Christine Weber
Kurze Impressionen I

  • Lesezeit: 3 min
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Ein paar Meter weiter weg kauern bewegungslos die Kamele genau dort im Sand, wo man sie hingesetzt hat. (Bild: AURA)

Christine Weber – Eine verrostete Alu-Büchse dient als Aschenbecher, der Aufdruck Suzana ist knapp zu entziffern, da war mal Mais drin. In der abgeschnittenen Pet-Flasche brennt die Kerze so schnell herunter, dass sich kaum mehr als zweimal die Zigaretten daran anzünden lassen…

Schiffe in der Wüste

Eine verrostete Alu-Büchse dient als Aschenbecher, der Aufdruck Suzana ist knapp zu entziffern, da war mal Mais drin. In der abgeschnittenen Pet-Flasche brennt die Kerze so schnell herunter, dass sich kaum mehr als zweimal die Zigaretten daran anzünden lassen. Das Zeltdorf liegt geschützt in einer Mulde und ist vielmehr eine Ansammlung von kleinen Hütten, die mit schäbigen Teppichen behängt sind. Ein paar Meter weiter weg kauern bewegungslos die Kamele genau dort im Sand, wo man sie hingesetzt hat. Im grössten Zelt wird gekocht und gegessen, um die runden Sitztische liegen verfilzte Matratzen auf durchgehangenen Metallgerüsten. Die Dachstreben sind aus Bambus und Leitungsröhren, darüber eine Plastikplane und natürlich weitere Teppiche. Es ist still, nur der Gasbrenner zischt vor sich hin und weiter hinten hantiert Achmed mit Küchengeräten herum. Er ist 18 und schlaksig wie ein Kamel, schlurfte den ganzen Tag mit blauen Nike-Turnschuhen vor den Tieren her. Seine Stimme kippt noch wie bei Jungs während des Stimmbruchs, er spricht etwas Japanisch und das irritiert. Doch warum sollten Japaner hier in der Wüste fehler am Platz sein, als wir aus der Schweiz? Achmed schickt uns pünktlich hinauf auf die Dünen zum Sonnenuntergang. Couche de soleil, das kann er auf Französisch, Spanisch, Deutsch, Englisch und eben Japanisch. Aber heute kann die Sonne nicht schlafen gehen, weil sie den ganzen Tag nicht aufgestanden ist. Der Himmel ist bedeckt, es bleibt auch die ganze Nacht  sternenlos. Die Erleuchtung will sich nicht einstellen. Wir flüchten vor dem Gemeinschafts-Trommeln ins Zelt und spielen Schiffli versenken, mehr lässt das Licht nicht zu. Später fallen dicke Regentropfen aus dem Nachthimmel. Lautlos hören wir dem Platschen zu, dick und unbeweglich eingemummt auf den improvisierten Pritschen. So habe ich mir die Wüste nicht vorgestellt, und das ist das Beste daran.


Kaff

Jedes Fettnäpfchen hinterlässt einen Fussabdruck,
jeder Furz stinkt bis ans Lebensende.


Brotgeld

Ein abgerissener Zigarettenverkäufer bleibt vor mir stehen. In der einen Hand hält er ein zerschlissenes Karton mit wenigen Marlboros, die hier stückweise verkauft werden. Mit der anderen zeigt er auf den Teller Gemüse, den ich nicht ganz aufgegessen habe. Nachdem ich kapiert habe, was er will und nicke, nimmt er sich den Teller und das Brot aus dem daneben stehenden Körbchen. Er setzt sich zwei Schritte entfernt auf den Bordstein und isst. Ich reiche ihm mein halbleeres Teeglas und er bedankt sich. Mein Geldgürtel sticht unangenehm gegen meine Rippen.


Fensterwetter

Die kalte Asche glimmt
ich fächle erfolglos mit Worten

Im Bett ein Furz

warm und tröstend
trommelt der Regen


Alkawa Atalk

Ein filigraner Eingangsbogen aus Metall mit der aufgemalten Schrift «Café Akawa Atalk» steht ganz alleine am Strassenrand, davor zwei Töpfe mit Oleander. Auf der sonnigen Terrasse weiter hinten, stehen ein paar Korbstühle herum, ein Zelt mit eingelassenen Fenstern und aufgemalten Vorhängen schützt vor dem starken Wind. Freundlich und hübsch sieht das Café aus, ein guter Platz für einen Pausenkaffee. Kaum den Zelteingang hinter sich gelassen, liegt viel Laub auf dem Steinboden, es ist düster und Dutzende Männer sitzen hinter ihren kleinen Kaffeegläsern. Sie starren schweigend auf den Flachbildschirm, der in einer Ecke hängt. Aus der anderen Ecke dröhnt über Lautsprecher ohrenbetäubend der Kommentar zur Live-Übertragung des Fussballspiels. Die einzig anwesende Frau trägt ein weisses Kopftuch und steht mit knallrot geschminkten Botox-Lippen am Ausschank. Ich möchte mir die Ohren waschen.


Endlosroman

Wenn die Wünsche so kurz sind
wie der Bleistiftstummel
nach dem Endlosroman

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