Nationale Mythen – Opium für die Schweiz?
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Die Feier 1982 zum Gedenken an die Schlacht am Morgarten 1315. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Adrian Hürlimann Nationale Mythen – Opium für die Schweiz?

3 min Lesezeit 14.07.2015, 15:58 Uhr

Adrian Hürlimann – Muss man die Ängste von Leuten ernst nehmen, die behaupten, sich vor den Immigranten zu fürchten? Die sich zu Zeiten von Schwarzenbachs Überfremdungsinitiative vor den Italienern gefürchtet haben wollen? Das sei jedenfalls keine Aufgabe des Staates, behauptete kürzlich ein Kolumnist.

Muss man die Ängste von Leuten ernst nehmen, die behaupten, sich vor den Immigranten zu fürchten? Die sich zu Zeiten von Schwarzenbachs Überfremdungsinitiative vor den Italienern gefürchtet haben wollen? Das sei jedenfalls keine Aufgabe des Staates, behauptete kürzlich ein Kolumnist. Für sein psychisches Wohl sei ein jeder selber zuständig und verantwortlich. Dem Staate komme hingegen die Pflicht zu, Flüchtlinge aufzunehmen und ihnen notfalls Asyl zu gewähren. Dass dabei die Identität gewisser Inländerinnen und Schweizer Schaden nehmen könnte, daran hat niemand gedacht. Schwarzenbachs brauner Draht in die faschistische Vergangenheit des Dritten Reiches und der Wunsch vieler mythenanfälliger Bürger, sich diesem gloriosen Reich anzuschliessen, machten es möglich.

Nein, ich behaupte, die Schweiz hat solche Ängste, obskure Befindlichkeiten und mythische Bedürfnisse gottseidank seit ihrem Bestehen bekämpft. Für den reaktionären Sonderbund und seinen jesuitischen Motor war spätestens seit dem Bürgerkrieg von 1847 kein Platz mehr. Noch in den Verfassungskämpfen der Kantone in den Siebzigerjahren erhob sich diese Krake immer wieder und versuchte etwa, die konfessionslosen Mittelschulen zugunsten frommer Priesterseminare abzuschaffen. Die seelische Befindlichkeit des Volkes und das Einssein mit Gott hielten die jesuitischen Gutachter für wichtiger als den «materialistischen» Fortschritt der rauchenden Fabrikschlote, die bald Lenin und die Zimmerwalder begeistern sollten. Hier in der Schweiz der industriellen Revolution sollte es ja beginnen, das kommunistische Experiment. Kein Wunder, dass auch nach der Aufnahme der KK-Partei in den Bundesrat 1891 am Jesuitenverbot unerbittlich festgehalten wurde, durch alle Kulturkämpfe hindurch, und die letzten Verbote fielen erst vor einigen Jahrzehnten. 1891 – so viel Folklore durfte es sein, soviel nationale Mythen waren der Schweizer Seele zuträglich. Aber mehr nicht.

Am Anfang eines jeden nationalen Mythos ist eine blutige, barbarische Tat zu finden.

Mehr brauchen wir nicht. Peter von Matt hat darauf hingewiesen, dass am Anfang eines jeden nationalen Mythos eine blutige, barbarische Tat zu finden ist, die durch Sinnesbetäubung und Feuerwerk zugedeckt und neutralisiert werden muss. Das ist bei Morgarten nicht anders, wo dem Einmarsch Leopolds der Überfall und die Plünderung des Klosters Einsiedeln im Jahr zuvor vorangegangen war. Die Disziplinierungsabsicht in Eroberungsaggression umzudeuten, das hinkt schon deshalb, weil in Leopolds Heer auch Zuger und andere Eidgenossen mitmarschierten. Aber für einen mythischen Festakt à la Ueli Maurer taugt das Schlachtenrätsel allemal, geht es doch eben um die psychische Befindlichkeit der SVP-Anhängerschar, die wieder einmal Heimat erleben und alles Ausland vergessen und verdrängen möchte. Notfalls auch mit einer Verhüllung des Morgarten-Denkmals, das dem Theaterspiel im Wege steht. Weil es daran erinnert, dass Mythen künstlich bewässert und inszeniert werden und nicht von Gott mittels Gebet herbeizutrotzen sind. Der hilft der festtaumeligen Patriotenschweiz ebenso wenig wie im Bürgerkrieg, als die katholischen Heerscharen darauf hofften, dass der Herr den Himmel aufreisse und den ungläubigen Gegner vernichten würde.

Er hilft auch uns nicht, enn wir die Grenzen schliessen wollen, um ungestört jodeln zu können. Er steht nämlich draussen und wartet, bis wir zur Vernunft gekommen sind und den Anschluss an die Realität gefunden haben. Notfalls räumt er bei uns auf, schickt die Alliierten zur Invasion in Normandie und an die Oder-Neisse. Kein Verständnis also für instrumentalisierte Ängste und keine Angst vor einem Verbot der populistischen Angstmacher-Parteien!

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