Mit Herrn K im Keller
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Herr K im Wald mit Eduard. (Bild: pexels)

Bewegende Bewegtbilder Mit Herrn K im Keller

7 min Lesezeit 13.02.2021, 10:57 Uhr

Eine neue Geschichte vom jugendlichen Herrn K erzählt Literaturbloggerin Katja Zuniga Togni im heutigen Blogpost.

Schön, dass du Herrn K schon etwas näher kennst. Auch zu seiner Familie gibt es manches zu erzählen. Die Zwillingsschwestern sind früh ausgezogen. Thekla ist in festen Händen Jesu, Susanne in denen eines irdischen Mannes, dem Guschti, der sie vor 4 Jahren geheiratet hat, damit das Kind, das sie mit 19 zur Welt brachte, den richtigen Vater hat.

Seine Lieblingsschwester ist die kleine Maria, 11 Jahre jünger als er, und K ist nicht nur der ältere Bruder, nein, er ist auch ihr Beschützer und Erklärer des Lebens.

Seine Eltern Arno und Rosmarie K sind für ihn wie ein Buch von Reader’s Digest – eine Anhäufung moralgetränkter Geschichten ohne Anfang und ohne Ende, durchsetzt von Bibelsprüchen und Leitgedanken für ein glückliches Leben.

Über seine drei Schwestern könnte man ganz andere Bücher schreiben! Bei Susanne käme eine Sammlung von Bedienungsanleitungen heraus, bei Thekla ein Gedichtband in Grossdruck, und bei Maria ergäbe es einen Roman ohne Grenzen.

Nur bei Herrn K, da weiss man noch nicht so recht, woran man ist. Irgendwie mitten in einem Tagebuch oder einem abgeschlossenen Bericht, dessen Inhalt sich stets ändert, oder einem Thriller.  Ja, du liest richtig, ein Thriller.

Und da fällt mir gerade ein, dass ich dir noch eine Geschichte schuldig bin.

Wir schalten um!

Der 16-jährige Herr K badet in seinen Hormonen und sein Verstand bekommt Risse und Löcher, die von Neuronen mühsam überwachsen werden müssen.  Mittendrin in einem hormonellen Gewitter weiss er nicht mehr, was oben und unten ist, und in welcher Richtung es vorwärtsgeht. Wie eine meteorologische Störung ist diese Gefühlsfront über ihn weggezogen und lässt einen leicht zerzausten, aber frisch gewaschenen Jüngling zurück, für den die Welt eben erst erschaffen wurde.

Hormontraum – Davon träumt Herr K mit 16. (Bild: kaz)

Eine neue Erkenntnis, die er seinem vorgeschrittenen Alter von 18 Jahren und seinem mittlerweile doch schon beachtlichen Erfahrungsschatz zuweist, lässt ihn wissen, dass die Welt böse ist. In der freien Natur lauert Tod und Verderben, wenn man nicht aufpasst.

Das hat ihm der Zimmermann klargemacht. Nein, nicht der Zimmermann, der vor 2000 Jahren ein Kreuz für seinen Sohn zimmerte. Nein, der mit den Chromosomen.  XY.

An einem Mittwochabend ist Herr K alleine wach im Haus. Das Nesthöggli Mareili ist im Bett und schläft. Vater und Mutter sind wie immer mittwochs weg. Arno K im Männerchor, Rosmarie K in ihrem Porzellanmalkurs.

Herr K schleicht in den Keller. Damit er M nicht weckt, lässt er die Tür für das Büsi einen Spalt offen und knipst den Apparat an, worin die Dorothea Furrer, die Rosmarie Pfluger und die Heidi Abel Kafi trinken und warten, bis eine von ihnen mit Ansagen dran ist.

Heute wird es ernst, aus Mainz bittet Eduard Zimmermann seine Kollegen zur länderübergreifenden Zusammenarbeit. In jedem Zuschauer der Sendung steckt zudem ein potentieller Mitwisser, der als Laie zur Klärung des Falles beitragen kann. Der Ehrenkommissar, der schon in jeden Abgrund der menschlichen Seele geblickt hat, lässt telegen alle zugeschalteten Haushalte Witterung aufnehmen und führt Deutschland, Österreich und die Schweiz auf eine gemeinsame Spur.

Marili als künftige Fernsehsprecherin. (Bild: kaz)

Das hat sich der Herr K aber ganz anderes vorgestellt, als er sich dem «Ede» anvertraute und mit ihm einen Fernsehausflug in die Welt der Kriminalität absolvierte.

Schon ein einziger Augenblick genügt, einmal zu viel hinschauen, und schon ist er fürs Leben schockiert. Die schwarzweissen Bilder kriegt er nicht mehr aus dem Kopf heraus.

Herr K hat es sich bequem gemacht auf dem von der Katze zerfetzten Ledersofa, das mit Wasserflecken und sonst welchen Malen behaftet ist, nicht ohne vorher ein paarmal verzweifelt auf den Kasten gehauen und die Antenne gerichtet zu haben, bis die diagonalen Streifen verschwunden sind.

