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Mit Wasserkraft, Solarpaneelen und Wind
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Heute wie damals – Abenteuer sind eine Story wert. (Bild: zvg)

Andere Zeiten, andere Helden Mit Wasserkraft, Solarpaneelen und Wind

6 min Lesezeit 15.02.2020, 10:55 Uhr

Elayna Carausu und Riley Whitelum leben mit ihrem kleinen Sohn Lenny nun schon fünf Jahre auf einem Boot, das sie um die Welt schaukelt. In Fahrt gebracht durch Solarpaneele und Wasserkraftgeneratoren, angetrieben von der Energie, von der ihr kleines Familienglück anscheinend gespiesen wird.

Und natürlich vom Wind, der ihre Segel bläht. Damit wollen sie den Instagrammern und Youtuberinnen beweisen, dass das Dasein durchaus emissionsfrei sein kann.

Andere Zeiten andere Helden

Ist es Ihnen auch schon passiert, dass ein Ereignis neben ein anderes tritt, und man denkt, irgendwie passt es, obwohl es unmöglich passt? Mir begegnete Ähnliches diese Woche. Denn während die Tweets der australischen Familie über den Äther kamen, stiess ich auf Ulli Kulkes schön bebildertes und lebhaft geschriebenes Buch «Alexander von Humboldt.

Reise nach Südamerika. Erschienen bei Federking &Thaler». Schon das Format begeistert mich. Gross genug, um die Reise mit vielen Bildern anschaulich zu machen. Und sein Cover ist so attraktiv, dass ich das Werk zur Hand nahm, durchblätterte und nach Hause trug.

Allein mit Wasserkraft, Muskelkraft und dem Wind fuhr vor beinah zweihundertfünfzig Jahren jener junge Mann, der der berühmten Uni von Berlin den Namen lieh, hinaus und übers Meer. Der dreissigjährige Alexander von Humboldt setzte die Segel in La Coruña in Spanien und ging erst in Kuba wieder an Land.

Hier, in Trinidad begann, was er in jahrelanger Vorarbeit geplant und für das er eine Menge Instrumente wie das Barometer oder den Sextanten eingepackt hatte. Fünf Jahre war er in Südamerika unterwegs. Aber ohne Frau und Kind. Allein mit dem Arzt und Botaniker Aimé Bonpland und ein paar Indios zum Rudern und Kochen bereiste er das portugiesische Südamerika.

Von Kuba zunächst über die karibische See nach Venezuela, das er anschliessend im Einbaum auf dem Fluss Orinoko durchquerte, und weiter durch Kolumbien, nach Equador und Peru, über den Pazifischen Ozean nach Mexiko und von dort wieder nach Kuba.

El Dorado

So hiess das Land, von dem ganz Europa träumte, ihm sogar einen Binnensee andichtete, an dessen Ufern nicht Sand lagern sollte, sondern Gold. Das goldene Land, dessen König, der Sage nach, sogar im kostbaren Metall badete. Alexander Humboldt wollte es entdecken.

Anderseits beabsichtigte er, jenen vielversprechenden natürlichen Kanal zu finden, der, wie behauptet wurde, den Amazonas mit dem Orinoko, die beiden Urwaldflüsse, verbinden sollte. Akribische Studien hatten Humboldt schon vor der Reise am Goldenen Land, sowie am Kanal und Binnensee heftig zweifeln lassen.

Doch war er nicht Wissenschaftler und Forscher aus Leidenschaft? Er musste sich selber hinbewegen. Erst wenn dies gelang, konnte er Gewissheit haben.

Ganz anders Elayna Carausu und Riley Whitelum. Auf ihrem 14 Fuss langen Katamaran scheint es an nichts zu fehlen. Da findet sich ein komfortables Bad, eine Küche, ein breites Bett, ein Krabbelzimmer für Lenny. Wie sich vernehmen lässt, haben sie kein festes Ziel.

So brauchen sie nicht bei Eingeborenen Affenfleisch zu essen und sich die besten Stücke, angeblich die Daumenballen, munden zu lassen. Bei ihnen kann jederzeit ein saftiges Steak auf dem Herd brutzeln. Das Fischen ist ihnen freigestellt, Riley hat Übung darin. Seit er ein Junge war, hat er diese Sportart betrieben, genau wie das Segeln.

Rund um das Deck sorgt ein Maschendrahtzaun dafür, dass kein Krokodil sich das Steak in der Pfanne schnappt, kein Hai den Frieden der kleinen Familie stört. Sie sind auch alle drei äusserst fotogen, schon der kleine Lenny schickt sein herzerweichendes Lachen für alle Welt in die Kamera, während Alexander damals im Regenwald allein mit Stift und Papier ausgerüstet war und seine Briefe oft erst nach Monaten die Empfänger erreichten.

Elayna und Riley, immer modisch und sauber gekleidet, könnten glatt als Models durchgehen. Für sie scheint es denn auch kaum was zu entdecken zu geben, Welt, Weltraum und Meere, Fauna und Flora sind uns allen sattsam bekannt.

