Herr K beim Psychiater
Im Paradies

  • Lesezeit: 15 min
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Herr K und Herr F gemeinsam unterwegs. (Bild: pixabay)

Regelmässig schreibt Literaturbloggerin Katja Zuniga Togni in ihren Blogposts von Herrn K. Diesesmal ist er unterwegs mit seinem Psychotherapeuten.

Was ist eine Sucht?
Wenn man nicht mehr aufhören kann.
Bei Herrn K ist das Denken eine Sucht,
bei Herrn F eine gut bezahlte Tätigkeit.

Darf ich mich vorstellen?

Mein Name ist F. Furrer. Dr. F. Furrer. Ich wohne gleich gegenüber von K. Ich habe K im Sommer vor 17 Jahren kennengelernt.

Die Baugespanne auf dem Nachbarsgrundstück seines Elternhauses waren Kran und Bagger gewichen und ich stand an der Baustelle, um mich mit dem Ort vertraut zu machen, wo ich zu leben gedachte. Das erste Energie-Plus-Mehrfamilienhaus vom Kanton war hier am Entstehen und ich interessierte mich für die Wohnung im sechsten Stock, gleich unter dem obersten Geschoss, wo ein verdämmernder Banker mit seinem schwachen Augenlicht das Panorama abtastete.

Herr K beobachtete das Treiben der Bauarbeiter.

«Das ist ein imposanter Kran! Wie viel hat der wohl als Gegengewicht geladen?», wandte ich mich an ihn.

«Sie meinen die Betonplatten auf dem Fahrgestell? 30,4 Tonnen!», kam die Antwort schnell wie der Blitz.

Er bemerkte mein Erstaunen und fügte hinzu:

«16 Betonplatten à 1,9 Tonnen ergibt 30,4 Tonnen! Sie entschuldigen, ich muss gehen. Meine Mutter erwartet mich um 15.45 Uhr.»

Wer puzzelt, gewinnt Zeit

Im Nachhinein weiss ich, dass er beim Puzzeln half. Die Randstücke waren tabu. «Du verdirbst mir die ganze Lust am Wühlen!», rief seine Mutter einmal ärgerlich aus, als er mit exakten Griffen Randteile aus dem Haufen pickte und mühelos zusammensetze.

Diesmal warteten 2500 Teilchen auf Anschluss und das Bild, das entstand, war eines der beliebtesten Schweizer Motive, beinahe so bekannt wie das Matterhorn oder die Kapellbrücke, jedoch in seinem Wesen gänzlich unschweizerisch.

Bei Neuhausen stellten sich Felsbrocken dem Rhein in den Weg und die beengende Geologie zwang den grössten Fluss Europas, sich einen Weg freizubrüllen und dreiundzwanzig Meter in die Tiefe zu stürzen. Es zischte, es spritzte, das Wasser bäumte sich auf und die Ausflugsschiffli, die auf den Rheinfelsen zuhielten, schienen in grösster Gefahr ob der Naturgewalt, die alles in ihren Fluten zu ertränken versuchte. Das Foto mit den winzigen Passagieren auf dem weissen Fahrzeug zu Wasser, das sich im tosenden Umfeld behauptete und ein Häuslein auf dem Mittelfelsen ansteuerte, gab das Motiv für ein Puzzlebild aus der Reihe: «Schweizer Sehenswürdigkeiten».

Und jetzt hole ich ihn in Biasca ab. Schon seit Jahren kommt er zu mir in die Therapie.

Für ihn bin ich immer noch Herr F, denn ich habe nicht extra das Klingelschild ändern lassen, als ich doktorierte. Nimmt mich wunder, was K über mich denkt. Sowieso wundere ich mich stets. Für mein Leben gern stelle ich Fragen. Das war schon immer so. Ich war der Quartierfrögli. Mein Lehrer meinte in der fünften Klasse zu mir: «Wenn du jede Frage mit einer Gegenfrage beantwortest, wird nie etwas aus dir, Franz N!»

«Franz N? Was meinen Sie damit?»
«Nichts. Nada. Niente. Das ist mir nur so rausgerutscht.»
«Nichts? Wie meinen Sie das?»
«So. Einfach so.»

