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Tanz ab 60 – Wo auch letzte Hüllen fallen – Schutzmaske obligatorisch
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Wer einen Maskenball besucht, ist besser vor Corona geschützt. (Bild: zvg)

Leben in Corona-Zeiten zwischen Traum und Wirklichkeit Tanz ab 60 – Wo auch letzte Hüllen fallen – Schutzmaske obligatorisch

9 min Lesezeit 2 Kommentare 23.05.2020, 11:01 Uhr

Wenn Sie 60 sind, könnte Sie dieser Artikel interessieren. Oder, wenn Sie sich fühlen wie 60. Oder, wenn Sie sich vorstellen können, wie man sich fühlt, wenn man sich die 60 vorstellt.

Jetzt, wo wir gemeinsam die ersten drei Sätze hinter uns gelassen haben und etwas vertrauter geworden sind miteinander, könnten wir gleich zum Du übergehen.

Ich muss dir nämlich unbedingt erzählen, was mir da zu Ohren gekommen ist. Infolge «Social Distancing» kann ich nämlich niemandem etwas ins Ohr flüstern und kenne inzwischen den Postboten besser als meine eigene Mutter, aber der will nichts ins Ohr geflüstert kriegen von mir.

Also, hör mir mal zu. Ich hab da nämlich kürzlich ein virtuelles Gespräch belauscht. Drei Sechzigjährige, wenigstens taten sie so, als ob sie 60 wären. Nennen wir sie Jacqueline, Sandra und Alex. Jede Verwechslung mit lebenden Personen ist rein zufällig.

Was ist wahr und was ist bloss Schein – in Zeiten von Corona bildet sich eine neue Realität ab. (Bild: zvg)

Schwarz auf weiss

A:        Aber ich hab’s heute so in der Zeitung gelesen!

J:         Da musst du aber vergessen haben, die Brille aufzusetzen oder du hast noch geträumt. Von einem Maskenball stand gar nichts drin!

S:        Wie willst du das wissen? Vielleicht liest A nicht die gleiche Zeitung wie du. Ich höre sowieso nur Radio.

J:         Auch ich hör lieber Radio. In Zeitungen löse ich nur die Rätsel.

A:        Wie hältst du diese Desinformation aus?

J:         Ich bin überhaupt nicht desinformiert! Ich weiss alles! Frag mich, wenn du was wissen willst!

S:        Ihr könnt Euch doch nicht ernsthaft darüber streiten, welches Medium objektiver orientiert, die Zeitung, oder das Radio!

A:        Doch, das können wir! Man weiss, dass die Zeitung seriöser ist.

J:         Halt! Halt! Halt! Das Auge will betrogen sein! Das ist überhaupt nicht wahr. Beim Radiohören lass ich mich nicht von unnötigen Bildern …

A:        Ich schau mir doch die Bilder gar nicht an! Ich lese!

S:        Bevor ihr zwei Streithähne euch noch ganz in die Haare kriegt, werdet doch sachlich. Es kommt doch ganz auf die Person des Betroffenen an. Wie liest er, wie hört er?

A:        Quatsch. Alles Quatsch. Das Radio wird manipuliert.

S:        Woher willst du das wissen?

A:        Das hab ich in der Zeitung gelesen, schwarz auf weiss.

S:        Meinst du die neueste ABZ-Studie?

J:         Diese Studie kenn ich auch. Von der haben sie heute Morgen am Radio gesagt, dass sie mit verfälschten Zahlen die Konsumenten manipuliert.  Was man gelesen hat, prägt sich besser ein, als was man gesehen hat. Auch wenn es falsch ist!

Maskenball

S:        Themenwechsel! Gehen wir wieder mal zusammen in den Ausgang? Hätte Lust, jemanden kennenzulernen.

J:         Da hab ich beim Coiffeur doch letzthin eine Leuchtreklame gesehen. «Für die abenteuerliche Frau. Der ultimative Maskenball! Für Junggebliebene.»

A:        Das hab ich bei meinem auch gesehen, einfach leicht abgeändert. «In jedem Mann steckt ein James Bond. Der ultimative Maskenball. Ab 60.»

S:        Also, ich hab das auch schon mal gesehen – kramt ihr Handy hervor.

            Genau, hier steht es: «Du wirst gesucht! Flexibel und offen für Neues! Kennenlernen garantiert! Der Maskenball 2020.»

A:        Hast du nähere Details?

J:         Das ist kaum seriös, wenn es S auf ihr Handy gekriegt hat. Wer war der Absender?

