartei). Die haben wir allein letzte Woche aufgegriffen. Sie haben sich alle als echte Ziele ausgeben.»

LZ (entrüstet): «Die sehen ja aus wie ich, diese Dreckskerle.»
Off (Räuspern): «Es besteht allerdings ein markanter Unterschied. Die andern konnten alle ohne Ausnahme, exakt angeben, dass sie ein richtiges Ziel und welches Ziel sie sind.»
LZ (zufrieden): «Sehen Sie, sag ich’s doch. Alles falsche Ziele.»
Off: «Präzisieren Sie.»

Richtig oder falsch?

LZ: «Ein echtes Ziel ist sich nie sicher, ob es ein richtiges Ziel ist. Es zweifelt ständig an sich selbst.»
Off: «Aus welchem Grund?»
LZ: «Weil kein Ziel sicher ist. Weil niemand, der ein Ziel erreicht hat, sicher ist, ob es ein richtiges oder falsches war. Und wenn er es verfehlt, war es nur vielleicht ein falsches.»

Off: «Woran erkennen wir dann die richtigen Ziele?»
LZ: «Daran, dass sie auch die falschen sein könnten.»
Off: «Was? Wie denn das?»
LZ: «Die falschen Ziele für den Richtigen, die richtigen Ziele für den Falschen.»

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