Waffengängig gegen Tier und Mensch
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Böser Wolf, zu Tode gekommen oberhalb Alp di Luarn im Moesano GR. (Bild: Adrian Hürlimann)

Mit kriegerischen Gedanken im Wandergebiet unterwegs Waffengängig gegen Tier und Mensch

5 min Lesezeit 1 Kommentar 04.07.2020, 10:52 Uhr

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Vor allem dann, wenn er männlich ist und auf das gleichnamige Tier trifft. Um treffsicher schiessen zu können, übt er gern am Mitmenschen, mit blinder Munition. Einige Assoziationen um die Härte des bewaffneten Lebens, während einer Bergwanderung sinniert.

Talwärts unterwegs, eine Stunde vor dem Etappenziel Rifugio Luarn rochen wir ihn. Einige Höhenmeter tiefer stiessen wir auf seinen halb verwesten Kadaver. Dem Gebiss nach musste es ein Wolf sein. Im benachbarten Morobbiatal leben mindestens zwei Rudel, das wussten wir. Die Jäger haben es auf ihn, auf das scheue Raubtier abgesehen. Fast jeder hier im Tessin und im italienischen Graubünden ist zeitweise ein Jäger.

Viele Alphütten werden von Jägervereinigungen unterhalten und vor allem während der Jagdzeit rege und freudig benutzt. So auch diejenige hoch über Roveredo, in der wir übernachten wollten. Die Männer bleiben unter sich, ihre Familien zu Hause. Bei den bisherigen Verschärfungen des Jagdgesetzes und der -bewilligungen ging es aus Jägersicht um die zu gewärtigenden Einschränkungen dieses seit Urzeiten beliebten «Waidmann-Hobbys», mehrere geplante Naturparks scheiterten an entsprechenden Befürchtungen.

Beim bevorstehenden jüngsten Plebiszit sieht es besser, für den Wolf schlechter aus. Dem Chaotischen der freien Natur müssen Grenzen gesetzt werden, immer wieder, und schiessenderweise ist die Selbstvergewisserung, die männiglich gefühlte Durchsetzungsinitiative am wirksamsten und sinnvollsten. Frauen mögen die disziplinierteren Jägerinnen sein, aber den Killerinstinkt bringen sie nicht mit ins raue Feld.

Mangelnde Sichtbarkeit

Der wölfische Böse Feind und der menschliche «BöFei» haben einiges gemeinsam: Der publikumsscheue Wolf zieht sich gern zurück in den dunklen Wald und der menschliche, ausserhelvetische Kontrahent wird gar überhaupt nie sichtbar und muss deshalb für Übungszwecke supponiert werden.

Wie der Wolf nur kurze Zeit auftaucht, um eines oder mehrere Schafe zu reissen, so manifestiert sich der Bedroher der schweizerischen Sicherheit ausschliesslich im zeitweise schauspielerisch umgesetzten Rollenspiel. Ein real existierender «BöFei» ist im letzten Jahrhundert niemals an den Landesgrenzen erschienen, weshalb er zunehmend nur mehr in der Vorstellung, der Phantasie der Kampfesdurstigen und Schiessfreudigen vorkommt.

Das Sicherheitsbedürfnis, die psychische Resilienz der Mannen in den Bergen, sie lassen sich aber von dem allmählichen Verblassen des allgemeinen Feindbildes nicht beirren und suchen weiterhin nach institutionell verankerter und gepflegter Prävention in Sachen Ernstfall. Dabei kann keineswegs auf veraltete Kampfeskulturen wie die der stolzen Ritter in ihren Rüstungen zurückgegriffen werden.

Vielmehr gilt es, die Spieleinrichtungen den ausländischen kriegerischen Gepflogenheiten und Arsenalen möglichst realistisch anzugleichen: Echte automatische Waffen müssen es sein, echte Kampfbomber und Boden-Luft-Systeme. Vor allem aber zählt die Moral im Nahkampf, in der Auseinandersetzung von Mann gegen Mann.

Nur auf die Starken ist Verlass

Weil das Bedürfnis nach vorauseilender Aufrüstung gegen das Böse von aussen bei Frauen weit weniger ausgeprägt zu sein scheint und zudem der Zivildienst dem bewaffneten Kern immer erfolgreicher Konkurrenz beschert, kann sich der gesunde Verteidigungswillen der männlichen Bevölkerung nie und nimmer mit dem staatlich verordneten Programm zufrieden geben.