S:        (schmunzelt) Alles geheimnisvolle Schreiberlinge.

Hier ist der Link.
Das Leben geht weiter – kostenlos – Jeden Montag Abend in deiner Nähe – Tanz ab 60 – Wo auch letzte Hüllen fallen — Türöffnung um 21 Uhr – Die ersten sechzig Personen werden eingelassen – Sicherheitsabstände beachten – Masken obligatorisch.

A:        Montag, wer hat schon Zeit an einem Montagabend!

J:         Na, denk die interessanten Leute. Die, die schon sechzig sind und es sich leisten können, in den Ausgang zu gehen.

S:        Die, die nicht mehr arbeiten müssen. Die Selbständigen, die ihren Stundenplan selber machen. Die Ausdauernden, die mit wenig Schlaf auskommen. Gesund und vermögend. Das tönt doch spannend!

Notizen vor dem Maskenball – wer weiss, ob die Namen stimmen. (Bild: zvg)

Geflüstert, nicht geschrien

Ja, und dann haben sie in meinem Kopf leise weitergetuschelt, diese drei Stimmen, und ich muss eingeschlafen sein. Weisst du, die letzten paar Wochen waren ganz schön anstrengend für mich.

Was ich alles aufgeräumt und geputzt habe! Und gelesen habe ich Bücher, die gar noch nicht geschrieben wurden!!! Kein Wunder, dass meine Nächte sich mit den Tagen vermischten und ich plötzlich nicht mehr unterscheiden konnte, ob der Berset nur im Traum gesagt hat, ich solle zu Hause bleiben!

Und stell dir vor, ich hab die drei in der Nacht wiedergesehen, als ich unruhig schlief.

Da waren sie, Alex und Jacqueline und Sandra, frisch gebadet, frisiert und parfumiert. Ich wusste gar nicht mehr, wer da mit wem verheiratet war. Sie sahen alle aus wie Singles.

Und tatsächlich sind beim ehemaligen Hotel Löwen auf dem leeren Parkplatz neben dem alten Schulhaus 60 Kreise aufgemalt gewesen. Die grünen Kreise waren von 1 bis 40 nummeriert, die roten lagen alle im Minusbereich.

Sandra stand auf der 14; sie war schon um 7 Uhr da und wollte für die andern beiden besetzen, aber das wurde ihr nicht erlaubt. Zum Glück alarmierte sie per Handy J, mit A sofort zu kommen und so ergatterten diese die Nummern 43 und 44.

Nach 8 Uhr waren nur noch ein paar Minuskreise frei. Neugierige schlichen um den Parkplatz herum und beobachteten aus sicherer Distanz das Geschehen.

Kurz vor der angekündigten Türöffnung gab es ein kleines Handgemenge zwischen der Nummer 5 und der Nummer –2, da die 5 austreten musste und die –2 einfach auf ihren Platz hüpfte.

Wenige Minuten vor Türöffnung verteilte ein Vollverschleierter den Wartenden Kartonteller, worauf ihre Platznummer aufgemalt war.

Endlich ging die Tür auf.  

Kein Spiel ohne Regeln

Die Gruppe betrat das stillgelegte Schulhaus und versammelte sich in einem riesigen Kreis in der Turnhalle auf unbequemen Stühlen.

Es erschien ein Spielleiter mit Visier und erklärte die Grundvoraussetzungen in Bild und Wort und Piktogramm:

  1. Jede Person ist im 60. Lebensjahr oder mehr.
  2. Jede Person ist neugierig.
  3. Jede Person ist gesprächsfreudig.
  4. Jede Person bezeugt mit der Unterschrift, dass sie die Spielregeln einhalten wird.
  5. Nach der Bekanntgabe der Regeln haben alle 10 Minuten Bedenkzeit, ob sie am Maskenball teilnehmen werden.

Die Anwesenden waren zufrieden bis auf –17, der es zu langsam ging. Sie gab ihren Platz frei.

Dann erklärte der Spielleiter die Spielregeln:

  1. Im Tanzsaal, der mit Tischen, Sofas und einer Bar eingerichtet ist, darf ausser dem Personal niemand eine Maske tragen.
  2. Man darf pro Abend nicht mehr als 3 Tänze ablehnen.
  3. Man muss pro Abend mindestens 5 Mal jemanden zum Tanz bitten.
  4. Nach der Veranstaltung wird über alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine zweiwöchige Quarantäne verhängt. Die Turnhalle wird dazu in der Zwischenzeit eingerichtet.
  5. Pärchen mit Symptomen von Atemnot werden separat in Zimmern abgesondert.

