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Was vom alten Jahr übrig bleibt
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Abfall entsorgen erleichtert den Start ins neue Jahr. (Bild: Katja Zuniga Togni)

Welcher Monat ist mir selbst der liebste? Was vom alten Jahr übrig bleibt

10 min Lesezeit 01.02.2020, 11:02 Uhr

Das neue Jahr hat begonnen und schreibt neue Erinnerungen. Und immer wieder neigen wir zu einem Jahresrückblick, lassen Erinnerungen in uns ablaufen. Bloggerin Katja Zuniga zeigt auf, wie das geht.

Auch die Jahre sprechen miteinander.

Man muss nur ganz gut zuhören, wenn die Glocken das alte Jahr ausläuten und ein neues eingeläutet wird, in dieser kurzen Ewigkeit zwischen den Zeiten, da hört man sie sprechen, die Jahre.

«Ich gehe stets vorwärts», sagt das Neue. «Niemand hält mich auf! Was kommt, kann man nur erahnen, erhoffen, befürchten. Niemand kann es genau wissen. Erzähl mir, wie dein Jahr so gewesen ist!»

Das Alte antwortet: «Ich gehe stets rückwärts bis in die Unendlichkeit. Ich liebe es, rückwärts zu gehen. Vieles von mir wird nie vergessen. Manches taucht unter, aber auch, was nicht sichtbar ist, bleibt bestehen, wird zu einem Erfahrungsschatz im Leben eines Menschen und prägt ihn für die kommenden Zeiten.»

«Und was hast du mit der Person, die da gerade am Schreiben ist, alles erlebt?»

Ein Silvester wie jeder andere

Mitternacht in Claro. Der Himmel voller Sterne, Gläser voller Prosecco und die Nacht erfüllt von guten Freunden, guten Gesprächen und guten Gedanken.

Ich lasse das verflossene Jahr Revue passieren, suche für jeden Monat ein besonderes Erlebnis, das ich bewusst erneut erlebe. Welcher Monat ist mir der liebste?

Im Dezember gehe ich fast unter vor lauter Nächstenliebe. Kurz vor Weihnachten befällt auch mich der Drang nach Geschenken, seien sie materieller Art, seien sie in Briefform oder im gemütlichen Zusammensein mit Freunden und Freundinnen, die man oft lange nicht mehr gesehen hat. Der ganze Stress wird belohnt mit einem Gefühl der Verbundenheit und Gastfreundschaft. Da ist man froh um die 31 Tage.

Keinen Tag zu viel hat für mich hingegen der November. Die Wärme des Sommers ist nicht mehr in meinen Knochen, Schnee liegt in der Luft und lässt mich schlecht schlafen und die Sonne versteckt sich.

«Halt! Halt!», reklamiert das alte Jahr. «Du willst nicht grübeln! Es hat sicher auch in diesem Monat schöne Momente gegeben!»

Von Mangos und Kröten

Im November habe ich in Claro einer Kröte das letzte Geleit gegeben und sie von der Strasse, wo das sterbende Tier lag, auf einen von der Sonne beschienenen Stein transportiert, wo sie vielleicht heute noch sitzt. Kröten haben wunderschöne gelbe Augen. Überhaupt sind sie äusserst interessante Wesen. Diese war sicher so gross wie eine überdimensionierte Mango und muss uralt gewesen sein.

Als die Kröten noch sprechen konnten, da ging eine davon zum lieben Gott und sprach:

«Lieber Gott, wir sind grün und sehen aus wie Frösche. Manche Leute reissen uns einfach die Beine aus, um sie zu essen. Kannst du nicht etwas dagegen tun?»

«Liebe Kröte, ich will dir und allen deiner Art gerne helfen. Du weisst, dass ihr im Gegenzug die menschliche Sprache verlieren werdet.»

Damit war das Amphib einverstanden – Hauptsache, seine Beine wurden nicht mehr als Delikatesse verspeist.

So geschah es, dass die Kröten seither so hässlich und warzig sind, gar mit einem giftigen Schleim überzogen, dass kein Mensch mehr sie anfassen oder gar verspeisen will.

