«Was darüber ist, das ist vom Übel»
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Ein dunkles Wolkengebilde über der Zentralschweiz (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Adrian Hürlimann «Was darüber ist, das ist vom Übel»

3 min Lesezeit 09.07.2016, 10:55 Uhr

Momentan ist es schön und heiss. Unabhängig von der momentanen Wetterlage sind jedoch einige neue Phänomene zu beobachten. Je mehr die gefühlte Klimaveränderung um sich greift, desto weniger halten sich die profilierten vier Jahreszeiten. Immer mehr Grau in Grau macht sich breit.

Eiskalte Wintertage und herbstliches Sommerwetter? Rekordmässig unterkühlte Polarszenerien und sogenannt warme Jahreszeiten, die von Tropennächten gar nicht weiter entfernt sein könnten? Je mehr die gefühlte Klimaveränderung um sich greift, desto weniger halten sich die profilierten vier Jahreszeiten. Immer mehr Grau in Grau macht sich breit, immer mehr Melange und düstere Verhangenheit, und das immer länger.

Kein deftiges Gewitter räumt blitzartig auf mit Überhitze, kein Sonnenschein zeigt sich anschliessend am Himmel. Das wird einem jedes Mal von neuem bewusst, wenn man per Flugzeug aus dem Grau abhebt und in Minutenschnelle in die blauen und besonnten Weiten des Himmels eintaucht. Nichts behindert die Freiheit da oben, die «wohl grenzenlos sein muss», wie Reinhard Mey gesungen hat. Dass diese Freiheit über den Wolken ihr Zuhause hat, scheint ihm und uns bemerkenswert selbstverständlich.

Mir aber nicht. Ich plädiere dafür, dass alles unternommen wird, diese ewige Wolkendecke wegzupulverisieren. Ich habe schlichtweg genug davon. Wenn sie dazu da ist, uns mit Regen zu versorgen, wie einige einwenden mögen, dann tut sie das, bitte sehr!, sehr unzuverlässig. Kein Mensch kann vorhersagen, wo das Wasser jeweils runtergeht und wieviel davon. Überschwemmungen sind genauso angesagt wie Trockenzeiten, Hochwasser wie Dürre. Von der geografischen Verteilung des Segens gar nicht zu reden.

«Ich wage sogar zu behaupten, die Wetterlage beeinflusst unsere derzeit einfallslose, unbeherzte und verzagte Politik.»

Vor allem aber drückt die Wetterlage des ewigen Grau in Grau auf die Stimmung. Ich wage sogar zu behaupten, sie beeinflusst unsere derzeit einfallslose, unbeherzte und verzagte Politik. Es wäre nicht übertrieben zu sagen, das Gejammer übers diffuse Wetter entspreche dem Gejammer über eingebildete Probleme wie Überforderung durch Immigration, Dichtestress usw. Die lichtlose, farblose Optik des Alltags unter der Wolkendecke lässt unsere aller Psyche krank werden. Es geht nicht an, dass wir den körperlichen Bezug zu den Elementen nicht mehr haben, weil dieser durch eine wasserdampfhaltige Isolationsmasse von gigantischen Dimensionen zur Unkenntlichkeit verringert wird.

Der Philosoph Lichtenberg wünschte sich im 18. Jahrhundert, als die Gesellschaft keinen körperlichen Bezug zum Wasser hatte – von Seeleuten und Fischern mal abgesehen – die Einrichtung von Seebädern nach englischem Vorbild. Auf karrenartigen Kleinstbecken sollten sich die betuchten Herren und Damen vom Strand ins Meer hinaus führen lassen, um dort in dieses einzutauchen. Ein scheinbar kompliziertes Vorgehen, aber trotzdem einleuchtend, wenn man bedenkt, dass es zum Beispiel in Zuger Schulen noch in den Fünfzigern keinen Schwimmunterricht gab.

«Es muss möglich sein, von gutem oder schlechtem Wetter zu reden.»

Doch zurück zur Gegenwart. Es muss möglich sein, von gutem oder schlechtem Wetter zu reden. Eure Rede sei: Ja, ja – nein, nein. Interessant auch der Folgesatz bei Matth. 5:37: «Was darüber ist, das ist vom Übel.» Finde ich auch! Neologismen wie «Wolken-Sonne-Gemisch» sind mir unsympathisch. Ich möchte wieder entweder blau oder dann nass. Ob es sich nun um die Erforschung der Wolkenbildung handeln sollte, vom Wasserdampf über die Einflüsse der Chemikalien aus Umwelt und Zivilisation, oder um den zunehmenden Eintrag des menschengemachten Kohlendioxids, der wolkigen Wetterlage, dieser pièce de résistance aller zeitgenössischer Lebensqualität, muss dringend und mit Einsatz aller Wissenschaft zuleibe gerückt werden!

Die ungeheuren Kapazitäten der Sonnenenergie, die sich unmittelbar über der grauen Decke ungehindert in alle Richtungen verbreiten und auch die lichtschluckende Graulage von oben bestrahlen, könnten einen Hinweis geben, wie es zu machen wäre. Eine lokale Konzentration dieser Strahlenenergie sollte eigentlich genügen, um Löcher in diese territorial doch sehr begrenzten Dampfmeere zu brennen.

Und wenn wir in Europa ein wenig Ordnung geschaffen haben am Himmel, bekommen wir die Lage vielleicht auch global in den Griff. Fliegen ist schliesslich nicht mehr ökologisch korrekt. Sonnenbaden aber schon.

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