Ja, und dann ging ein Gemurmel los, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Einige verliessen die Halle sofort. Zwei Wochen Quarantäne für ein bisschen Spass, das schien ihnen dann doch etwas zu lange.

Eine Dreiergruppe verabschiedete sich lauthals protestierend, ein sportlicher Mittsiebziger unterschrieb auf der Stelle den Mitmachvertrag, eine elegante Rothaarige kramte aus der Handtasche einen Füllfederhalter hervor, der wohl mehr gekostet haben dürfte als ein Klassensatz Schreibsets, ein offensichtlich enger befreundetes Männerpaar schlenderte betont lässig zum Anmeldetisch, damit man nicht gegen den Wind schon ihre Vorfreude am schnellen Gang ablesen konnte.

Nach zehn Minuten waren noch 49 Tanzwillige geblieben. 40 durften in die Aula, 4 von der Warteliste kamen in den Genuss eines Bonusjokers, 2 kamen dank Cumuluskarte rein und die letzten 3 mussten wieder nach Hause gehen, nicht ohne vorher eine Superkarte ausgehändigt bekommen zu haben, die sie beim nächsten Anlass zur sofortigen Teilnahme berechtigte.

Alle drängten sich in eine zu einem Tanzsaal umgebauten Aula. Selbst die schummrige Bar fehlte nicht. Das Lehrerzimmer und der Kopierraum waren zu Separés umfunktioniert, bequeme Sofas in den Ecken verteilt.

In einem engen Kreis waren 56 Stühle platziert, die dann nachher an die bereitstehenden Tische geschoben werden konnten.

Die Stimme des astronautenhaften Spielleiters erklang roboterhaft, da er seine Schutzmaske nicht auszog und die Stimme per Lautsprecher übertragen wurde:

«Liebe Anwesende, ziehen Sie jetzt bis zum Ende Ihrer Tage die Schutzmasken aus!»

Alles nur geträumt

Und ich hatte meinen Kubiktraum.

Du weiss ja, was das ist. Ein Traum ist ein Traum. Und wenn du jetzt im Traum träumst, dass du träumst, ist das ein Quadrattraum. Und wenn du träumst, dass eine andere Person träumt, dass eine weitere träumt – ja, das ist dann wie mit den 60-Jährigen, die man sich vorstellt, wie sie sich etwas vorstellen. Ein fast unmöglicher Konjunktiv!

Ich hatte also meinen Kubiktraum und träumte vom Alex, der von der Jacqueline träumte, was wohl der Sandra alles durch den Kopf gehen könnte.

Einfach der Wahn! Dieser Alex! Diese Vorurteile! Träumt der doch tatsächlich, J beneide S wegen deren Unabhängigkeit! S tanzt maskenlos mit der Rothaarigen, bis die beiden Frauen atemlos in einem Separé landen.

So etwas träumt dieser Perversling! Das hätte ich ihm nie zugetraut. Nicht einmal im Traum!

Eine wichtige Mitteilung des Bundesamtes

Kurz bevor ich aufwachte, das muss in der REM-Phase gewesen sein, standen die drei Protagonisten vor mir und kamen immer näher. Näher als zwei Meter, näher als ein Meter, und dann, als sich unsere Nasenspitzen fast berührten, liessen sie ihre Masken fallen und jeder von ihnen hatte Züge von mir.

Meine Hoffnungen, meine Ängste, meine Gedanken spiegelten sich in ihren Blicken.

Sie schüttelten mir die Hand und sagten:

«Willkommen in den Zeiten der Pandemie!
Willkommen in der lebenslangen Quarantäne auf diesem Planeten.»

Aus dem Radiowecker tönte eine magistrale Stimme:

«Gehen Sie nicht hinaus!»

Und ich warte immer noch darauf, dass ich ganz wach werde.

Das ist mehr als ein Traum – das ist ein Alptraum!

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2 Kommentare
  1. Papisco, 28.05.2020, 23:08 Uhr

    Welch hübsche Traumgeschichte! Generalstabsmässig geplant, wie es sich für richtig gute Träume gehört, und dazu auch noch so, dass der geneigte rüstige 60er sich hineinfindet und allerlei zusätzlichen Schabernack anstellen möchte.. ganz ohne sich um Geld und vermeintlich zerstörte Zukünfte der 20jährigen zu scheren!

  2. mebinger, 25.05.2020, 11:49 Uhr

    Dieser Albtraum kostet uns über 70 Milliarden und zerstört die Zukunft der zwischen 20 und 30 Jahre alten Jugendlichen

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