Kröten sind schöne und stille Tiere. (Bild: Katja Zuniga Togni)

«Wie ist es, wenn man das erste Mal im Leben das Meer sieht?», frage ich mich, als ich in Begleitung von A und meinem Sohn C und dessen junger Familie Anfang Oktober in Ligurien weile. Der kleine Mann hat ganz viele neue Wörter gelernt, im Sand Burgen gebaut und am letzten Tag mit den Füssen nach den Wellen gestampft. Ob er sich später daran erinnern kann?

Alles eine Frage der Richtung

Ein lang ersehnter Traum ist im September wahr geworden, wir wandern vom Valle die Blenio in die Leventina.

«Ha, ha!», mischt sich das neue Jahr ein. «Bist du etwa rückwärts gewandert?»

«Ha, ha!», äfft das alte Jahr zurück. «Du weisst genau, dass nur die Gedanken rückwärts gehen, wenn man wandert! Und nicht nur das! Wenn man in die Höhe steigt, wandern die Gedanken in die Tiefe!»

Von Ponto Aquilesco erklimmen wir die Bassa di Nara und auf dem obersten Punkt angelangt, eröffnet sich uns eine traumhafte Aussicht: Hinter uns die Valle di Blenio, vor uns die Leventina! Die Anstrengung hat sich gelohnt.

Übrigens kann man auch wunderbar passiv wandern. Man vertieft sich einfach in eine Landkarte. Ganze Weltreisen habe ich so schon ausgedacht. Da braucht es kein Fernsehen, kein Geld und kaum Kondition.

Manchmal packt mich das Verlangen, etwas aus meiner Vorstellung Wirklichkeit werden zu lassen. So stehe ich im selben Monat auf einer offenen Bühne und spiele und singe, in Begleitung der besten Gesangslehrerin aller Zeiten.

Auf einer Bühne zu stehen ist cool. Ich muss mir einfach das Publikum wegdenken, sonst verlässt mich mein Mut.

Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich im August im Nationalpark. Du merkst es jetzt vielleicht, dass ich sehr gerne wandere. Ich bewege mich oft draussen, sei es auf dem Velo oder zu Fuss, und lasse mich von meinen Gedanken tragen. Anstrengend war es, in die Cluozza-Hütte aufzusteigen mit einem schweren Rucksack.

Berghütten sind nicht so mein Ding. Obwohl ich klein bin, schlage ich mir ständig irgendwo den Kopf an. Die Betten in den Vierer-Schlägen sind schubladenartig angeordnet, ich komme mir vor wie ein Batteriehuhn. Aber das Eindunkeln in völliger Abgeschiedenheit ist einmalig. Hirsche wagen sich in Sichtweite und das Firmament zieht alle Register: Vollmond, Sternschnuppen, kosmische Winde. Am nächsten Tag ist es dann vorbei mit der klaren Sicht und im Dauerregen wandern wir so weit hoch, bis sich die Regentropfen fast in Schneeflocken verwandeln.

Panta rei – auch der Schweiss

Im Juli springen wir in jeden Fluss im Tessin, der Abkühlung verspricht. In klare eiskalte Gebirgsflüsse, in den Zugersee mit dem schönsten Sonnenuntergang der Region, in den Vierwaldstättersee vor einer Bergkulisse, die an einen James-Bond-Film erinnert, in einen Moorsee im Schwarzwald, in den Pozzo unterhalb eines lauschigen Tessiner Grottos, mal in einen Pool und zur Not auch mal ins Kinderbädli, das ich auf der Terrasse aufgestellt habe.

Alles fliesst im Juli, die Bäche, die Flüsse, der Schweiss und die endlosen Sommerabende lassen einen kaum zum Schlafen kommen, denn um fünf in der Früh ist es schon hell, was die Amseln trillierend kundgeben.

«Wohin wandern deine Gedanken?», fragt das alte Jahr. «Tut mir leid,» sage ich, «im Juli bewege ich mich hauptsächlich im Wasser. Es ist einfach zu heiss zum Wandern!»