Damit ich nicht ein weiteres Schuljahr bei diesem Lehrer absitzen musste, meldete ich mich ohne Wissen meiner Eltern mit den Sechstklässlern zur Kantonsschulprüfung an und bestand diese mit Bravour. Ich wurde Psychiater und demnächst habilitiere ich sogar. Das kommunikative Schweigen (kS) ist das zentrale Thema meiner Habilitationsschrift. Ich habe dazu vier Thesen aufgestellt:

  1. Je höher die Anzahl Beteiligter am kS, desto geringer die Intensität
  2. Je höher der IQ, desto tiefer das Schweigen
  3. Gesellschaftliches Schweigen ist die höchste soziale Stufe
  4. Ohne Schweigen kein Verschweigen

Wenn du mehr dazu erfahren willst, empfehle ich dir wärmstens die Lektüre der Habilitationsschrift. Selten erkennt man abstrakte Zusammenhänge in einer solchen Einfachheit. Schade, dass meine Mikrophonophobie mich daran hindert, mit meinen Thesen an die Öffentlichkeit zu gelangen. So ist all mein Wissen zwischen Buchdeckeln festgehalten, die selten jemand öffnet.

Und wenn er mir jetzt das Du anbietet?

K hat sich verwandert und trifft mit einer halbstündigen Verspätung an unserm Treffpunkt ein.

Seiner spürbaren Euphorie bei unserem Treffen muss ich gleich einen Dämpfer aufsetzen und lasse keine engere Vertrautheit aufkommen, indem ich ihn mit den Worten begrüsse, ich böte ihm meine Fahrdienste kostenlos an.

Nach einer fast überschwänglichen Begrüssung mit festem Händedruck sitzen wir uns an einem Gartentisch gegenüber. Garten ist zwar nicht der richtige Ausdruck für den Tisch im Freien, denn von Rasen nicht die Spur, und die verdorrten Geranien in den Betonkästen, die zur Strasse hin Schutz bieten sollen, tragen auch nicht gerade zur grünen Lunge bei. Die zweite Literflasche Mineral geht zur Neige.

Ein kommunikatives Schweigen macht sich bemerkbar und fordert seine Zeit, in der das Gegenüber mit Gedanken abgetastet wird.

Bei Biasca.

In dieser Phase unseres stillen Austausches kann ich einen Gedanken von Herrn K klar fassen:

«Ich möchte mit meinem Psychiater so vertraut sein wie er mit mir. Kann ich ihm das Du anbieten? Die Konsequenzen sind schwer abzuschätzen. Soll ich es wagen?»

Als der Kellner den Wein bringt und einschenkt, bin ich auf den Angriff vorbereitet und ergreife die Initiative:

«Mein lieber Herr K. Wie sehr ehrt mich Ihr Vertrauen. Aber Sie verstehen sicher, dass ich aus professionellen Gründen unsere Arbeit nicht aufs Spiel setzen will. Noch ist die Zeit nicht gekommen, wo wir alle Höflichkeitsfloskeln fallen lassen können. Zwar biete ich meine Fahrdienste als Nachbar kostenlos an, doch wissen wir beide, dass Sie weiterhin mein Patient bleiben werden. Stossen wir an auf unsere Begegnung und freuen wir uns auf eine verheissungsvolle Zukunft!»

Herr K ist erleichtert, klare Worte zu hören, und die anfängliche Enttäuschung über die verpasste Gelegenheit einer sofortigen Beendung seines Patientenstatus weicht seiner gewohnten Unsicherheit.

Er muss das Halbeli Nostrano alleine austrinken, da ich es mit einem Schluck zum Anstossen belassen habe.

Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald

Als blitzgescheiter Mensch hat K das sofort richtig eingeordnet und ist seinen Zuständen von Abhängigkeit und Hilflosigkeit verfallen. Ich habe selten so einen empathischen Mann kennengelernt. Die Mitmenschen stürzen sich nur auf seine ausserordentlichen Fähigkeiten – sein virtuoses Geigenspiel, sein absolutes Musikgehör, sein aufsehenerregender Sieg beim interkantonalen Kinderschach. Seine Andersheit wird ihm zugestanden, nicht aber zugestanden werden ihm Gefühle. Als ob dies sich nicht vereinbaren liesse – Verstand und Gefühle. Hast du einen IQ von weniger als 75, wirst du bemitleidet und als Depp bezeichnet. Hast du einen IQ von über 125, wirst du beneidet und ebenfalls als Depp bezeichnet, als Gefühlsdepp, genauer gesagt.

