Was kaufen denn die da vor mir ein?
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Hektisches Jahresende im Supermarkt Was kaufen denn die da vor mir ein?

6 min Lesezeit 28.01.2018, 11:03 Uhr

Unsere Literatur-Bloggerin blickt auf das Jahresende zurück. Ein Jahresende mit Hektik und dem Wunsch nach einem Brüsselersalat.

Das Jahr liegt bereits in der Agonie, es ist nur noch eine Sache von wenigen Tagen, dann ist es aus. Diagnose Altersschwäche, wird es im Totenschein heissen. Meine Stimmung sinkt auf den Tiefpunkt. Ich hasse diese Zeit, wo das Wetter nicht so recht weiss, ob es föhnig oder eiskalt sein soll. Matschige Tage ohne sinnvolle Arbeit aber mit unerklärlichem Stress. Alle sind scheinbar aufgeregt auf die Zukunft, als ob der Januar neue Tage bringen würde – wo nichts so sein wird, wie es im vergangenen Jahr war.

Ich beschliesse, mit dem Velo einkaufen zu gehen.

Im Supermarkt wird mir schwindlig. Die vielen Leute! Diese Hektik! Je grösser der Körperumfang, desto grösser die Chipspackungen, die aus den Regalen gerissen werden. Ausnahmsweise habe ich einen Einkaufswagen genommen, denn heute will auch ich einen sogenannten Wocheneinkauf einbringen. Wie für eine Grossfamilie. Wobei man meine Familie nicht gerade als gross bezeichnen kann. Mein Mann ist schon lange in einer andern Stadt am Fremdeinkaufen, der einzige Sohn wird am kommenden Wochenende bei Freunden übernachten und die Katze frisst in einem Monat nicht, was im Einkaufswagen Platz hätte.

Schafe am Hamstern

Diesmal fällt der Jahreswechsel auf einen Sonntag, anschliessend sind die Geschäfte zwei Tage zu. Die Leute drängen sich um die Regale, in einer Verzweiflung, die schwer nachvollziehbar ist. Niemand will drei Tage ohne Essen bleiben.

Ich bahne mir mit dem Einkaufswagen einen Weg durch die Menschenmenge. Wie Schafe – einkaufende Menschen verhalten sich wie Schafe. Vor allem an einem Samstag. Sie folgen einem ständig wechselnden Leithammel und bleiben unberechenbar an den strategisch ungünstigsten Stellen stehen.

Wie war das schon wieder mit unserem Familienhund? Wie ein lebendiger Türvorleger lag er jeweils auf der Schwelle zur Küche. Ein knurrendes pelziges Hindernis. Heutzutage würde man möglicherweise viel für einen solchen stoischen Hund bezahlen – ein richtiger Entschleunigungshund war der.

Ein vielseitiges Gemüse

Brüsseler sticht in mein Auge, haufenweise. Brüsseler, das ist genau das richtige Wintergemüse – wächst auch, wenn draussen Schnee liegt, in dunklen Kellern spriesst er anspruchslos vor sich hin. Doch mein Sohn hat ihn nicht gerne. Und die Katze frisst keinen Salat.

Man kann dieses Gemüse auch kochen, also für mich nehme ich es, für mich, und wenn ich schon dran bin, dann brauche ich noch Bouillon, und eine neue Pfanne wäre auch gleich angebracht.

Brüsselersalat mit einer feinen Salatsauce, das einzige, das ich einst in der Kochschule gelernt hatte und das meine Mutter gut fand. In meiner Erinnerung rufe ich die dazugehörige dreissigjährige Einkaufsliste ab: Senf, Mandarinli, Rahm, Kressi-Essig. Aromat und Dill sollte ich noch zu Hause haben, aber zur Sicherheit werde ich diese auch neu kaufen.

Ich lass den Wagen stehen und mach rasch einen Abstecher zum Essig-und-Öl-Regal. Was es nicht so alles gibt! Winzige balsamische Essigfläschlein zu zweistelligen Preisen! Mensch, warum können die nicht Halbliter Kressi-Essigflaschen machen? Ich brauch den sonst nie, nur eben für diesen speziellen Brüsselersalat. Alles Verschwendung! Und Kleinstmengen mit AHV-Rabatt passen nicht zu mir. Wer braucht schon einen ganzen Liter! Hab ich wieder drei Jahre daran! Ist der überhaupt so lange haltbar?

