Superlativ
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Die Bahnhofsuhr von Aarau. (Bild: Max Huwyler)

Max Huwyler Superlativ

2 min Lesezeit 09.05.2015, 13:12 Uhr

Superlativ 1: Frontseitentitel des Innerschweizer Zentralorgans zum 1.Mai, dem Tag der Arbeit: «Urner erstürmt das Matterhorn – Rekord!»

Superlativ 1

Frontseitentitel des Innerschweizer Zentralorgans zum 1.Mai, dem Tag der Arbeit: «Urner erstürmt das Matterhorn – Rekord!» Dazugegeben ist ein Bild von einem Mann mit Helm auf Schneehaufen auf Berg, im Hintergrund verschneites Gebirge in Weiss, darüber ein sogenannter tiefblauer Himmel, zu dem die rote Jacke des Bergmannes bildschön kontrastiert. Super! Und das ist die Meldung dazu: Ein Urner Bergsteiger «hat die Nordwand des Matterhorns in 1 Stunde und 46 Minuten bezwungen – so schnell wie niemand je zuvor.» Einstieg in die 1’100 m hohe Wand am 22. April 2015 um 08.34 Uhr. Der Steiger hatte die Stoppuhr dabei. Er hatte auch schon die Eigernordwand in Rekordzeit gemacht.

Ich mag das «z’Bäärg goo», das zu Berge-Gehen. Freue mich, wenn ich oben bin: Gigfelkreuz, Gipfelbuch, Gipfelkuss, Fähnchen stecken, ab 3’000 m gilt Duzis. Gipfelrituale eben. Im Clubhaus der Sektion Rossberg in Zug steht an der Wand ein Text:«z’bäärg goo // mir chäibid / uf all höger ufe / wemmer dobe sind / simmer froo / das mer dobe sind / wemmer dunde sind / simmer froo / das mer wider dunde sind». Nicht alle Bergkameraden haben Freude daran.

Etwas irritiert mich an der Rekordmeldung: Die Superzeit. Was treibt den Mann dazu, schnell zu sein. Was treibt den Menschen dazu, schneller zu sein, der Schnellste zu sein?

Superlativ 2

Der Tagesanzeiger titelt 2010: «Die grösste Bahnhofsuhr der Schweiz». Diese Uhr vor der Glasfront ist tatsächlich ein ansehnliches Kunst-am-Bau-Werk am neuen Bahnhof von Aarau. Die Gestalter hatten bestimmt nicht den Superlativ im Sinn, sondern das Zusammenspiel mit der Fassade und das Symbol für Zeit und Vergänglichkeit, Sekunde um Sekunde. «Bedenke, o Mensch …» 

Und doch ging es dann los mit den Superlativen: «Grösste Uhr der Schweiz», «Grösstes Zifferblatt Europas!», «Weltweit grösste Uhr!» Bis dann die Korrekturen kamen: Die SBB am Hauptsitz beim Bahnhof Wankdorf in Bern mit der klassischen Bahnhofsuhr mit der roten Sekundenkelle. Das Zifferblatt mit 9 m Durchmesser! Umlernen müssen die Zürcher Schulkinder, die im Heimatkundeunterricht stolz waren auf die Uhr von St. Peter. In Bern ist die wichtigste Zeitdarstellung ohnehin die Zytgloggen-Uhr mit dem Stundenschlag-Hämmerer oben im Turm.

Allen Uhren gemein ist der Lauf der Zeitanzeiger. Keiner kommt und reklamiert eine schnellere Zeit und baut die schnellste Uhr der Schweiz! Auf der Bahnhofsuhr in Aarau, am Zytglogge in Bern, auf der Stoppuhr des Matterhornkletterers: Überall ist die Minute exakt 60 Sekunden lang. Genau so lang wie auf der Swatch an meinem Arm.

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