Schiff auf dem Land – Labor auf dem Wasser

Einen grossen Teil ihrer Fahrten legten die beiden Männer im Urwald, begleitet von Einheimischen, in ihrem Einbaum namens Pizzarro auf unbekannten Strömen im Regenwald zurück. Es gab ausser Fussmärschen keine Alternative. Um den vielbesungenen Binnensee zu finden, galt es sogar, den Einbaum über Land zu schleppen, denn das Rad war in jenen Gegenden noch nicht erfunden.

Aber klar übernahmen die Ureinwohner für sie das Buckeln, die beiden Forscher gingen zu Fuss mit Macheten nebenher durchs Unterholz und überwachten den Transport. Im hintern Teil ihrer Piroge hatte Humboldt sich ein kleines bedachtes Labor eingerichtet, wo seine täglich wachsenden Sammlungen sich befanden, seine Instrumente, ein Vogelkäfig mit einem seltenen Papagei, ein oder zwei Affenkäfige, Lupen, Pinzetten, Hilfsmittel zum Trocknen der fremden Pflanzen oder Präparieren der Käfer.

Und ein Tischchen, an dem er täglich seine Aufzeichnungen vornahm, seine Vermessungen und seine tausend Beobachtungen festhielt. Diese Schätze verlangten, den Stromschnellen zu Trotz, heil bis ans Ende der Reise zu kommen.

Zum Schlafen gruben sich in jenen Tagen die beiden Europäer wie die Indios in den Erdboden ein, um Schutz vor den anhänglichen Moskitoschwärmen zu finden, die wolkengleich über ihnen hingen. Aber auch der nächtliche Lärm des Urwalds setzte den Europäern zu

Mitfahrgelegenheit für Greta

Selbst Elayana und Riley führen eine Art von Aufzeichnungen. Sie bedienen damit ihre Follower, und sie führen auf gewisse Zeit ebenfalls ein Vorzeigeobjekt mit.

Keine Schlangen, Affen und Käfer, keine unbekannten, erstmals zu bestimmenden Pflanzen, nein die heldenmütige Greta, die jeder und jede kennt auf der Welt. Von der nordamerikanischen Ostküste hatte sie nach einer Mitfahrgelegenheit getwittert, um rechtzeitig am zweiten Dezember der nächsten UN-Klimakonferenz von Madrid beizuwohnen.

Das Paar kam ihrem Hilferuf nach und führte sie und ihren Vater Svante auf der Vagabonde heil übers Meer, brachte sie nach Lissabon, wo eine Menge jubelnder You-Tuber und Instagrammerinnen dank Gretas Tweet «We sail for Europe tomorrow morning!!» längst im Bild war und sie an der dortigen Hafenmole mit Gejubel empfing.

Die Erstbesteigung

Humboldt indessen bestieg in den Anden den 6310 Meter hohen Chimborazo. Seine Ausrüstung: Elegant wie immer, Lederschuhe, Stadtrock und der unvermeidliche breitrandige Strohhut. In seiner Begleitung neben Bonpland der Sohn des Gouverneurs und eine Gruppe indianischer Führer.

Er blieb für Jahre der Erstbesteiger jenes Giganten, obwohl ihnen allen irgendwann die Luft zu dünn wurde, und bei 2800 Toisen die Höhenkrankheit einsetzte. Nach der Definition des legalen Meters soll eine Toise 1,949040 m betragen. Da war sich Humboldt nicht zu schade und befahl die Rückkehr ins Lager.

Beim amerikanischen Präsidenten

Nach fünf Jahren der Entdeckungen, Entbehrungen und Erkenntnisse, während derer Humboldt nur einmal schwer erkrankte, er und Bonpland sich von einer Eingeborenen Würmer unter der Haut herausoperieren lassen und sich fremdartige Speisen einverleiben mussten, beendeten die beiden Forscher ihre Expeditionen.

Als letztes Abenteuer suchten sie Thomas Jefferson, den zweiten amerikanischen Präsidenten und Mitbegründer der USA, in dessen Landsitz von Monticello, Virginia, auf. Er empfing sie mit Begeisterung, denn Humboldt war durch seine spannenden Reiseberichte nach Europa und Übersee bereits so berühmt wie unsere Seglerfamilie auf der «Vagabonde» durch ihre Twitter.

Nach fünf Jahren betraten die beiden Forscher, heil und an Erfahrungen reich, am 1. August 1804 wieder europäisches Festland.

So weit sind die You-Tube-Helden auf ihrem Katamaran noch nicht. Vorerst segeln sie weiter, Elayna dreht ihre viertelstündigen Videos für ihre Followers, Riley hält das Boot in Schuss und Lenny erforscht seine kleine Welt auf den grossen Meeren. Zwischendurch decken sie sich mit Konserven ein, bestaunen den Vollmond und sehen dem weiteren Verlauf von Wind und Strömung entgegen.

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