Einkaufen ist Kopfsache

Mit mir selber in eine lebhafte Diskussion verwickelt, gehe ich zum Einkaufswagen zurück. Eine neue Welle von Kunden hat sich in das Geschäft ergossen, es wird gehustet und alle plustern sich so in ihren Wintermänteln auf, dass ein Durchkommen noch beschwerlicher wird.

Der Wagen behindert mich, ich lass ihn also stehen, und prompt werfe ich das Paket mit dem Nüsslisalat – den muss ich ja auch noch haben, der war schliesslich Aktion – in den falschen Wagen. Zum Glück merke ich es noch, bevor der Wagenbesitzer sich über den Salat wundern kann, ja bevor er vielleicht denkt: «Da haben wir den Salat!»

Bei der Käseabteilung sehe ich nämlich auf einmal einen Einkaufswagen rumstehen – zuoberst ein Liter Kressi-Essig und die vertrauten Mandarinli neben dem Brüsseler. Also schnell den Nüsslisalat aus dem fremden Wagen genommen.

Aber jetzt, aber – ein böser Blick, tadelnd. Ui ui ui!

Ha! Haben wir sie erwischt! Die ist mir ja sowieso die ganze Zeit schon aufgefallen, wie sie da ziellos hin und her läuft. Hat wohl noch nie was von zielführendem Einkaufen gehört! Wochenendeinkäufe muss man eben planen. Mit der richtig zusammengestellten Liste erübrigen sich die vielen Rückwärtsgänge. Dann steht man den Mitmenschen auch nicht immer im Weg.

Die tadelnden Blicke einer Miteinkäuferin sprechen Bände.

Wein – ja, der muss sein! Wie viele Flaschen passen denn aufs Fahrrad? Reichen zwei? Ich hab ja noch Besuch, also zwei Rotwein und zwei Prosecco. Bezahle ich halt mit der Karte – jetzt reicht mein Bargeld ja nirgends mehr hin. Mein Wagen füllt sich. Jetzt kaufe ich hemmungslos. Wenn ich schon mit Plastikgeld bezahle, dann soll es sich auch lohnen. Soll die Katze auch was Feines haben für die Festtage: Katzenleckerli, senior 8+ . Für kastrierte Kater zwar, aber woher sollen diese Leckerli schon wissen, von wem sie gefressen werden! Nassfutter kaufe ich auch gleich.

Die Kunst des richtigen Schlangestehens

Warum haben diese Ladenplaner den Nüsslisalat gleich beim Eingang vor die Einkaufsmeute geworfen? Der wird doch völlig verquetscht. Ich zerreisse den Deckel, der an der Pfanne festgemacht ist, auf und verstaue den Nüsslisalat. So ist er geschützt.

Mein Wageninhalt türmt sich auf. Unzufrieden reihe ich mich ein in die Kassenschlange.

«Entschuldigung, ich war zuerst!», schnauzt mich ein Mann mit zwei vollen Einkaufswagen an.
«Aber ich war doch schon lange da. Hinter dem Katzenfutter, am Warten!»
«Aber schräg!! Das gilt nicht, dass sie so schräg anstehen! Sie müssen sich wie alle richtig in eine Reihe einordnen!»
«Schaf!», denke ich

Ich muss ein ganzes Regal lang Anlauf nehmen, um mich richtig in eine Reihe einzuordnen.

Was kaufen denn die da vor mir ein? Unmöglich, das kann man ja nicht alles essen!

Inzwischen stehe ich an der Kasse, mit meinem Brüsseler, dem Wein und dem Katzenfutter. Vor mir ein Ehepaar. Mindestens zwanzig Joghurts auf dem Kassaband, Butter, Hackfleisch, Schinken, Mayonnaise und Würste aller Art. Dann noch Bier und Chips. Na, das werden ja spannende Feiertage bei denen zwei! Und was macht die Frau? Aha, da haben wir’s: Mandeln und dunkle Schoggi! Muss ja auch was haben, denn das Bier säuft sie wohl nicht.

Als ich zu Velo komme, stellt sich ein logistisches Problem:

Wie bringt man eine Pfanne, zwei Flaschen Wein, zwei Flaschen Prosecco,eine Flasche Kressi-Essig, ein Aromat, ein Kilo Brüsseler,  sechs Äpfel (die sind mir zum Glück noch eingefallen), Bouillonwürfel,  eine Tube Senf, zwei Liter Milch, einen Rahm und drei Kilo Katzenfutter (Aktion 3 für 2) mit dem Nüsslisalat aufs Velo und kann fahren, ohne das Gleichgewicht zu verlieren?

Zum Glück hat dieses Jahr bald ein Ende!

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