O Schmerz, lass nach!!!
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Es gibt nichts, was Herr K so sehr hasst, wie das Ticken einer Uhr. (Bild: pexels)

Neues von Herrn K O Schmerz, lass nach!!!

9 min Lesezeit 07.11.2020, 11:01 Uhr

Herr K ist nicht berechnend. Aber auf den Kopf gefallen ist er auch nicht gerade. Vielmehr verfügt er über eine natürliche mathematische Intuition und erkennt blitzschnell Zusammenhänge, die den meisten seiner Mitmenschen verborgen bleiben. Am einfachsten zu begreifen ist das Prinzip der Ursache und Wirkung. So freut sich Herr K darüber, dass er ein Mann ist. Da spart man sich im Leben eine Menge Krankenkassenprämien ein. Und als Kind lernte er schnell, dass er auch mit seinem Verhalten die Zukunft zu seinen Gunsten steuern konnte. Dazu will ich dir die Geschichte vom Zahnarzt erzählen. Und dazu muss ich natürlich etwas ausholen.

Es gibt nichts, was Herr K so sehr hasst, wie das Ticken einer Uhr.

Es hallt in seinem Kopf nach und lässt ihm gar keine Zeit, seine Gedanken zu Ende zu denken. Sechs Dinge gleichzeitig kann er sich ja noch merken, doch beim 7. Tick wird es schwierig und wenige Minuten später sitzt er schweissgebadet da und wundert sich über seine Unruhe. Dabei achtet er anfänglich gar nicht auf die Geräusche der Uhr. Die fallen ihm erst auf, wenn er einem besonders schwierigen Gedanken nachstudiert. Und das kommt recht oft vor, den Herr K ist ein besonnener Mann.

Dieser gleichmässige akustische Schlag bringt ihn völlig aus dem Konzept.

Aufgefallen ist ihm der Zusammenhang zwischen dem Ticken einer Uhr und dem Unbehagen, das dieses auslöst in seinem Gemüt, im Alter von dreizehn Jahren im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis in der Stadt.

Zahnarzt. (Bild: Zeichnung von Magda Scherrer)

Zuvor besuchte er seiner Mutter zuliebe den Dorfzahnarzt. Der hat zwar keinen Doktortitel, aber sonst eine Menge Attribute, um die vorwiegend weibliche Kundschaft bei sich zu behalten.

Alles zu seiner Zeit

Durch meine schlechten Zähne findet meine Mutter häufig Gelegenheit, mich zu meinem Peiniger zu begleiten. Du musst schon sehen, dass sich meine Mutter in einer verzwickten Lage befindet. Da ist einerseits die Sorge um den Zustand meiner Zähne, andererseits der Wunsch, möglichst oft den Dorfzahnarzt zu treffen, ohne Verdacht zu erregen.

Die Liebe zum Zahnarzt siegt früher oder später, und so sitze ich regelmässig auf dem Zahnarztstuhl und kann nicht auf meine Zähne beissen. Ein Stockzahn hat sich diesmal entzündet, meine rechte Backe ist hamsterartig angeschwollen.

Verkrampft sitze ich auf dem Folterstuhl in Rückenlage, und aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie der Arzt mit seinen grobschlächtigen Fingern eine riesige Spritze dem Sterilisationsbesteck entnimmt. Sie ist ausgekocht. Eine ausgekochte Spritze. Mein Hals schnürt sich zu.

Schon einmal wurde ich von ihm mit der Nadel gestochen. Er fand damals mühelos den Nerv, der direkt in mein Hirn führte und ich weinte mich nächtelang vor Schmerz in den Schlaf.

Wie du mir, so ich dir

Und jetzt – wieder eine ausgekochte Spritze auf dem durchlöcherten Tablett. Mit einer riesigen Kanüle! Der Weisskittel köpft genüsslich eine Ampulle mit Betäubungsmittel und zieht die Flüssigkeit auf. Ein verklärter Blick gegen das Licht, exakt 0,2 ml zieht er auf, ein Klopfen mit dem Fingernagel an den zylindrischen Hohlraum lässt die Luftblasen verschwinden, und meine Mutter sinkt innerlich in die Knie vor Anbetung des medizinischen Könnens ihres Dr. Feelgood.

