Ist alles anders, als wir denken?
  • Blog
  • Literatur-Blog
Lagen Sokrates und alle Philosophen vor und nach ihm etwa falsch? (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Niko Stoifberg staunt über Markus Gabriel Ist alles anders, als wir denken?

3 min Lesezeit 2 Kommentare 27.03.2021, 10:56 Uhr

Unser Literaturblogger kommt beim Joggen ins Schwitzen, als er einem Philosophen zuhört. Der behauptet, die gesamte Menschheit läge seit 2’500 Jahren falsch. Mit einer Ausnahme. Diese ist aber nicht der Fussballer Oliver Kahn, obwohl dieser deutlich mehr zu bieten hätte.

Beim Joggen (zu dem ich gezwungen bin, weil Fussball derzeit verboten ist; ich habe nie begriffen, wie jemand freiwillig joggt, ist ja dasselbe wie Fussball, nur halt ohne Ball und ohne Freunde) – beim Joggen jedenfalls höre ich in letzter Zeit sehr gerne Philosophen. Bei Youtube hatte ich mir mal ein tiefgründiges Gespräch mit Oliver Kahn angehört, einem ehemaligen Fussballgoalie. Seither schlägt mir der Algorithmus fast nur noch Philosophen vor. (Philosophinnen würden mich auch interessieren, aber Youtube scheint keine zu kennen.)

Ein philosophisches Wunderkind

Der neuste Vorschlag war der deutsche Philosoph Markus Gabriel. Er war zu Gast in «Sternstunde Philosophie», einer Sendung, die ich in vielen Joggingrunden lieben gelernt habe. Er wurde als «Wunderkind der Philosophie» vorgestellt. Tatsächlich setzte Markus Gabriel sofort zu einem Hattrick an, der selbst Sokrates (den Philosophen, nicht den brasilianischen Fussballspieler) hätte alt aussehen lassen.

Erstens, sagte Herr Gabriel, der Glaube, dass es eine naturwissenschaftlich erklärbare Wirklichkeit gebe: falsch. Zweitens, der Glaube, dass das Denken ein Phänomen des Gehirns sei: falsch. Und drittens, der Glaube, dass jede Moral kulturbedingt und deshalb relativ sei: Auch das komplett falsch – wie überhaupt alles, was die ganze Philosophenzunft in 2’500 Jahren hervorgebracht hat, von Sokrates bis Oliver Kahn, vom Abend- bis ins Morgenland. Alles falsch, falsch, falsch und nochmals falsch.

Hmm, dachte ich. Das ist jetzt enttäuschend.

Doch natürlich liess es Markus Gabriel, wie es sich für ein Wunderkind gehört, nicht bei der Kollegenkritik bewenden. Vielmehr tat er zu meiner Verblüffung kund – und zweifellos zum grossen Glück der Menschheit – dass er, Markus Gabriel aus Bonn, rausgefunden habe, wie es wirklich sei. Mit der Welt, mit dem Hirn und mit der Moral.

Gleich kommt der Weltuntergang

Was für ein Teufelskerl, dachte ich! Dieser titanengleiche Totalphilosoph war mit ähnlichem Sendungsbewusstsein ausgestattet wie sein Namensvetter, der Erzengel. Aber ich mag Menschen, die nach den Sternen greifen, und mein Puls ging in die Höhe, obwohl ich stehen blieb, um ihn besser zu hören. Gleich, dachte ich keuchend, würde das Fundament all unseres Denkens unter der Wut seiner Weisheit zu wanken beginnen, das Pantheon aller altehrwürdigen Denker unter seiner Axt zerbersten.

Was dann geschah, war tatsächlich verblüffend; zumindest auf Youtube hatte ich so was noch nicht erlebt. Gabriel brachte es fertig, in einem einstündigen Gespräch nicht einen einzigen bemerkenswerten Satz zu sagen. Zum Thema Wirklichkeit sagte er: «Der Schein ist genauso wirklich wie Scheinfreies.» Zur Sonderstellung des Gehirns: «Das Gehirn ist Teil hochkomplexer Umgebung, und dazu gehören auch geistige Zustände.» Und zur Relativität der Moral: «Es gibt moralische Tatsachen, sie betreffen das, was wir als Menschen einander schulden.»  

Gibt es den Osterhasen?

Nun ist es durchaus möglich, dass Markus Gabriel mit alldem völlig recht hat. Vielleicht gibt es den Nikolaus tatsächlich, wie er sagt, nämlich als «Fiktion». Ähnliches gilt, nehm ich an, für den Osterhasen. Das Problem ist nur, dass dieser Osterhase, der laut Gabriel in einem «Sinnfeld» wohnt, in dieses Sinnfeld keine Schoggieier legt. Er wird die Kinder nicht interessieren, nicht mal künftige Philosophiewunderkinder.

Philosophie heisst «Liebe zur Weisheit». Unter einem weisen Menschen stell ich mir aber nicht einen vor, der die Wahrheit gefunden hat – dazu genügt im Zweifelsfall ein Blick aus dem Fenster – sondern einen, der Mittel und Wege findet, mit dieser Wahrheit umzugehen. Einen, der uns weiterhelfen kann, wenn uns das Leben schwierige Bälle zuspielt. In dieser Hinsicht, ich sag’s nicht gern, hatte Oliver Kahn deutlich mehr zu bieten.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

2 Kommentare
  1. Marc, 30.03.2021, 06:37 Uhr

    Die derzeitige Gesellschaft scheint einen Zwang nach Aufmerksamkeit zu haben. Ein zwanghaftes versuchen nicht in der Bedeutungslosigkeit der Menschheitsgeschichte zu verschwinden, in der Hoffnung dass sich auch in 2500 Jahren noch ein Blogger an uns heute erinnert.

    Precht wurde genauso gehypt und ist im Grunde auch nicht viel mehr als ein Verwerter, genauso wie Gabriel.

    Dabei hat Bertrand Russell die Probleme der Philosophie doch eindeutig erkannt und beschrieben…

  2. Markus Gabriel, 28.03.2021, 12:38 Uhr

    Sie haben völlig recht.

Abonniere den Newsletter

Und erhalte unsere Post ganz nach Deinen Bedürfnissen und Wünschen: Täglich oder wöchentlich.