Existenzielle Todesangst? Krieg ist nicht die Antwort

11.10.2021, 11:01 Uhr 5 min Lesezeit
Krieg ist nicht die Antwort
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Zwischen Himmel und Erde: Vision Zuger Sonnenuntergang. (Bild: Adrian Hürlimann)

Blogger Adrian Hürlimann übt sich als Amateurtheologe und kreuzt eigene einschlägige Erinnerungen mit solchen an die Bettagspredigt eines Zuger Schriftstellers.

K. spielt gegen sich selbst. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, denn ich spiele ja kaum und ungern. Carcassonne dauert mir zu lang und Jassen kann ich erst recht nicht. Gegen sich selbst spielen hat grosse Vorteile: Man gewinnt das Spiel zwar nicht immer, der Sieg bleibt letztlich aber doch unerschütterlich bei einem selbst. Jedenfalls ist es so, wenn wir nicht einer dadurch ausgelösten Schizophrenie anheimfallen wie Dr. B. in Stefan Zweigs «Schachnovelle».

So hätten wir es gern: den Fünfer und das Weggli. Dies gilt, wenig überraschend, auch in wesentlichen, in existenziellen Fragen. Als Sterbliche haben wir alle unser Verfallsdatum. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, versicherte uns Luther vor einem halben Jahrtausend. Diese unliebsame Feststellung ist allerdings schwer auszuhalten, und so suchen wir dieser betrüblichen Tatsache während unserer ganzen Lebzeit entgegenzuwirken, sie möglichst von uns fernzuhalten. In anderen Worten: Wir spielen eben gegen uns selbst.

Calvins tröstende Vorstellung von Auserwähltheit und guten Ewiglebensbedingungen im Jenseits kann uns mal gestohlen bleiben. Wir hätten’s gern subito, schon hier auf Erden. Die Medizin hat riesige Fortschritte gemacht, die Verlängerung des irdischen Daseins ist auf gutem Wege. Ein Rückfall in finstere, barocke Zeiten mit ihren Pestseuchen und Ernährungsfehlern scheint wissenschaftlich gebannt oder doch wenigstens traktandiert. Ein aufflackerndes Gespenst wie die aktuelle Epidemie wird sich früher oder später verscheuchen lassen. Aufklärendes Licht erhellt die düsteren Höhlen des omnipräsenten Reichs der Finsternis und bannt zuverlässig jeden Anflug von Aberglauben, vor allem solchen, der sich gegen Vernunft und Wissenschaft richtet und lärmt.

Plädoyer für das Kreuz

Der Hauptdarsteller dieser ungesunden Bösewichterei, der Teufel – er hat jedenfalls ausgespielt. Der tritt nur noch in schlechten Horrorfilmen auf. Oder doch nicht? Der Schriftsteller Thomas Hürlimann erinnert sich, seine Kanzelrede zum vergangenen Bettag haltend im Zürcher Grossmünster, an seine Jugend und an den Pfarrhelfer Stocklin. Für ihn war der Teufel noch da gewesen, er hatte zum Beispiel die Protestanten im Griff, die alle in die Hölle fahren würden. Rückfälle im Lauf der Zivilisationen und allerhand Metamorphosen im Gang der Jahrtausende ändern anscheinend nichts an den grundsätzlichen Tatsachen menschlicher Selbstwahrnehmung.

Der Teufel ist nicht einfach verschwunden, meint Hürlimann in dieser Rede weiter, er erscheint heute als der Tod. Seinen Namen adressieren wir ebenso ungern wie den Namen des Teufels, den man bei Pfarrhelfer Stocklin nicht in den Mund nehmen durfte. Der Sensemann ist omnipräsent, er war es immer schon, lange vor Corona. Hürlimann ortet diese Angst vor dem Tod zum Beispiel beim Abhängen des Kreuzes in der Öffentlichkeit, das als Political Correctness verbrämt werde.