Aber mein Widerstand erwacht, mein Überlebenswille ist stärker als alle Zahnschmerzen der Welt. Die Zahnarztgehilfin hat den Raum verlassen, wohl um den intimen Moment nicht zu stören, wo mir die Augen überquellen vor Angst und der Zahnarzt zu Höchstform aufläuft, vielleicht war sie gar nie im Behandlungszimmer, um andere intime Momente nicht zu stören, jedenfalls fühle ich, wie ein nach Freiheit drängender Wille durch meine Adern pulsiert, ich verkrampfe die Waden und balle die Fäuste vor Wut auf die Begriffsstutzigkeit der Erwachsenen, die sich mitleidlos gegen mich verschworen haben, und schon fingert der Zahnarzt in meinem Mund herum, um einen passenden Nerv zu suchen, in den er stechen will.

Spritzen mag Herr K gar nicht. (Bild: kzu)

Aber da hat er nicht mit mir gerechnet! Auch wenn er schon tausend Mal gebissen wurde von seinen kindlichen Patienten, so waren das geradezu Liebkosungen gegenüber der Attacke, die ich ihm zudenke.

Intuitiv schnappe ich genau in dem Moment zu, wo ich möglichst viel Finger erwische, und so kräftig und schnell, dass ein Pitbull von mir hätte lernen können.

Vor Schreck lässt der Weisskittel die Spritze fallen, vor Schreck lässt meine Mutter mich frei aus ihrem klammernden Griff, um dem aufheulenden Zahnarzt zu Hilfe zu eilen, und ich verstecke mich blitzschnell unter dem Bürotisch, der im Raum steht.

Ich will dich jetzt nicht weiter mit dieser Geschichte langweilen und dir erzählen, was sich alles noch zugetragen hat. Nur so viel sei verraten, dass meine Mutter die rigoroseste Zahnarztgehilfin sein kann, die man sich vorstellen kann, und der Zahnarzt mit blutig gebissenem Finger durch den Druckverband in der präzisen Durchführung seiner Arbeit behindert ist und gleich in Dutzende Nerven hineinsticht.

Zu Hause bin ich so lange krank und verweigere jegliche Nahrungsaufnahme, bis auch ich in die Stadt zu einem Zahnarztehepaar gehen darf, die beide so sanft und einfühlsam sind, dass sich mein körperlicher Schmerz so gut wie halbiert, da ich ja noch genug Mitleid für das Zahnarztehepaar übrighaben muss.

Der Schmerz vergeht mit der Zeit – oder ist es umgekehrt?

Im Wartezimmer geschieht auch das mit dem Ticken der Uhr, womit diese Geschichte auch angefangen hat, und du hast es sicher gemerkt, im Eifer des Gefechtes hat meine Person sich mit der von Herrn K vermischt, aber das kann passieren, das ist dir sicher auch schon passiert, z.B. beim Krimilesen, wo du plötzlich Angst kriegst und mit dem möglichen Mordopfer in Todesangst durch dunkle Hausflure rennst und dir das Herz still steht, wenn das Licht flackert, dabei geht es dich eigentlich überhaupt nichts an.

Oder beim Fernsehschauen, wenn deine Gefühle in den Kasten reingezogen werden, und da komme ich gern mal drauf zurück, um dir zu erzählen, wie das so ist, wenn Herr K Fernseh schaut und was passiert ist, als er zum ersten Mal den Zimmermann von Aktenzeichen XY in seine Stube reinliess, denn von da an war sein Leben nicht mehr dasselbe, aber jetzt wollen wir uns noch dem Ticken der Uhr widmen, die unerbittlich in K’s Kopf dröhnt.

Nein, berechnend ist Herr K nicht, denn es ist nicht sein messerscharfer Verstand gewesen, der ihn in die Finger des weisskittligen Casanovas beissen liess, sondern seine Angst vor der Spritze.

Die Angst ist auch beim neuen Zahnarzt nicht weg, die sitzt tief in seinem Gedächtnis, aber die grossen Schmerzen bleiben aus.

O Augenblick – verweile!

Verkrampft sitzt Herr K im Wartezimmer in der Stadt. An der Wand eine runde Uhr mit römischen Ziffern. Er folgt mit seinen Gedanken dem Sekundenzeiger und fragt sich, ob die Uhr ein Bewusstsein der Zeit haben kann oder ob es ihm nur so vorkommt, dass der Zeiger langsamer vorrückt, wenn man ihn anschaut.

Und dann hört er das Ticken. Zuerst ganz leise, aber als er es registriert hat, will das Ticken gar nicht mehr aufhören und zerstückelt seine Gedanken.

