Pablo Haller Letzte Tage

14.10.2014, 14:43 Uhr 4 min Lesezeit
Letzte Tage
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Ein Wagen in der Dunkelheit. Scheinwerfer tasten die brüchige Strasse ab. Ein Hinterhalt, unwirklich plötzlich. Schüsse durchsieben den Jeep von beiden Seiten. Kugeln schlagen in die Körper wie Kometen. Wie verdaut man Farben? Was bedeutet ein Leben? Was ist es wirklich wert? Mektoub. So stehts geschrieben. Ein Text von Pablo Haller.

Bach teilt Feld. Ein sauberer Schnitt. Der alte Wehrturm ist in sich zusammengebrochen, Moos kämpft sich den Kanten & Rundungen entlang. Gras wuchert wie Bürokratie aus allen Zwischenräumen. Weit, weit vorn am anderen Ende der Ebene, die Stadt. Wie züchtig sie sich in einem Schleier aus Dunst & Smog verhüllt! Letzte Nacht bombardierte die NATO eine Kaserne in der Nähe des Zentrums. Aus den Trümmern steigt eine mächtige Rauchsäule. Als wäre sie schon immer da gewesen, als würde sie den Himmel stützen – dieses für die Frühe viel zu stickige Blau. Dem Staat konnte man nie trauen. Allmählich hören wir auf, dem Blut zu trauen.

Wäre ich Maler, ich nähme ein quadratische Leinwand & füllte sie je hälftig mit blau & grün. In der Mitte ein klitzekleiner Tupfer grau. Durch das grün ein feiner Strich blau, der darauf zuläuft. Gehauchtes grau, das sich in blau löst. Brutalität fasziniert, weil sie so konkret ist. In der Fotografie gibt es drei Motive. Wie es in der Literatur vier oder fünf Stories gibt. Liebespaare, streunende Hunde, leere Landschaften. Was ich hier tue, hat mit Pornografie zu tun. Mit Poesie im Idealfall. 

Wie hält man das Wissen aus, dass ein Soldat sein Leben geben musste für ein Bild das man schoss. «Gib mir Feuerschutz um die Ecke, will die Leiche da vorn knipsen …» Die Kugel war schneller als der Blitz. Amir lebt. Hamdullah. Immerhin. Vor einigen Tagen verschwand er. Gestern kam die Nachricht. Die Besatzungsmacht hielt seinen Wagen an & fragte ihn, ob er bewaffnet sei. Er bejahte & fasste sich in die Brusttasche. Klaubte einen Kugelschreiber hervor. Dies überschritt die Grenze ihres Humors. Man verhaftete, folterte ihn & warf seinen – wie man glaubte – toten Körper auf ein Feld. Ein weites, leeres Feld. Verspielter Mohn an den Rändern der brüchigen Strasse, die es teilt. Eine alte Frau nahm sich seiner an, päppelt ihn auf.

Es ist eine unbestimmbare Melancholie, die einen hier anfällt. Unwirklich plötzlich – von hinten wie ein Biest, das etwas zu verzweifelt geliebt werden möchte. Eingekesselt von diesen Hügeln, die sich züchtig in Smog & Dunst verhüllen. Wir fahren «zwischen die Tunnel» im Westen des Landes. Hier verstecken sich die Leute zwischen zwei gesicherten Eisenbahntunnels im Laub, um der Barbarei zu entkommen. Ganze Dörfer finden hier Unterschlupf. Hangeln sich durch die Tage, in der Simulation von Normalität. Auf dem Heimweg halten wir auf einen unscheinbaren Hof zu – mit intaktem Wehrturm. Der Bauer, ein stämmiger Kerl mit Bärenpranken, bewirtet uns üppig. Bis die Nacht über den Kessel fällt & unser Dolmetscher zum Aufbruch mahnt. 

Ein Wagen in der Dunkelheit. Scheinwerfer tasten die brüchige Strasse ab. Ein Hinterhalt, unwirklich plötzlich. Schüsse durchsieben den Jeep von beiden Seiten. Kugeln schlagen in die Körper wie Kometen. Wie verdaut man Farben? Was bedeutet ein Leben? Was ist es wirklich wert? Mektoub. So stehts geschrieben. Ein Türsteher badet in der ansehnlichen Aufmerksamkeit, die ihm als Warlord zukommt. Künstler vermessen die Auslage. Woher die Kohle? Immer woher die Kohle.

Ein Restaurant. Hipster beim Workout. Authentisch, authentisch. Philosophieren über Pornografie. Den Kloss der Betroffenheit. Das ist das eine & das andere ist das andere. Ja, dazwischen ist auch noch was. Gerede flutet die unaufgeregte Ruhe des Nachmittags. Krieg ist Punk, Rebellion. Die Musik gehört der Unterhaltungsindustrie. Krieg ist geil. Der gehört den Lieferanten.

Kawoom! Kawoom! Das Interieur eines Hauses steigt als Rauchsäule in den Himmel. Als würde sie ihn stützen. Gibt es ein erstes Mal? Ein erstes Sterben? Ein letztes, finales? Rumi schreibt … Rumi Was A Homo, ein Song der Kominas, einer Taqwacore-Band. Islam-Punk. I want to be stoned on your love you give better handjobs than Asma Hasan. Schüsse zersieben Glas, schlagen durch Blech. Das Radio läuft. Immerhin, das Radio. Conventional opinion is the ruin of souls … Die Würde eines weiten Feldes, das sich züchtig in Schnee hüllt. Das letzte Bild im Stroboskop. Verwackelt, verweilt 

Reiss rot aus dem Magen. Schab blau von den Venen. Wie verdaut man rot & blau. Kälte wühlt in den Fleischwunden wie Maden. Regen setzt ein. Verwaschene Hügel im Morgendämmer. Weiter vorne die Stadt. Durch Schleier von Dunst & Smog schimmern Zeppeline der Amerikaner.

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