Vorsatz
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«Die Zukunft bleibt ein Gedankenkonstrukt, das der Gegenwart entspringt.» (Emanuel Ammon/AURA) (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Martina Clavadetscher Vorsatz

3 min Lesezeit 05.01.2015, 16:51 Uhr

Immer hängt der Mensch irgendwo zwischen Abschluss und Neuanfang. Ein unangenehmes Verharren. Und was tut er? Er feiert, was war. Und er feiert, was sein wird. Dabei ist das Dazwischenhängen alles, was wir tatsächlich haben. 

Vorbei sind die Bilder. Die Bilder kommen wieder:

Countdown, ein grosses Hurra. Die Kalenderzahl wechselt. Feuerwerk und Champagner.

Die Hysterie heisst Vorfreude und die Vorfreude gilt 365 noch unbeschriebenen Tagen. Weil da ja noch was kommen muss, etwas Grosses, die Erfüllung. Die Zukunft eben.

«Die Zeit betrügt uns mit halbgefüllter Schale», schrieb die Lyrikerin Mascha Kaléko in ihrem Gedicht «In dieser Zeit».

Immer hängt der Mensch irgendwo zwischen Abschluss und Neuanfang. 

Ein unangenehmes Verharren. Und was tut er? Er feiert, was war. Und er feiert, was sein wird. 

Dabei ist das Dazwischenhängen alles, was wir tatsächlich haben. 

Alles andere ist blosse Erinnerung oder Zukunftsvision. Aber gerade die scheinen so viel begehrenswerter. 

Die Vergangenheit verströmt zwar den Geschmack des Welken. Doch Unwiederbringliches ist unerreichbar und Unerreichbares ist leider stets attraktiv. Kein Wunder, sieht der Blogger «Magnificent Ruin» die Hauptfunktion der Erinnerung darin, mit dem eigenen Kopf zu vögeln. Schwelgen wäre ein anderes Wort dafür. So oder so, die Aussage ist klar.

Und mit der Zukunft ist das so eine Sache. Bill Clinton nannte es Möglichkeit und Verpflichtung zugleich. Master Yoda sagte, sie sei immer in Bewegung (Immer in Bewegung sie ist).

Das Wesentliche aber ist: Es gibt sie nicht. 

Die Zukunft bleibt ein Gedankenkonstrukt, das der Gegenwart entspringt. 

Sie ist Teil der Gegenwart. Und doch so viel sexier.

Die Zukunft besteht aus Plänen, Wünschen, Hoffnungen, Ideen und Vorsätzen. 

Sie ist immer besser. Gerade weil sie nicht ist. 

Sie ist noch nicht gescheitert. 

Sie ist immer leicht. Denn sie ist leer.

Trotz allem wartet die Silvestermasse vor dem Brandenburger Tor. Das Kollektiv zählt zurück auf Null und bejubelt die Sekunde. Der Feiernde überlegt, was ihn erwarten mag. Ein aufregendes Sinnieren. Die Zukunft ist eine füllbare Schale und wie nichts anderers versprüht sie den Charme der Machbarkeit.

Im Vergleich dazu verhält sich die Gegenwart eher als Festbremse. Wäre die Zukunft ein verblüffender Zaubereffekt, so ist die Gegenwart bloss der enttäuschend billige Trick, der dahinter steckt. 

Dabei wird der Gegenwart grosses Unrecht getan. 

Sie ist zwar nicht so hübsch anzuschauen, doch vermutlich eben die ungeschminkte Version der Zukunft. Der Zukunftsforscher Robert Jungk erklärte, dass der Morgen schon im Heute enthalten sei, in einem Heute, das sich hinter dem Gewohnten versteckt. 

Die Gegenwart besitzt das langweilige Aussehen des Alltags. Deswegen wird sie mit weniger Blicken gewürdigt. Verknallen tut sich der Mensch eben lieber in die Vergangenheit und die Zukunft. Die Gegenwart bleibt auf der Strecke. Was gerade passiert, sieht aus der Nähe meist unappetitlicher aus. Aber es ist immerhin da.

Mascha Kaléko schrieb am Ende des besagten Gedichts: «Verstohlen träumen wir von Wald und Wiese, und dem uns zugeworfenen Brocken Glück… Kein Morgen bringt das Heute uns zurück, wir haben keine andere Zeit als diese.» 

Vielleicht sind die ehrlichsten Zukunftsgedanken jene, welche die unmittelbare Gegenwart betreffen. Als Neujahr-Vorsatz würde das folgendermasse aussehen: Das Jetzt feiern. 

Denn heute passiert alles. Pausenlos ist Neujahr, jeder Tag ist zum ersten Mal, jede Stunde, jede Sekunde ist jetzt, jetzt, jetzt!

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