Tick – er wartet – Tack – 15.40 Uhr – Tick – er hat sich beeilt – Tack

Inzwischen ist es 4 Uhr. Herr K wird von der Zeit zerhackt und von der Kirchturmuhr, die vom Vögeligärtli durchs offene Wartezimmerfenster dröhnt, erschlagen. Er hätte schon um 15.15 Uhr drankommen müssen. Er war auch extra eine Viertelstunde zu früh erschienen, da ihm sein Vater einschärfte, dass man Ärzte niemals warten lassen dürfe, da diese sonst hässig würden.

4.25 Uhr – jetzt fährt ein Direktbus ins Dorf. Den hat er jetzt auch verpasst.

Kirchturmuhr. (Bild: kzu)

Er verfolgt den Sekundenzeiger und bildet sich ein, dass seine Zahnschmerzen von Minute zu Minute schwinden und er im Grunde genommen überhaupt nicht hiersitzen müsste; ja, es kam ihm so vor, als ob er noch nie in seinem ganzen Leben so wenig Beschwerden gehabt hätte und ein Zahnarztbesuch völlig nutzlos und überflüssig sei.

Wieder hat er drei Minuten seines kostbaren Lebens zum Warten verschwendet und er versucht, seiner momentanen Situation etwas Sinnvolles zu geben, indem er alle Arten von Uhren memoriert, die er kennt.

Seine Armbanduhr, eine ausgemusterte Certina von seinem Grossvater, viel zu schwer und klobig für seinen Kinderarm, aber Opi hat sie von der Firma zu seiner Pensionierung geschenkt bekommen und nach seinem Tod im letzten Jahr vererbte er seine Uhr seinem Enkel.

Küchenuhren, Schulhausuhren, Bahnhofsuhren, Sonnenuhren im Regen, Pendeluhren, die jeden erschlagen, der sich gegen die Zeit stellen will – in seinem Kopf beginnt es zu ticken.

Bei der Vorstellung, wie sich das Wartezimmer mit Sand füllt vom Sand, der durch eine immense imaginäre Sanduhr rinnt, muss er schmunzeln.

Und dann vergeht ihm das Lachen, denn er erinnert sich an den Familienwecker und an die schlaflosen Nächte, die er in seiner Gegenwart verbringt.

Der Familienwecker ist ein quittengrosses klobiges Ding mit hellblauem Gehäuse und vier winzigen Beinchen, die bewirken, dass er nicht herumkullert und die Zeit aufrecht anzeigt. Als grosses Novum verfügt er über in der Nacht leuchtende Zeiger, die das Ganze aber auch nicht besser machen.

Ein Wecker ist dazu da, dich daran zu erinnern, dass du etwas zu erledigen hast, wenn du nicht ausgeschlafen bist.

Beim ersten Mal, als er das Ding auf den Nachttisch stellte, schlummerte er völlig ahnungslos ein. Er wollte um 6 Uhr morgens aufstehen und seine Mutter zu ihrem Geburtstag mit einem frisch zubereiteten Frühstück überraschen.

Man sagt, dass ein Wecker klingelt, es gibt sanfte Wecker, die summen oder piepsen, auch Radiowecker werden schon bald mit munteren Stimmen die Träume zerquatschen, aber Herrn K’s Familienwecker tat nichts von alledem. Der Wecker schrie.

Es hatte etwas Kreischendes, das in den Ohren schmerzte, doch kreischen war nicht treffend genug, um das unangenehme Geräusch zu beschreiben, das ihn brüllend aus den Federn riss. Der Wecker schrie ihn an wie ein Jähzorniger, der die Fassung verliert.

Herr K war beim ersten Mal so erschrocken, dass er den Wecker mit einer hastigen Bewegung vom Nachttischlein fegte und er scheppernd auf den Boden fiel, wo er weitertobte.

Natürlich bekam seine geplante Überraschung einen Dämpfer, das halbe Haus hatte er geweckt. Aber seine Mutter war sehr gerührt, als sie ihn so früh morgens in der Küche am Hantieren auffand. Sie füllte den Filter mit der richtigen Menge gemahlenen Kaffees, die er dann mit heissem Wasser übergiessen konnte.

Zum Glück lebt Herr K noch analog. Die digitale Zeitangabe, wo eckige Ziffern die Zeit angeben, würde ihn vollends verwirren.

So sitzt er angespannt im Wartezimmer und beobachtet, wie sich die Zeiger der Wanduhr ruckartig im Kreis drehen.

Er ist froh, noch nicht drangekommen zu sein.

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