Er erzählte mir vom Klosterleben und wie er dem Kuckuck entkommen konnte.

«Jeden Morgen um halb fünf weckt das kurze Gebimmel, das zur Morgenandacht aufruft, den Kuckuck, und der beginnt mit seinem Rufen. Unerbittlich stösst dieser Vogel akustische Hiebe aus, die an Monotonie nicht einmal vom Leben hinter diesen Mauern übertroffen werden kann.»

«Wie meinen Sie das?», übernehme ich meine therapeutische Rolle.

«Jeden Tag dasselbe Prozedere. Auch das Essen schmeckt immer gleich. Der Wein nach Wasser und der Salat nach Gras. Zum Glück war ich nie ein guter Trinker gewesen.»

«Ein guter Trinker?»

«Na, Sie wissen schon, wie ich es meine! Da kommt es auf die Menge an. Ein Glas Wein zum Essen hat noch nie jemanden geschadet, pflegte mein Vater zu sagen.»

Für kurze Zeit blickt Herr K in die Abgründe seiner Kindheit, seiner Jugend, seiner Vergangenheit, die nicht abgeschlossen ist, seines Perfekts, muss man sagen, und da liegt das Übel, das alle Schweizer Patienten zu einer Ewigkeit verdammt: in der Grammatik!

Unser Dialekt kennt keine vollendete Vergangenheit. Nichts Abgeschlossenes! Deshalb sind wir neutral. Wir sind es nicht gewohnt, feste Positionen einzunehmen und die Vergangenheit spielt sich in unseren Köpfen im Jetzt ab.

Die Zeit heilt Wunden, aber keine Risse

Herr K sieht, wie das Glas vor seinem Vater immer grösser wird, wie die Essenszeiten immer häufiger werden. Der Duft aus der Küche fordert seinen Tribut – Riechhirn! Es gibt nichts Stärkeres als die olfaktorische Wahrnehmung. Das Essen in seiner Vergangenheit bleibt allerdings geruchlos.

«Hunger ist der beste Koch!», sagte Rosmarie streng, wenn sie das kleine Marieli wieder mal in den Keller gesperrt hat, weil es nichts essen wollte. Ihm tat seine Lieblingsschwester leid. Noch von der Strafe gezeichnet sass sie stumm am Esstisch und schaufelte den Reis in sich hinein. Sie stopfte das Essen aus Angst in sich hinein, nicht aus Hunger, wie seine Mutter fälschlicherweise konstatierte. Sie übergab sich regelmässig.

Herr K spült seine Erinnerungen mit dem letzten Schluck Nostrano runter und seufzt:

«Wie möchte ich einfach nur glücklich sein!»

Es ist nicht einfach, glücklich zu sein, wenn man so eine Kindheit durchleben musste wie Herr K. Die einzige Person, die ihn versteht, wird von ihm dafür bezahlt. Das schwere Schicksal von mehreren Generationen lastet auf ihm. Die Beziehung seiner Eltern hatte schon lange Schiffbruch erlitten. Er war der Schuldige. Er war das Gewicht, das das Boot zum Kentern brachte. Zwar konnten sich seine Eltern retten, doch schwamm jeder in eine andere Richtung. Fortan lebten sie nicht mehr in geistiger Verbundenheit unter einem Dach, sondern als Überlebende mit entgegengesetzten Zielen. Und die Schuld an diesem Zerwürfnis lag bei ihm. Bevor er zur Welt kam, war alles gut.

Er konnte sich nichts anderes erklären. Das ist ihm erst im Laufe seiner Therapie aufgegangen. Dass die Zeit zwar Wunden heilt, nicht aber Risse.

Zugeparkt.

Hoch auf dem gelben Wagen

Die zweite Literflasche Mineralwasser ist ebenfalls zur Neige gegangen. K übernimmt die Rechnung. Er habe im Kloster ja genug Zeit gehabt zu sparen.

Herr K ist beschwip… . (Oh! Beinahe hätte ich beschwipst geschrieben – ein klassischer Freudscher Verschreiber!) Herr K ist beschwingt, als wir kurz vor acht aufbrechen.