Die 0,8 Prozent Frauen in der Armee, die Armeechef Thomas Süssli wohl nicht so schnell auf die angestrebten zehn Prozent bringen dürfte, machen den Braten nicht feiss – und kommen der Wildschweinplage sowieso nicht bei (haha). Offiziersbasierte Schiessübungen auf Bilder nackter Frauen haben sich dabei auch nicht als hilfreich erwiesen.

Spielerischere, lustvollere Herausforderungen und Erlebnisse sind deshalb gefragt. Während die Jagd mehr auf selbstständige, oft einsame Tapferkeit vor dem Feind ausgerichtet ist, bieten etwa Airsoft-Spiele mannigfaltige Bewährungsmöglichkeiten, die gesunde Bubenträume und gemeinschaftsorientierten Wehrwillen gleichermassen wahr werden lassen.

Auch die Gesundheit kommt bei dieser Sportart in freier Natur nicht zu kurz. Im Spielgelände lassen sich täuschend echt aussehende Konfrontationen inszenieren, wobei die Gewehre bis zu 35 Softball-Salven von sich geben können. Manneskraft macht mobil, in Arbeit Sport und Spiel.

Den Schützen kenn’ ich wohl

Aber wohlgemerkt: Rambo-Phantasien sind hier nicht erwünscht, es geht um realistische Übungskonstellationen, nicht um dekadente Macho-Selbstbefriedigung. Der Jäger verringert den Wildbestand und lässt die Biotope wohlwollend gesunden. Der Schütze schützt! Im vergnüglichen Spiel der Simili-Waffen wiederum wird ein frohgemuter Mannschaftsgeist erprobt und geschult.

Die Waffe ist hier nicht blosser Zierat für Truppenaufmärsche, sondern das gesunde Werkzeug männlicher Selbstvergewisserung und sie gleicht darin der Armbrust der Vorfahren wie dem rauchenden Colt im Wildwestfilm.

Alles blosse Show, meinen Sie? Aber sicher! Die Schönheit solch lebendig ausgetragener Tatkraft tritt hier im Spiel klar zutage und begeistert, fotografisch festgehalten, natürlich auch Frau und Kind zu Hause.

Dem Sprung der Gämse gleich vollzieht sich hier das Outdoor-Geschehen, dem sicheren, entsorgenden Einhalt frommend, welcher der wölfischen Bestie entschlossen geboten wird, dem freudvollen Einsatz huldigend im edlen Kampf gegen Streik, freche Studentenschaft und Flüchtlingswelle, gegen Gefahr in Rot oder Gelb.

Die Mär vom bösen Wolf

Mangels Feind hat unser Militär ja leider nur im Innern, daselbst gegen Arbeiter, Frauen und Kinder und demonstrierende Väter (1932), säubernd wirken können, aber:

«Geduld, es wird sich ändern, verlasst euch fest darauf!» Supponiert erfolgt dies Stahlballett einstweilen noch, im kühnen Spiel der Plastik-Projektile, doch eines fernen Tages wird der Ernstfall solch gereifte Vorbereitung einer harten Probe unterziehen – und dafür wollen wir doch alle gerüstet sein.

Gepflegte Sicherheit im Dunkel des ungewissen Weltgeschehens, nur sie lässt uns hoffen und gestärkt in die Zukunft blicken. Wehret den Anfängen? Fängt an mit der Wehr!

Übrigens: Der oben abgebildete Wolf erwies sich als Fuchs, nachdem der Jagdaufseher unsere Fotos studiert hatte. Sei’s drum! Gefährlich sind sie alle!

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1 Kommentare
  1. Adrian Hürlimann, 04.07.2020, 15:24 Uhr

    Kleiner Nachtrag, betr. Armeeeinsatz gegen Zivilisten im Färberstreik in Basel, 1. August 1919 (fünf Tote, 50 Verletzte):
    Nach der Erschiessung der fünffachen Mutter Nyffeler lagen bald weitere Verletzte und drei Tote an der Kasernenstrasse. Unter ihnen der Schuhmacher und zweifache Vater Karl Fässler und das Dienstmädchen Julia Eschmann. Oder die Schneiderin Rosa Hunziker (1898-1919). Die ledige junge Frau lebte zusammen mit ihrer verwitweten Mutter.
    Zwei Projektile töteten die junge Julia Eschmann, deren Mutter 1921 bis vor Bundesgericht gelangte. Ihre Klage wurde abgewiesen. Die Ordnungstruppen im aktiven Dienst wurden in diesem Fall von jeder Schuld freigesprochen.

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