Der Geruch des Todes

Dass man den Tod nicht nur in Gedanken zulassen, sondern ihn auch förmlich riechen kann, das machte mir eine Begegnung gegen Ende eines WK in der Schweizer Armee klar. Einige Soldaten, darunter ich selbst, lagen faul auf einer Wiese auf einem Schulgelände in Küsnacht herum, auf der überraschend ein irgendwie uniformiert wirkender Mann erschien und auf uns zusteuerte.

Er stellte sich als Feldgeistlicher vor und begann sofort ein Gespräch. Nach einigen höflichen Nichtigkeiten stellte er uns die Frage, ob wir an den ungeliebten Stoffen der Uniform, des Korpsmaterials, des Zeughauses und an anderem nicht einen unangenehm abgestandenen Geruch wahrgenommen hätten. Er zielte mit seinen Fragen nach dem Geruch auf das Wesen des Militärischen, wie sich bald herausstellen sollte.

War es nicht ein «töteliger» Duft, der da zwischen Mottenkugeln schwelte, waren es nicht leblose, von Grabstätten her vertraute Farben, war all dies todbringende Gerät nicht dunkel bis schwarz? Und schliesslich holte er zum grossen Finale aus, das den Pfarrer endgültig in Breitleinwand präsentierte. Ja, es gehe eben um genau das: um den Tod, so schlug er siegesgewiss zu. Den Tod gelte es in Kauf zu nehmen, das sei das Wesen des Militärs. Es gebe im Leben Werte, die höher einzuschätzen seien als das Leben, für deren Erhalt man eben sein Leben riskieren müsse. Deswegen rieche die Armee halt nach Tod. Ich war bass erstaunt. Ein Militär, der argumentierte und eine Meinung hatte – eine Haltung sogar! Erst viel später erfuhr ich, dass dies Gerhard Blocher gewesen war – ja genau, der Bruder selig, Pfarrer in Hallau!

Metaphysik der Armeegläubigkeit

Seine Zeichnung des Militärs als ehrenwerte Todesmaschinerie schien mir sehr überzeugend. Sein geschickt dosiertes Pathos war durchaus sexy. Allein, dies alles erinnerte mich an allerlei verherrlichende Texte aus pathetischer Nationalkonfektion, Kriegsdenkmäler inklusive. Und andererseits: an Freuds Todestrieb und Erich Fromms Analyse des Todeskults im Faschismus (anhand von Franco-Spanien).

Mit der existenziellen Todesangst so umzuspringen, dass man möglichst viele Feinde, also verteufelte Gegenspieler der eigenen Doktrin, umbringt und sich selber zum Dessert noch dazu, das scheint mir krankhaft und einer Denkweise zugehörig, die den Globus seit Menschengedenken und dem Kalten Krieg in endlose Geiselhaft genommen hat.

Im Vergleich dazu scheint mir das von Thomas Hürlimann beschworene Kreuz als Symbol einer verbindenden Spannung zwischen dem Irdischen und dem Jenseitigen, dem menschlichen Dasein und dem Tod, bedeutend bekömmlicher, weil friedfertiger.

Die aufgerichtete Installation als senkrechte Verbindung zwischen Erde und Himmel, gezimmert aus organisch erwachsenem Material, verabschiedet die gefühlte Sterblichkeit samt ewigem Kampf dagegen Richtung Jenseits und die Todesangst mit dazu. Das erfuhr auch der Berufsmilitär und spätere Gebetsprofi Bruder Klaus, den die Erscheinung des Feuers im Elsass buchstäblich entwaffnete (ein Feuer, das heute als Sonnenuntergang interpretiert wird).

Glaubensfragen dieser Art überkommen mich jeweils bei meinem Sonnenuntergang, wenn sich das Firmament farbgewaltig in die Dunkelheit verabschiedet. Der Kirchturm von St. Oswald vertritt dabei die Rolle des Kreuzes, weit davon entfernt ist er ja nicht. Ein gewohnter und immer gefreuter Tod des Lichts, der den Vorhang vor uns Unwissenden senkt und alle Fragen offen lässt.

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