Irgendein Idiot hat mein Auto zugeparkt. Ich bin ein guter Autofahrer, denn nach wenigen Minuten habe ich mein Auto aus dem Parkplatz befreit und kurz darauf biegen wir auf die Autobahneinfahrt Richtung Faido.

Die Täler liegen im Schatten, nur die romantischen Badestellen oberhalb des Bahnhofes von Biasca, wo sich der Fluss Petronilla kreuzweise vom Felsen stürzt, sind noch von der untergehenden Sonne beschienen.

In Quinto halten wir an. K ist es so was von peinlich, mich um diesen Halt zu bitten. Vom vielen Wassertrinken sei seine Blase übervoll, pflichtet er mir bei. Kurz vor Airolo können wir einen Blick auf die A2 erhaschen – Stau! Da wollen wir lieber nicht reinfahren, in diesen Stau, meint K. Lieber über den Berg! Bereits nach der dritten Kurve ist ein erneuter Stopp nötig und wir geraten beim kurzen Aufenthalt im Grotto Motto Bartolo in eine lebhafte Diskussion mit Rekruten. Wie gesagt, es ist kein Anlass zur Eile geboten, ich habe ihm meinen Fahrdienst, der bei der hypothetischen Berechnung inklusive einer 200 Franken Pauschale für die Hinfahrt bestimmt gegen 1000 Franken gekostet hätte, unentgeltlich angeboten. Die ganze Zeit musste er aufs WC. Da sollte er nicht noch Bier trinken bei dieser schwachen Blase. Ich hab ihm den Gefallen gemacht, auf der Landstrasse zu fahren, damit er jederzeit austreten kann. Und eine Fahrt über die alte Passstrasse muss jedes Automobilfanherz höherschlagen lassen. Der Hochsommer verabschiedet sich mit einer der letzten lauen Nächte und wir erreichen den Passo San Gottardo, als die Alpen verglühen.

Ospizio.

Wenn ich so viel Bier trinken würde wie Herr K müsste ich mich auch «allpott» erleichtern. Auf dem Hospiz besteht er auf einem richtigen Pott – mit vier Wänden drum, einer Tür und mit WC angeschrieben. Jetzt scheint es ihm wieder besser zu gehen. Die ganze Schöllenen streckt er den Kopf aus dem Fenster, und als wir auf die Autobahn fahren, entspannt er sich ein bisschen. Bis zur Axenstrasse. Zum Glück steht beim Parkplatz bei der Tellsplatte ein öffentliches WC. Die reinste Katastrophe, ein solch empfindlicher Fahrgast! Wenigstens nimmt er sich zusammen und muss erst in Oberarth erneut aufs Hüsli. Da ich sowieso tanken will, kein Problem.

Ich will nicht von mir sprechen

Die Angst vor falschen Gedanken macht K heute noch stumm. Dann verschliesst er sein Unterbewusstsein hermetisch und ich brauche all meine professionellen Kenntnisse und Fähigkeiten, ihn in den wöchentlichen Sitzungen zum Sprechen zu bringen. Das kostet ihn 130 Franken die Stunde. Wobei ich das Gefühl habe, das Kloster hat ihm gutgetan.

Jeder hat seine dunklen Seiten. Zwangsstörungen.

Ursprung: Kinderstube, Babybettchen, Mutterleib. Cherchez la femme! Man stösst immer auf eine Mutter, selbst wenn sie abwesend ist. Die ultimative Eva.

K und ich haben viele Gemeinsamkeiten, auf die ich vielleicht zu sprechen komme, falls du mich direkt fragst nach Übereinstimmungen: Eine davon ist, dass auch ich einen Lieblingswitz habe, der Witz vom Paradies.

Witze sind sehr aufschlussreich.

«Sind meine Gedanken auch dann noch meine Gedanken, wenn andere sie denken?» Zu diesem Thema habe ich ein Buch geschrieben. Für 32.80 Franken kann der Leser meinen Überlegungen folgen, doch niemand kauft mein Buch. Geist und Geld beissen sich anscheinend, und da passt der Witz vom Weissen Haus wunderbar, denn er sagt mehr aus als tausend Worte. Weisses Haus, eigentlich erstaunlich, dass man heutzutage noch Weisses Haus sagen darf, so etwas Diskriminierendes!

