Adrian Hürlimann über schriftliche Kommunikation Im Westen nichts Neues

25.12.2016, 08:34 Uhr 4 min Lesezeit
Im Westen nichts Neues
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Die Postkarte als beliebtes Kommunikationsmittel.   (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Das Rendez-vous ist aus der Mode gekommen. Briefwechsel auch. Alle und alles tauscht sich neuerdings per Postkarte aus. Diese Reduktion der Verständigung auf die denkbar kürzeste Form schriftlicher Kommunikation bedeutet eine ernsthafte Bedrohung der abendländischen Kultur, findet Blogger Adrian Hürlimann.

Innert weniger Jahre waren sie aufgekommen. Ihre Bild- und Wortinhalte verdrängten alles, das bisher da gewesen war. Hatte man sich bisher mit umfangreichen Briefen verständigt, so fand man es jetzt plötzlich chic, einige wenige Zeilen im Format A6 abzusenden, mit einem füllenden Bild auf der Rückseite. Der Verkehr erfolgte universell und weltumspannend, alle konnten mit allen in Verbindung treten. Aber auch alle konnten unverhofft belästigt werden, mit banalen Inhalten oder mit Reklame.

Ein Unternehmer namens Sachariner hatte bald einmal herausgefunden, wie sich mit massenhaft versandten Postkarten – so nannte man die neue Erfindung, auch Corespondenzkarte – mit billig gedruckten Massensendungen sehr viel Geld verdienen liess. Dazu bedruckte er die Karten gleich selber einmal mit einem Pfennig Porto. Weitere Marken, je nach Entfernung der Adressaten, konnte der Absender leicht nachkleben. Natürlich wirkte sich der neu gepflegte Kurzstil nicht besonders gut auf die Sensibilität gegenüber der Sprache aus. Die stilistische Bandbreite nahm jäh ab. Aber das tat der Popularität des neuen Mediums keineswegs Abbruch.

Im Gegenteil: Alle waren erleichtert, sich nicht mehr auf dem hohen Niveau der Briefromane grosser Schriftsteller bewegen zu müssen. Es liess sich so doch viel direkter, ehrlicher und unverblümter sagen, was man dachte, was in einem rumorte und sich verbal Luft verschaffen musste. Man brauchte dazu keine Schreibstube mehr, kein Stehpult. Die handlichen Dinger waren überall erhältlich und liessen sich auch unterwegs ausfüllen und anschliessend gleich in einen der omnipräsenten Briefkasten werden. Die Wirtschaft, namentlich der Tourismus, profitierte nachhaltig von der verklärenden Darstellung der erholsamen Orte. In den schönsten Farben prangten da die Berge, Seen und röhrenden Hirsche im Sonnenuntergang, und all das, all diese Glücksbotschaften, wurde zielstrebigst – weil gratis – in die gesamte Welt hinausposaunt.

«Alles ist offen einsehbar. Kein Wunder, dass es immer wieder zu Skandalen kommt.»

Auch politische Botschaften verbreiteten sich rasch. Ein deutscher Politiker namens Wilhelm II. lancierte beispielsweise sein Konterfei mit dem Spruch: «Gott ist mein Zeuge: Ich habe diesen Krieg nicht gewollt!», nachdem seine Amtszeit offenbar nicht gerade von Erfolgen gekrönt zu Ende ging. Während des Krieges mussten zahlreiche Soldaten bei Laune gehalten werden. Dies geschah mit witzigen Motiven wie Karikaturen um das Thema «Der Lenz ist da, der Spargel wächst». Propaganda aller Art suchte mit Unterhaltungswerten den Durchhaltewillen zu stärken. Plakate mit Pin-up-girls wurden aufs handliche Format verkleinert. Für die Damen gab es Dr. Brinkmann und Body-building-Körper. Überhaupt wurde alles verschickt, was irgendwie Aufmerksamkeit erregen konnte: Lustiges, Bizarres, Idyllisches, Grauenhaftes, Persönliches. Auch das private Fotoalbum musste hinhalten.

Da stehen wir nun. Alles ist offen einsehbar, nichts wird dem diskreten Briefumschlag anvertraut. Kein Wunder, dass es immer wieder zu Skandalen kommt. Ganze Bevölkerungsgruppen formieren sich, die bestimmte Symbole, Losungen und Programme an die Öffentlichkeit schicken, nur um auf den vehementesten Widerspruch anders denkender Parteien zu stossen. Aber auch schlichte Provokationen werden auf uns losgelassen, welche in den Boulevardmedien besser untergebracht wären. So kamen Publikationsunternehmer wie der erwähnte Herr Sachariner jüngst auf die Idee, Zensurteams zu beauftragen, sämtliche Postkarten durchzusehen und alles auszuscheiden, was text- und bildmässig als anstössig, geschmacklos oder unsittlich angesehen werden könnte. 600 Leute sind allein für sein Unternehmen tätig. Sie scheiden nackte Penisse und Brustwarzen aus, überhaupt alles Nackte. Einen sauber abgetrennten Kopf hingegen lassen sie weiterziehen, weil das Bekenntnis zur Todesstrafe ein demokratisches Recht darstelle. Nicht alle Teilnehmer finden das richtig.

«Die Möglichkeit des Versendens führe dazu, bedenkenlos jeden Mist in die Welt hinauszulärmen.»

Einige bezweifeln sogar, dass dieser Postkartenwahnsinn ein Segen für die Menschheit sei. Die Möglichkeit des Versendens führe dazu, bedenkenlos jeden Mist in die Welt hinauszulärmen, finden sie. Der versammelte Bodensatz der Hinterwäldler und Dumpfbacken stärke nur das generelle Ressentiment in der Welt, es sei für ein Klima des Hasses verantwortlich zu machen. Tatsächlich ist jüngst eine Exekutivkandidatin nicht gewählt worden, weil sie ihre Postkarten mit unschönen Flüchen über das angeblich geistig minder bemittelte Denkvermögen der Wählerschaft ihres Konkurrenten versehen hatte. Diese Spielverderber möchten zurück zur alten Briefpost, die ohne banale Föteli auskomme und sich an bestimmte Empfänger richte, mittels der man also nicht in den Wald hinein rufe, sondern Beziehungen errichte oder ausbaue. Die globale Vernetzung sei ein leeres Versprechen, das niemandem vonnutzen sei.

Sauer stösst ihnen auch die zunehmend um sich greifende Praxis auf, dass Verkaufsplaner die Bedürfnisse der Absender immer planmässiger erfassen können. Der durchsichtige, von jedem Geheimdienst auswertbare Schriftverkehr führe zur Zerstörung jeglicher Privatsphäre, finden sie. Die eigentlichen Profiteure seien nur Firmen wie Sacharin, Gockel oder Untergrund, die überall an den Rändern ihre heimliche Reklame platzierten. Allein, damit stehen sie da wie der sprichwörtliche Rufer in der Wüste. Wie nachhaltig ist das alles? Es gab die Telegrafie, das Telefon, den Fernschreiber. Es gab Rauchzeichen, Morsezeichen, Leuchttürme. All diese Techniken erlebten ihre Höhepunkte und traten ins hintere Glied zurück. Nur das Ressentiment, das Klima des Hasses, das stirbt eben nie.

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