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neunzehnhundertachtundsechzig
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Rosenhofbrunnen von 1967 mit einer Inschrift des Schriftstellers und Architekten Max Frisch.

Die Unruhen rund 20 Jahre nach dem Weltkrieg neunzehnhundertachtundsechzig

3 min Lesezeit 11.05.2019, 10:30 Uhr

Achtundsechzig als Wort. 68 als Zahl. Die achtundsechziger Unruhen. Fünfzig Jahre ist es her. Was war denn da los, gut 20 Jahre nach dem Krieg? Am 8. Mai 1945 läuteten von allen Türmen in der ganzen Stadt die Glocken. Der Weltkrieg war vorbei. Es war eine Befreiung auch für das weitgehend verschonte Land.

Ich hörte zum ersten Mal die Glocke am Kapuzinerturm. Ich sah von unserem Haus am Höhenweg die Glocke schwingen, sah, wie das Zugseil riss, sah, wie ein Kapuzinerpater aus dem Turm heraustrat, das Seilende griff und die Glocke wieder ins Schwingen brachte. Ich hatte Angst um den Pater. Seit diesem Tag läutet am 8. Mai abends um acht die Kapuzinerturmglocke. Zuhörer kommen aus der Stadt in den Klosterhof, hören zu und schweigen. Dann gibt’s zu trinken. Die Alten erinnern sich an das Gefühl der Erleichterung, damals, als dieser Krieg zu Ende war und die Kirchenglocken wieder läuten durften.

Und dann begann eine neue Zeit, die die Menschen von den kriegsbedingten Einschränkungen und von Ängsten befreite. Dann begann eine ungewöhnliche Prosperität die Kleinstadt zu erobern.

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1967 wurde in der Zürcher Altstadt der Rosenhofbrunnen errichtet mit eingemeisselten Texten von Max Frisch:

dieser stein der

stumm ist, wurde

errichtet zur zeit

des kalten krieges

in vietnam

hier ruht kein

kalter krieger

HIER RUHT 1967 – NIEMAND

kein grosser – zeitGENOSSE

ZÜRCHER – patriot

Denker und REFORMATOR

STAATSMANN – DER SCHWEIZ

oder – REBELL im XX. jahrhundert

weitsichtiger – BEGRÜNDER

PLANER – der zukunft

der freiheit die trotzdem kommt

1968. Ich erinnere mich an die Radionachrichten aus Paris, über die dort ausgebrochenen Unruhen. Ich erinnere mich an meine Reaktionen. Mich interessierte die Befreiungsbewegung, war neugierig auf das, was sie bringen würde. Ich war auch beunruhigt. Wir hatten zu dieser Zeit drei kleine Söhne. Was wird auf sie zukommen? Wir kamen damals in der Sekundarschule einer Zürcher Vorortgemeinde gut durch die Achtundsechziger. Ich schrieb ein Theaterstück «Eus stinkt’s» mit diesem Leitlied:

Eus stinkts. Mir wüssig chuum werum.

Und dass’ eus stinkt, nimmt mer eus chrumm.

Eus stinkt’s halt, das müend ihr begriiffe.

Ihr wüssids jo scho: Mir sind am Riiffe.

Das Stück wurde verlegt und machte Reprisen in vielen Schulen. Dass das mein 68er-Stück war, habe ich erst später realisiert.

Kaum mehr im Bewusstsein

Jetzt, nach 50 Jahren, ist der Nachfolgegeneration 1968 nicht oder kaum im Bewusstsein. Ich verweise auf zwei Publikationen.

«Die 1968er-JAHRE in der Schweiz. / AUFBRUCH in Politik und Kultur» von Damir Skenderovic und Christina Späti. 2012 hier+jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte, Baden

Hier der Anfang des Vorwortes: Im Herbst 1969 verteilten fünf Schüler des Lehrerseminars Hitzkirch im Kanton Luzern anlässlich einer Veranstaltung der Sanitätsrekrutenschule Flugblätter mit kritischen Fragen über Inhalt und Sinn des Armeebetriebs. In der Folge werden sie in der lokalen Presse als «Charakterlumpen» bezeichnet. Der Erziehungsrat des Kantons Luzern beschliesst, dass die Schüler von der Schule zu verweisen seien und zwei Jahre lang nicht als Lehrpersonen wählbar sein sollen …

Eben ist ein Kinofilm angelaufen: «Nach dem Sturm» von Beat Bieri und Jörg Huwyler. Der Film belegt, dass die 68er-Bewegung nicht nur die Grossstädte erfasste, sondern auch die scheinbar unverrückbar zementierten katholischen Verhältnisse der Zentralschweiz. Viele Begegnungen mit Zeitgenossen, auch prominenten Politikern – insbesondere von Luzern. Zug repräsentiert Jo Lang, den seine Idee von der Abschaffung der Armee die Kollegistelle kostete. Der Autor Thomas Hürlimann nimmt Stellung zu seinen Erfahrungen als Schüler des Klosters Einsiedeln. Ausschnitte von Hürlimanns Inszenierungen des Grossen Welttheaters verweisen auf seine Weltsicht.

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