Die Geschichte geht so:

«Katastrophe im pigmentös herausgeforderten Haus! Es brennt!

Halb so schlimm. Nicht alles ist niedergebrannt, nur die Bibliothek liegt in Schutt und Asche. Und auch das ist nicht so schlimm, denn es standen nur zwei Bücher in den Regalen. Und selbst das ist halb so schlimm, denn der Präsident hatte eines schon ausgemalt.»

Meine Gedanken taugen für manchen Bestseller, das weiss ich, aber meine Bücher verstauben in den Läden und ich kann sie nicht persönlich vermarkten, denn Leserreisen sind wegen meiner Mikrophonophobie ein Ding der Unmöglichkeit für mich. Ich freu mich aber sehr, wenn ich meine Gedanken wiedererkenne, zum Beispiel letzthin in der Rede des Nobelpreisträgers für Analytische Philosophie. Das waren meine Gedanken, eins zu eins. Gewiss, er hatte meine Bücher gelesen!

Die Lust ist die Würze des Lebens und die Neugierde der Motor

Ich bin der geborene Psychiater, der neugierige Zuhörer, mit der berufstypischen Gabe, aktives Zuhören zu signalisieren und gleichzeitig die eigenen Gedanken auf verborgenen Pfaden schleichen zu lassen. Diese Fähigkeit des Zweiteilens verbindet mich mit meinen Patienten, diese kaum wahrnehmbare Neigung zur Schizophrenie.

Der Unterschied zwischen Herrn K und mir liegt an einem kleinen Ort.

Ich habe gelernt, aus meinen Fähigkeiten Kapital zu schlagen. Ich habe gelernt, mich vor neugierigen Fragen zu schützen.

So verrate ich nur wenig über mich selbst. Solltest du, mein lieber Leser, mal als Patient in meine Praxis kommen, so musst du dich über meine Antwort auf die Frage nach dem ultimativen Evawitz nicht wundern:

«Warum möchten Sie den wissen?»

Die Zeit für solche Vertraulichkeiten ist noch nicht gekommen. Vielleicht erzähle ich Dir den Witz im nächsten Blog. Wenn ich denn noch einmal zu Wort kommen sollte.

Herr K kommt zu Wort – endlich!

Mein lieber Leser, nur du kannst verstehen, in welch qualvoller Lage ich mich befinde! Endlich habe ich einen Menschen gefunden, der mir ebenbürtig ist. Der mich und meine hinter mathematischen Formeln eingepackten Gefühle versteht. Ich kann ihm doch nicht einfach das Du anbieten! Das hätte doch Konsequenzen!

Wahrscheinlich wäre ich die löbliche Ausnahme und zollte ihm trotz vertraulicher Ansprache weiterhin den gebührenden Respekt.

Nur mit seiner ruppigen Fahrweise kann ich mich beim besten Willen nicht anfreunden. Ich muss zwischendurch nicht nur meine Blase leeren. Das Stücklein Autobahn von Faido nach Quinto ist ein Segen für meine Übelkeit, aber die Blase macht sich bemerkbar und die Angst, vor dem Tunnel in einem Stau zu stehen, beängstigt mich.                                             

Tremola.

Die Tremola gibt mir den Rest! Schon in der zweiten Kurve klappern meine Zähne und ein imaginärer Bösewicht packt mich am Nacken. Zum Glück wird aus den «zehn Minüteli»  im «Motto Bartolo» ein «gutes Schtündeli». F unterhält sich angeregt mit  den Rekruten und ich bestelle mir eine Stange.

«Birra a pressione», erklärt mir ein verpickelter Rekrut. «Die wichtigsten Wörter lernst du hier sofort auf Italienisch!», prostet er uns zu. «Ist schliesslich eine Landessprache!» Auch seine Uniform ist voller Pickel.

Neidisch konstatiere ich, wie sich F mühelos auf die Diskussion einlässt und Zuhörer zu seinen Jüngern macht, ohne viel zu sagen. Ein gekonntes Schweigen! Kein Wunder, hat er auch solch ein gescheites Buch geschrieben. «Traktat über das kommunikative Schweigen.»

Er hat es mir letzthin geschenkt.  Unverpackt. Mit den Worten, dass ich in den Tagen des Jahreswechsels sicher Zeit zum Lesen haben würde.

