Raumfahrten mit Friedrich Dürrenmatt
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Planeten haben es ihm angetan: Friedrich Dürrenmatt. (Bild: Ruth Voegtlin/Aura)

100 Jahre Dürrenmatt Raumfahrten mit Friedrich Dürrenmatt

5 min Lesezeit 19.12.2020, 10:57 Uhr

Zu Anfang des neuen Jahres werden wir uns nicht mehr retten können vor Artikeln und unbedarften Lobhudeleien zu Dürrenmatts hundertstem Geburtstag. Blogger Adrian Hürlimann hat sich eine seiner Kurzgeschichten vorgenommen («Der Hund») und die ersten Sätze nach seinem Gusto und ganz anders weitererzählt.

Es war eine irgendwie östliche Sprache, die ich da wahrzunehmen meinte. Russisch wahrscheinlich. Konnte auch Serbisch sein, das wusste ich aus Erfahrung. Wenn ich Slawist wäre, könnte ich die Unterschiede nach einem einzigen Satz, ja schon nach einer Ellipse heraushören. Der Hund würde wohl auch aus diesem Sprachraum stammen.

Man gab den Obdachlosen Hunde mit in deutsche Grossstädte, das hatte ich gehört. Die Absicht sei dabei, dass sich diese Menschen ohne Perspektive um ein Lebewesen kümmern würden und so einen Bezug zur Umwelt, zur Gesellschaft schaffen könnten, von der sie sich abgeschrieben vorkommen mussten, aufgegeben.

Einmal, so erschien es eines Tages in den Nachrichten, hatten Jugendliche, die wohl kaum auf der Strasse zu leben hatten, aber in durchaus zivilisierten Verhältnissen lebend, eine noch viel schlimmere Verwahrlosung, eine unbemerkt im Innern, Psychischen angerichtete, zu bewältigen suchten, bereits in ihren frühen Jahren kaputtgegangene Chaoten, einen wehrlos daliegenden Gestrandeten angezündet und zugesehen, wie er sich in Schmerzen wand.

Auch dafür könnten die Hunde gut sein: um ihren Besitzern einen minimalen Schutz vor seelischen Krüppeln und Kleinkriminellen zu verschaffen. Die Polizei, diese trügerische, für die angebliche Sicherheit verantwortliche Hauswarttruppe, war ja in diesem Fall wie in den meisten anderen von keinerlei Nutzen. Waren doch die Obdachlosen, diese Kollateralschäden der bürgerlichen Harmoniewelt, schlicht nicht existent.

Sozialarbeiterinnen hatten hier ein Hintertürchen gefunden und besetzt, das im Apparat der reibungslosen Funktioniererei des gesellschaftlichen Alltags zu wenig Aufsehen erregte, um als lästige Beeinträchtigung der optischen Geordnetheit der Verhältnisse Anstoss und Vergeltungslust der Ausmerzung anheimzufallen.

Begegnung der dritten Art

Ich fasste also Mut und ging näher hin. Der Mann im grauen Wollmantel, der mit dem am Boden wie vor einem imaginären Lagerfeuer kauernden Strassencampierer ins Gespräch vertieft zu sein schien, wandte den Kopf. Er schien dankbar für jede Abwechslung zu sein, denn offenbar war ihm der Gesprächsstoff ausgegangen und sein Verharren grundlos geworden.

Einige Schritte vor der Zweiergruppe, die auch als Position in einer Kunstausstellung mit Installationen hätte durchgehen können, stand ich still und versorgte meine Hände in den Manteltaschen. Es war kalt, zweifellos, und eine solche Geste des Überspielens würde ohne Weiteres verstanden werden, ja, sie drängte sich geradezu auf.

Der Hund erhob den Kopf und blickte mir erwartungsvoll entgegen. Endlich passierte mal etwas. Der Strom der Passanten und Radfahrer wogte an uns vorbei und beachtete uns nicht weiter.

Hier war sie also gelandet, die Hündin aus dem Weltall. Gehörte dies alles nicht auch zum Kosmos? War es hier nicht auch saukalt und stockdunkel? Waren wir nicht alle bereits oder noch immer drin in dem allem? Schwebten wir nicht alle dahin wie Asteroiden, auf einer unbewussten, vorgegebenen Bahn? Majestätisch und würdevoll? Würde sich denn dies alles nicht ohne dies alles überleben lassen? Waren wir nicht alle auf sie angewiesen? Auf Laika?