Und das letzte Jahr war es sogar im Juni auf dem Gotthard noch weit über 20 Grad warm! Dorthin bin ich mit meinem Sohn und dem kleinen Mann geflohen, um etwas Abkühlung zu bekommen. Ich bin nicht alleine mit dieser Idee. Ganze Altersheime suchen in der Höhe nach einem kalten Lüftchen. In diesem Monat werde ich zum zweiten Mal Babuschka. Das ist immer so, wenn ich mir etwas breche – ich werde Grossmutter. Zwei Jahre zuvor war ich so unglücklich die Gartentreppe hinuntergestürzt, dass mein Ellbogen völlig zertrümmert war. Ein paar Wochen darauf kam mein Enkel zur Welt.

Und jetzt also, im Juni, kommt meine Enkelin zur Welt, was bedeutet, dass ich mir wieder etwas gebrochen habe. Aber davon später.

Nicht, dass du etwa denkst, dass ich nie arbeite. Ich stehe jeden Tag um sechs Uhr oder noch früher auf und schreibe. Und bin auch sonst fast jeden Tag beruflich unterwegs oder am Computer.

Ein Tod ist die Geburt einer Erinnerung

Im Mai bin ich auf einer Odysee auf verschiedenen Zykladeninseln.

«Erzähl doch auch mal was Trauriges! Nicht immer wandern und schwimmen!», unterbricht mich das alte Jahr.

«Im Mai, da sind die Jahre selbst beim Stehen rückwärts gegangen in meinem Kopf, denn ich war auf einer Beerdigung, bei der auch ein Teil von mir begraben wurde. Doch davon will ich nichts mehr preisgeben. Es ist zu privat.»

«Ja, das verstehe ich.», pflichtet das neue Jahr bei. «Nur bist du nicht alleine mit diesen Gedanken. Da müssen auch andere durch. So ist es im Leben. Sterben tun immer nur die andern. Wenn man dann selber stirbt, kann man nicht mehr davon erzählen.», meint das alte Jahr lakonisch. «Ein Tod ist die Geburt einer Erinnerung.»

«Ja, und manchmal ist es auch ganz gut, wenn etwas vorüber ist», denke ich, und mir kommt der 17. April in den Sinn.

Diesen Tag hatte ich in meinem Kalender ganz dick angestrichen, denn an diesem Tag durfte ich endlich wieder mein rechtes Knie voll belasten und die Tage der Krücken waren gezählt. Doch dazu später.

Im März spielt sich mein Leben in den eigenen vier Wänden ab. Das ist ein Monat, den ich zum Glück schon fast vergessen habe.

So wie den Februar. Wenigstens hat er den schönen Vorteil, dass er nur 28 Tage dauert. Ich sitze fast die ganze Zeit im Rollstuhl. Doch dazu später.

Im Januar, da hat es begonnen.

«Das ist so», versichert mir das Neue Jahr. «Ich beginne immer im Januar!»

«Nein, ich meine nicht dich! Ich meine die Geschichte, die ich vor einem Jahr meinen Lesern an dieser Stelle versprochen habe.»

Weiss du noch?

«Vom Schnee verweht» – so hiess mein letztjähriger Blog.

Da suchte ich auf dem Bonistock verzweifelt nach meinen Swarow-Skis.

Zum ersten Mal als Grossmutter erlebte ich Familienferien auf der Frutt. Sohn C mit Snowboard, die Schwiegertochter K mit dem keinen Mann an der Hand, der begeistert war von den vielen Schneetaxis und Pistenfahrzeugen, mein Liebster A und ich mit Skis ausgerüstet.

Und promt wurden meine Skier vom Schnee verweht.

Ratlos durchwühlte ich verdächtige Schneehaufen und suchte nach mit violetten Blumenranken verzierten, an Swarowski erinnernden Skis.

Ich habe sie damals im Skiraum wieder gefunden. Und am Ende meines Blogs geschrieben, dass ich mir das Bein gebrochen habe, was eine andere Geschichte sei. Diese Geschichte kommt jetzt in Kurzform.