Für mich sehr ungünstig, denn ausgerechnet an diesen Weihnachten wollte ich in die Ferien fliegen. Er spielt bestimmt auf die vier Wochen Therapiepause an. Wenigstens schreiben wir uns regelmässig Neujahrsbriefe; das gibt mir das Gefühl, ihn in seiner Abwesenheit in meiner Nähe zu wissen. Ich stelle mir vor, dass er seine Ferien so einrichtet, dass er die erste Zeit stets zu Hause bleibt, um mir pünktlich seine Neujahrskarte zu schicken. In Persona habe ich ihn in dieser Zeit noch nie gesehen. Wie gern würde ich ihn einmal besuchen, einen Blick in seine Wohnung werfen. Ob er wohl in einem Doppelbett schläft?

Familienbande auf Zeit

Ein Sonderangebot von Hui-Reisen. Frühbucherrabatt. Jahrgangsrabatt. Individuelle Preisgestaltung. Der Slogan:

«Wenn die Familie nicht zu ihnen kommt, dann gehen Sie zu Ihrer Familie!»

Eine Woche in einer Familie erleben. Mit Weihnachtsgeschenk respektive Mitternachtswünschen. Extraportionen über die Festtage gratis.

Reise A:         21. Dez.–28. Dez.

Reise B:         29.12 –5. Jan (100.– Feuerwerkszuschlag)

Ich hab ihm doch erzählt, dass ich es in Betracht ziehe zu reisen. Ja, dass ich mich gar für Reise A entschieden hätte. Jetzt, wo meine Mutter Rosmarie gestorben ist.

Und ausgerechnet jetzt hat er eine Sitzung auf den 24. Dezember verlegt. Nur weil er immer eine Sitzung kurz vor Weihnachten legt, denn er verreist stets bis zum 21. Januar. Und mehr als einen Monat möchte er nicht von seiner Arbeitszeit opfern.

Das ist doch ein Egoist. Vielleicht will er verhindern, dass ich in die Ferien fliege. Er hat mich so merkwürdig angeschaut, als wir im November die Dezember- und Januartermine festlegten. Das machen wir immer so. Anschliessend sind die Daten fix.

Er wusste von meinen Reiseplänen. Was mache ich jetzt mit meinem Ticket?

Vielleicht kann ich noch umbuchen, doch dann verfällt bestimmt mein Frühbucherrabatt.

Das kann ich mir zwar leisten, wenn ich will. Aber will ich?

PIDS

Jetzt muss ich eingreifen, sonst kommen wir nie zu einem Ende.

Weisst du, was PIDS ist? Das ist das Pubertäre Intelligenz-Defizit-Syndrom.

In der Regel nur von vorübergehender Dauer, aber bei pädagogischem Ungeschick der Erziehenden können schwere Spätfolgen bei ihren Sprösslingen auftreten.

F hatte in seiner Maturaarbeit in Hesseverehrermanier den Satz geschrieben:

«Nur wer mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht, kann demjenigen helfen, der unsicheren Schrittes sein Gleichgewicht sucht.» Und wieder mal eine blanke Sechs geschrieben. Alles ist ihm summa cum laude von der Feder geflossen. Nicht aber K.

Er war ein PIDS-Kind. Er hätte Klassenprimus sein können, wenn er etwas mehr Selbstvertrauen gehabt hätte, etwas mehr Unterstützung von Rosmarie und Arno, aber während die eine verzweifelt nach passenden Puzzlestücken wühlte, war der andere mit floralen Notfällen beschäftigt, statt sich um seinen Sohn zu kümmern.

Doch K kommt aus sich heraus und es geht im besser, je näher er sich zu Hause fühlt. Am Ufer des Zugersees erzählt er seinem Psychiater gar einen Witz.

Der ist ihm wohl eingefallen, weil er sich fast schon im Paradies wähnt.

Es ist der ultimative Eva-Witz. Dabei hat sich F schon so gefreut, dass du eines Tages als Patient zu ihm kommst und ihn nach dem Witz fragst.

Damit Herr F mit seinem horrenden Stundenansatz im nächsten Blog nicht erneut zu Wort kommt, erzähle ich an dieser Stelle den Witz.

Im Paradies:

Eva zu Adam: Liebst du mich?

Adam zu Eva: Wen denn sonst?

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