Raumfahrt als gedachte Spielwiese

Und damit sind wir, Sie merken es, in der Raumfahrt gelandet, zu der Zeit, als sie noch interessant war: im Kalten Krieg. Kürzlich hörte ich ein Hörspiel von Dürrenmatt aus dem Jahr 1954, das im Jahr darauf in Deutschland dreimal einstudiert und gesendet wurde: «Das Unternehmen der Wega».

In der Schweiz liess man sich damit Zeit bis 1968. Doch zurück zur Ursendung. Der Koreakrieg war gerade zu Ende gegangen und hatte das Land geteilt zurückgelassen, in den kommunistischen Norden und den westlich beherrschten Süden. Im Hörspiel denkt Dürrenmatt den globalen Konflikt weiter bis ins Jahr 2255. Beide Hemisphären der aufgeteilten Welt haben den Planeten Venus als ihr Gefangenenlager eingerichtet.

Die Opfer und Feinde des Westens leben also mit den Opfern und Feinden des Ostens zusammen. Die westliche Wega-Mission hat den Auftrag, die unbekannte Venusbevölkerung dem Bündnis des Westens einzuverleiben und führt zehn Bomben mit sich, um den Planeten im Falle des Misslingens zu vernichten. Es ist bekannt, dass einige der Verbannten es vorgezogen haben, nicht zur Erde zurückzukehren, obwohl ihnen die Möglichkeit dazu gegeben worden war.

Tatsächlich finden die Gesandten eine Welt vor, in der es keine Regierung, keinen Staat, keine Hierarchien und keine Klassen gibt. Es wird ihnen bald einmal bewusst, dass es hier nichts zu verhandeln gibt, dass hier alle Ideale realisiert worden sind, die auf der Erde blosse idealistische Appelle und doppelmoralische Dogmen waren und immer noch sind.

Mirage-Affäre 1973. (Bild: zvg)

Glückliche Gefangene

Ihre «Verhandlungspartner», die keine Funktionäre sind, sondern Privatpersonen, die gerade nichts Wichtigeres zu tun haben, durchschauen die Absichten der Besucher aus der alten Welt mit Leichtigkeit. Sie können sich durchaus vorstellen, dass dem Delegationsleiter ein Überwachungsagent zugeteilt wurde, der ihn, im Falle von Kooperationsgelüsten mit dem «Feind», ausschalten würde.

Es ist diesen höher entwickelten, extraterrestrischen Menschen völlig klar, dass es den Besuchern aus der alten Welt unmöglich sein würde, die Existenz einer Gesellschaft ohne Feindschaft, dafür mit Solidarität und Mitgefühl, aushalten zu können. Ihr Denken ist in den Kategorien von Aufrüstung, Feindschaft und Krieg erstarrt, festgefroren im Gleichgewicht des Schreckens.

Sie sind zu bemitleiden und zu betrauern, weil sie sich keine Zukunft ohne Atomkrieg und globale Zerstörung vorstellen können. Es ist anzunehmen, dass sie beim Verlassen der Venus alles Leben auf dieser zerstören würden, zur Illusion ihrer «Sicherheit». Und genau so kommt es dann auch.

Schrecken ohne Ende

Eine Geschichte ist erst dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat, dozierte der Erzähler einmal. Vier Millionen Tote, die meisten waren Zivilisten, liegen 1953 auf den Schlachtfeldern Koreas, und in Vietnam wird sich diese Strategie der Verzweiflung wiederholen, mit noch mehr Opfern und Entlaubungsmitteln.

Mit seiner scharfsinnig entwickelten Dystopie hat Dürrenmatt für einmal keinen Skandal erregt, wie zu Beginn mit seinem Wiedertäufer-Stück oder mit der Vaclav-Havel-Rede. Zu schlüssig und unerbittlich blickt er auf diesen globalen Totentanz herab und zu majestätisch ins Weltall hinein. Ein Skandal ist es wahrscheinlich, dass der Skandal ausgeblieben ist, so wie jede Roadmap zu einer friedlichen Welt.

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