Gepäckdienst

Es geschah am folgenden Morgen. Die junge Familie hatte zusammengepackt für die Rückreise ins Flachland. A und ich wollten noch zwei Tage alleine auf die Piste.

Der Plan war, dass K und Klein-D mit allem Gepäck mit der Seilbahn hinuntergondelten, während die Männer die Talabfahrt unter die Bretter nähmen. Ich würde beim Gepäckdienst helfen (erinnert dich das an eine weitere Geschichte?) und anschliessend die Ruhe in der Wohnung zum Schreiben nutzen, denn die Erlebnisse von den vergangenen Tagen hatten sich in meinem Kopf angestaut.

Auf dem Rücken ein vollbepackter Rucksack, in den Armen der kleine Mann, so marschierte ich den anderen Gepäckträgern nach.

Ich kam nicht weit.

Es hatte schon die ganze Nacht geschneit. Alles war weiss und der Boden trügerisch fest. Bereits beim dritten Schritt versank ich mit meinem rechten Bein in einem Loch. Das zusätzliche Gewicht der gebuckelten Last drückte mich in die Tiefe und ein unangenehmes Knacken in meinem rechten Knie liess nichts Gutes erahnen. Mitten im Schneegestöber sah ich die Sterne am Himmel aufflammen.

Mein Enkel David rollte in den Schnee und meine Familienangehörigen mussten mich vorsichtig aus dem Schneeloch ziehen.

Wie ich den Weg zum Bähnli und zurück in die Wohnung schaffte, ist mir im Nachhinein schleierhaft. Die Sterne verschwanden hinter einem wässrigen Vorhang, das Knie schmerzte höllisch, wenn ich auf mein Bein zu stehen versuchte.

Auf dem Sofa liegend, wartete ich auf plötzliche Heilung.

Das Knie fühlte sich heiss an, es war leicht geschwollen.

A hatte eine Tageskarte gelöst und eigentlich wollte auch ich am Nachmittag mit auf die Piste.

Mir schwante, dass an diesem Tag nichts mehr aus meinen Plänen werden sollte.

Es war klar, dass wir unseren Aufenthalt abbrechen mussten.

Holt mich hier raus!

Nur – wie sollte ich da wieder rauskommen? Dass ich auf mein rechtes Bein stehen konnte, schien mir ausgeschlossen. In den Lift hüpfen, das würde ja noch gehen zur Not, aber dann? Bist du schon einmal auf einem Bein durch meterhohe Schneeverwehungen gehüpft? Eben!

A musste die ganze Wohnung alleine putzen, waschen, Betten neu beziehen, packen. Die verpasste Arbeit entschädigte mich wenigstens ein bisschen für Schmerz.

Am nächsten Morgen um 9 Uhr holten mich zwei Sanitäter mit einem Rollstuhl.

Den Weg zur Bergstation sass ich auf einem Schneetöff, dann abermals im Rollstuhl. Ich kam mir vor wie ein Stück Gepäck. In der Talstation erzählte mir ein Bähnler in gemütlichem Obwaldner Dialekt, wo er überall in seinem Leben schon geknechtet hatte.

Wir fuhren direkt in die Notaufnahme des Baarer Kantonsspitals. Das Necessaire hatte ich ja schon dabei – wer weiss, wie lange ich im Spital würde bleiben müssen, in Gedanken sah ich mich schon im OP liegen.

Das stundenlange Warten vor dem Untersuch war dann nur ein Vorgeschmack.

Knie gebrochen – 12 Wochen Krücken, 6 davon ohne zu belasten.

Was vom alten Jahr übrig bleibt?

So schlimm diese Zeit für mich als Bewegungsmensch war, so schnell habe ich sie auch in mein Langzeitgedächtnis verbannt.

Auch ein neues Jahr wird einmal alt.

Manchmal ist man froh, wenn das Jahr vorbei ist. (Bild: Katja Zuniga Togni)

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