Schulfernsehen für angehende Delinquenten

«Ich gebe ins Studio Wien!», sagt Übervater Eduard, der so aussieht, als hätte er längst die Pensionsgrenze überschritten, was vielleicht auch stimmt. Es braucht schliesslich jemanden, der älter und erfahrener ist als die andern, und da kann ich ruhig bloss die männliche Form gebrauchen, denn eine Frau kann unmöglich einem Mann an Erfahrung überlegen und gleichzeitig seriös geblieben sein.

Was macht jetzt plötzlich der Vetterli im Bild? Sport? Nein, das Studio Zürich berichtet vom Walter, der wieder einmal getürmt ist, kein Wunder, bei diesem Namen. Dazu Fahndungsfotos, mit Bart, ohne Bart, nicht nur ein Ausbrecherkönig, sondern ein Verwandlungskünstler, dieser Stürm.

Der Eduard hat die Fäden in der Hand und schaltet in den Norden Deutschlands, und Herr K sieht den Film, den er besser nie gesehen hätte und der sein Leben für immer verändern wird.

Im Wald mit Eduard. (Bild: pexels)

Er spaziert mit dem Erzähler aus dem Off durch schwarzweisse Wälder voller Laub und für eine kurze Weile nimmt ihn auch Goethe an der Hand, denn nichts zu suchen war sein Sinn, doch plötzlich …

Halt!

Nein!

Nein!

Die Kamera steht still, das Herz steht still, der Schreck wird grösser wie auch das Bild, des herangezoomt wird. Kein weggeworfener Rucksack mit Einbrecherwerkzeug schaut aus dem Laub hervor, kein blutverschmiertes Messer. Das wäre schon schlimm genug gewesen.

Nein – eine menschliche Hand ist es, die verkrampft aus einem Laubhaufen nach Herrn K greift und ihn mitten in einen Mordfall zieht. Herr K kriegt keine Luft mehr. Das Bild bleibt in ihm stehen, auch wenn der Eduard die Zuschauer schon längst in einem weiteren Fall zur Mitarbeit gebeten hat.

Die Stille lärmt – der Lärm ist still

Schockiert starrt Herr K auf den Kasten und ein kalter Luftzug klettert an seiner Wirbelsäule hoch. Die Kellertreppe knarrt. Das muss er sein, der Mörder von dieser armen Frau aus Deutschland, der heute in der Zentralschweiz eine Kellertreppe hinunterschleicht, um einem potentiellen Zeugen den Garaus zu machen.

Er wird Herrn K erwürgen. Er wird dessen Leiche im nahegelegenen Wäldli verscharren und eine Hand wird aus einem Laubhaufen um Hilfe bitten und einen ahnungslosen Spaziergänger in einen Schock versetzen.

Es hat geknarrt – ganz eindeutig. Das Geräusch, geschickt überlagert vom Kommentator. Wenn es zu dieser Zeit schon eine Fernbedienung gegeben hätte, Herr K hätte mit kaum wahrnehmbarer Bewegung auf lautlos gestellt und seine Ohren hätten sich wie riesige Radarschirme bewegt, um aus der Stille selbst die leisesten Geräusche herausfiltern  zu können: den Herzschlag einer, vor der Katze verschleppten, Spitzmaus, die unter einer Hurde Zuflucht gefunden hat, das Zischen der Einmachgläsern, wo sich halbierte Pfirsiche und Birnen im Zuckerbad suhlen. Das Knacken des Panzers eines Käfers, der zu seiner nächtlichen Tour über den Naturboden des Luftschutzkellers ansetzt.

Eingemachte Erinnerungen

Selbst die rote Färbung des Chriesikompotts bekommt ihre eigene Melodie und Herr K erinnert sich daran, wie er beim Fröili Hess auf dem Hundsruggen jeweils Früchte für seine Mutter kaufte. Das könnte ich dir auch mal erzählen.

Herr K verirrt sich im Wald seiner Erinnerungen, alles pulsiert und lärmt um ihn herum, nur er selber befindet sich in einer Schockstarre. Diese Hand, die sich ihm aus dem Fernseher entgegengestreckt hat, lässt ihn nicht einmal die Fernbedienung bedienen, wenn es denn eine gegeben hätte!

An diesem Abend wird er erst aufstehen, nachdem der Spahn die Spätnachrichten verlesen hat und die Zuschauer ins Bett schickt. «Bis morgen um dieselbe Zeit», beschliesst der Paul seinen Vortrag, als ob es denn für alle ein Morgen geben würde.

Zum Glück ist das Büsi auf der Suche nach der Spitzmaus zu ihm gekommen, und er klammert sich an das schnurrende Tier und trägt es die Treppe rauf, weg aus der gefährlichen Mördergrube.

Sein Leben hat sich verändert

Liebte er es, durch die Wälder zu streifen und in Laubhaufen zu wühlen, so wird er bei seinen Streifzügen fortan von der schrecklichen Gewissheit begleitet, dass es jeden einmal treffen kann – als Leiche, als Entdecker, oder gar als Täter.

Das gehört wohl zum Erwachsenwerden dazu, dieses Gefühl des Ausgeliefertseins einem von Bosheit durchtränkten Schicksal. Wie konnte sich der alte Goethe nur seine Unbeschwertheit bewahren!

Ja, Herr K wäre gern ein Goethe. Dann würde er lebenslänglich durch die Wälder streifen.

Ohne Angst.

Ich ging im Wald so vor mich hin … (Bild: kaz)

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