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Knacknuss Genuss, genüsslich geknackt
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(Bild: pixabay )

Wenn mich die Aufforderung zum Genuss erreicht, weckt das Unlust Knacknuss Genuss, genüsslich geknackt

5 min Lesezeit 07.09.2018, 10:00 Uhr

Das mit dem Genuss ist keine einfache Angelegenheit, findet unser Literaturblogger. In seinem neusten Beitrag sinniert Adrian Hürlimann darüber, was unter Genuss genau zu verstehen sei und warum er es nicht mag, wenn ihn jemand zum Geniessen auffordert.

Genuss stammt von der Nuss ab, genau so wie Genosse sich vom Niesen herleiten lässt. Was soll dieses Geniese? Wer hat da genossen? Und nicht etwa: wer hat da Genossen? Aber: Genossenschaft der Niesenden (meint Nieser wie Nieserinnen), das wohl. Die Nuss also. Harte Nuss, nussig im Geschmack, nussbraun, Schokolade mit Haselnüssen, taube Nuss. Gone nuts, in a nutshell. Nüssler machen die Stadt unsicher. Nussbaum, Baumnuss. Nusser geht’s nicht. Was also soll all dies Genusse? Da liegt die Knacknuss begraben, nämlich in der Nussknacker-Suite. Nuss, Nuss, que lac-je? Nahtlos nussbraun? Genuss genoss! Das war Tells Genoss!

Also: Schiebung, Geschiebe. Schreiben, Geschreibsel. Schubsen, Geschubse. Geliebte, Gerinnsel, Geflenne. Gebäck, Gepäck, Gerümpel. Gewitter, Gezitter, Geflüster. Alles klar soweit.

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Weil aber der Genuss von der Nuss abstammt, ist er nichts für Nussallergiker. Nix nux. Jedenfalls nicht irgendwo draussen. Aber natürlich jederzeit für Allergiker innen. Das dürfte nun klar geworden sein. Jedenfalls für Genieser, pardon: für Geniesser. Ohne Nuss keine Genesung.

Eins zu null für die Nuss, genauer: mit einem Schuss ist Schluss. Tells Genuss eben. Es geht um die Genossenschaft der Genüssler, und, das muss einmal gesagt sein, ganz grundsätzlich um die Gebiederkeit allen Gefieders, jetzt und immerdar.

Aus all diesem Getümmel, Gebimmel und Geplänkel ragt er majestätisch heraus: der Genuss, weiss Gott. Was zu beweisen war.

Aber mir sagt er nichts, der Genuss. Klar, das verstehe ich schon: Der Genuss von Süssigkeiten ist der Gesundheit abhold. Der Genuss des Weins hingegen bekommt uns. Diese Feststellung hat gar nichts mit Weinerlichkeit zu tun. Was durch den Mund kommt, kann genossen werden, solange es die Lebensmittelverordnung erlaubt.

Was genau, das hat uns die Zivilisation seit Menschengedenken gelehrt. Weniger präzise hat sie uns gelehrt, was es mit dem Genuss ausserhalb der Nahrungsaufnahme auf sich hat. «Frohen Herzens geniessen», besagt eine Redensart. Was ist es, das da genossen werden kann und soll, und wer ist es, der da aktiv werden muss, und worin besteht sie genau, die Lebensqualität, die damit angesprochen wird?

Und wann und wo soll sie unternommen, bzw. spürbar werden, diese Gestimmtheit? Wie kann man sich vor ihr retten, vor all dieser Gutgestimmtheit, dieser Frohgestimmtheit? Vor dem Zwang zum Empfinden momentan prosperierender Sinnhaftigkeit?

Ein Gourmand ist etwas anderes als ein gourmet, das haben wir in der Schule gelernt. Schon da kam der Verdacht auf, das Geniessen könnte etwas sein, das hoch über allem Materiellen angesiedelt sei. Dass das Objekt des Genusses weit über dem lustvollen Verzehr einer guten Wurst oder eines delikaten Weins anzusiedeln sei, wenn es anständig zu- und hergehen soll.

Keine kurzfristige Lustbefriedigung also. Dass es mit dem Geniessen eine mehr verinnerlichte, intrapsychische Bewandtnis haben müsse. Dass es sich mindestens um eine abstrakte Grösse wie etwa die Ferien oder die Kindheit handeln würde. Dass dieser Gemütszustand auch über allen körperlichen Empfindungen wie etwa der einer warme Dusche oder einer guten Matratze schweben sollte.

Als Primarschüler witterte ich den Zaunpfahl des bildungsbürgerlichen Kanons hinter all diesen Verheissungen, die das Leben der Erwachsenen bereitzuhalten schien, und die mir als ein kaum erstrebenswerter Ersatz für kindliche Freuden vorkamen.

Der Vater meines Schulfreundes pflegte sich zum Beispiel auf dem Sofa liegend, mit verklärtem Blick zur Decke hin, dem Hören kunstvoller Arien ab Grammophon hinzugeben, wobei man das Wohnzimmer stumm und geräuschlos zu betreten hatte. Etwas Ähnliches wurde wohl von mir erwartet, wenn die Eltern mich in ein klassisches Konzert mitnahmen und niemand ein Wort zu sagen wagte, bis das Signal zum Applaus der Spannung ein Ende setzte.

War es das also, was man unter Genuss zu verstehen hatte? Ein diszipliniertes Ausharren vor unverständlicher Komplexität und anschliessend behauptetes Verstanden-Haben und Freudiggestimmtheit-Mimen? Ein Applaudieren für gesellschaftlich als wertvoll eingestufte Artefakte?

Worte der Begeisterung nach dem Besuch einer Ausstellung, die man gesehen haben musste und mit welcher man sich gegenseitig bestätigte, den Durchblick zu haben? Ein Symptom einer Erfahrung also, die niemand beweisen konnte, die man nur vorgab zu kennen und über die man sprach und spintisierte wie über den Heiligen Geist?

Wenn etwas genussreich oder genussvoll war, dann musste man es doch benennen, die Ursache und Wirkung umschreiben, den psychischen Effekt nachvollziehbar machen können! In späteren, bewegteren Zeiten lernte ich, dass passiver Konsum von Kunst und Kultur bürgerliche Dekadenz sei, alles andere als progressiv. Fortschrittliche Kunst wirke klärend auf das Bewusstsein und hinterlasse keinen gefühlsduseligen Brei im Kopf. Genuss war also nicht ohne kognitive Anstrengung zu haben. Genuss war out.

Mit dieser Auffassung und Erfahrung des Begriffs Genuss bin ich sozialisiert worden, und da sie nachhaltig wirkt, denke ich noch heute so darüber. Einerseits bezieht er sich auf sehr abstrakte, weiträumig definierte Verhältnisse und Bedingungen, etwa auf den Sommer oder auf einen Abend.

Weniger genüsslich kann ich aber mit einem konkreten Beispiel wie etwa einem als genussversprechend angesagten Streichquartett-Programm umgehen. Und geradezu allergisch reagiere ich, wenn ich dazu aufgefordert werde, diese Darbietung gefälligst geniessen zu sollen und für das Angebot Dankbarkeit zu bekunden.

Dieses Streichquartett mag allerhand Gefühle in mir auslösen oder auch nicht. Ich unterhalte mich gern über die Interpretation, sowie meine subjektive Wahrnehmung und Einschätzung derselben. Aber genüsslich vor mich hinschnurren mag ich nicht, das überlasse ich den Katzen.

Anderseits verstehe ich unterm Stichwort Genuss angenehme körperliche und materielle Erfahrungen. Ich halte mich dabei an subjektive Erlebnisse, niemals an kollektive. Meinen Hochsommer lasse ich mir nicht durch das Gejammer über die Hitze verderben, das viele Zeitgenossen nahtlos an die vorausegangene Kühle anzustimmen pflegen. Dem ziehe ich das nahtlose Bräunen vor. Schliesslich reimt sich Genuss bestens auf Birchermus, aber auch auf Orgasmus. Er ist in jedem Fall kein Muss, sonst bleibt er aus.

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