Wissenschaftsfeindlichkeit als höhere Wahrheit Ich habe Angst

28.08.2021, 11:01 Uhr 6 min Lesezeit 3 Kommentare
Ich habe Angst
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Wer sich vor allem fürchtet, weiss nicht mehr, wovor es sich zu fürchten lohnt. (Bild: pexels)

Wir alle sitzen seit März 2020, also seit praktisch eineinhalb Jahren, vermehrt zuhause fest. Auch und vor allem ich, der ich als Risikofall gelte. Und da überlegt man sich denn auch ab und zu, was diese Krise alles aufgezeigt hat und was das für die Zukunft bedeuten könnte.

Wir alle sitzen nun schon seit etlicher Zeit vermehrt in den eigenen vier Wänden und versuchen uns vorzustellen, wie ein Leben nach all dieser Corona-Belastung weitergehen wird. Und ja, wir dürfen uns zunehmend auf diese Zeit freuen: Covid-19 scheint bezwingbar oder zumindest eindämmbar und eine Normalität zeichnet sich endlich am Horizont ab.

Aber ein Aspekt dieser ganzen SARS-CoV-2-Zeit sitzt zumindest einigen differenziert denkenden, empfindsamen Bürgerinnen und Bürgern tief im Nacken – und bereitet auch mir zunehmend schlaflosere Nächte: Die Bereitschaft vieler Mitmenschen zu Wissenschaftsfeindlichkeit und Ressentiments.

Wer sich vor allem fürchtet, fürchtet sich zu stark

Es hat mit der seit Jahren anhaltenden Tendenz begonnen, sich vor allem Möglichen zu fürchten, eine Mode, die aus den USA importiert wurde, wo man, wenn man will, sich zu jeder Tageszeit im Fernsehen über irgendwelche Gefahren belehren lassen kann; die meisten davon völlig hochgebauscht. Aber wer sich eben vor allem fürchtet (oder in einigen Fällen: vor nichts), fürchtet sich insgesamt zu oft (oder eben gar nie), doch zu wenig vor dem wirklich Furchterregenden. Dabei müssen Ängste eingestuft und bewertet werden, sonst ist ihnen ein Gemeinwesen hilflos ausgesetzt. Nur durch eine Einteilung kann entschieden werden, wovor es sich zu fürchten lohnt.

So dürfen wir uns eben durchaus freuen, dass der Ausnahmezustand bald vorbei sein wird. Und wir wollen eigentlich jetzt schon vorspulen – die Trauer und die Angst – um das zu überspringen, was verloren ging oder was an Negativem noch kommen mag. Das ist jetzt, wo es Impfungen gibt, auch legitim. Wir wollen wieder Spass und Freude.

Immer neue, immer andere Bedrohungen

Aber etwas, was weiter bestehen wird, sollte Gegenstand von Furcht bleiben (oder werden): Die radikalisierende Leugner-Bewegung wird fortbestehen, auch wenn das vorgeschobene Objekt ihres Protestes (denn warum haben sie sich nicht schon gegen einen korrupten Staat gewehrt, als sie noch nicht persönlich betroffen waren, etwa durch die Masken?), die scheinbar freiheitseinschränkenden Massnahmen gegen Covid, längst einkassiert sein werden.

Denn in ihrem an die Wand gemalten Untergangstheater finden sich immer neue, immer andere Bedrohungen: Mal ist es der anstehende dritte Weltkrieg, mal ist es die neue Weltordnung, mal ist es die Hygiene-Diktatur oder der Überwachungsstaat, der uns allen Mikrochips einpflanzen will, etwa durch die Impfungen. Aber etwas ist all diesen Varianten gemeinsam: Die politischen Fragen, die sie aufwerfen würden, wollen von diesen oft gesellschaftsspaltenden Gruppierungen gar nicht angegangen oder schon gar nicht gelöst werden.

Ihre Themen sind reine Spielfiguren in einem Spektakel der Angst, austauschbar und ziemlich flexibel, es braucht sie nur als Trigger der Ressentiments. Es geht tatsächlich regelrecht um die Kultivierung von Ohnmacht, um die merkwürdige Selbstbestätigung, die in der Aussenwelt nur Anlässe für gefühlte Kränkung und Verletzung sucht.

Wissenschaftsfeindlichkeit als höhere Wahrheit

Entscheidend ist dabei stets der Blick von «unten» nach «oben», «das Volk» (welches aber wie in China und bei vielen rechtspopulistischen Parteien nach Gutdünken definiert wird; nur wer das will, was sie wollen, gehört dazu – oder steht zumindest auf der «richtigen» Seite), das als entmündigt oder unterdrückt stilisiert wird, gegen eine «Elite», die im vermeintlich Geheimen, entkoppelt vom Überprüfbaren, operiert. Diese «Elite» taugt als rhetorischer Passe-partout, der mal «Juden» (Corona heisse auf Hebräisch rückwärts gelesen, also divoc, nicht vergeblich Spaltung, schreibt mir einer der Exponenten) oder «Kosmopoliten» meint, mal «Feministinnen» oder «die Medien», mal «Bill Gates» oder «die Wissenschaft».

Sie berufen sich auf die demokratische Idee der Volkssouveränität, um sie radikal autoritär zu wenden (im Juni 2021 gab es in der Schweiz Werbeblätter für jeden Briefkasten, in denen dazu aufgerufen wurde, «[d]en Firmen [!] ›Schweizerische Eidgenossenschaft‹, ‹POLIZEI› (sic; warum in Majuskeln, entzieht sich einer Logik – wie auch die Wahl, was in Anführungszeichen gesetzt wird und was nicht), Gerichten, Politikern kein Gehör mehr [zu] schenken»).

Es wird also Aufklärung simuliert, um antiaufklärerische Dogmen zu verbreiten. Die soziale Spaltung, die sie zu bedauern behaupten, ist ihre tiefste politische Sehnsucht. Denn sie wollen gar keine Zusammengehörigkeit, keine Versöhnung: Ihre Wissenschaftsfeindlichkeit inszeniert sich als «höhere Wahrheit», die selbstzufrieden beim Gegner auf «manipulierte» Quellen verweist, während sie sich auf «echte» Informationen berufen – und so verkoppelt sich der krudeste Aberglaube und das absurdeste Verschwörungsmärchen immer mit dem entscheidenden, schmeichelnden Selbstbild des eingeweihten Zirkels (wo dann auch immer auftrumpfend mit dem Finger gezeigt wird, wenn mal ein Wissenschaftler zugibt, dass er sich geirrt habe; dabei unterscheidet das Zugeben von Irrtümern gerade die wissenschaftliche Arbeit von deren hämischen, ewigen Unabweichlichkeit).

Der «freie Mensch»

Darum gehen sie inzwischen noch weiter und degradieren jene, die nicht ihre Meinung haben, zumindest zu Nicht-Menschen, eine uralte faschistische Methode: Denn auf besagten Flyern heisst es, nur wer keine Maske trage und damit eine «Lebenderklärung» abgebe, sei danach «maskenbefreit / steuerbefreit / bussenbefreit / massnahmenbefreit / ein freier Mensch»; dieser «freie Mensch» unterscheide sich denn auch, so der Flyer, durch sein «Mensch»sein von den anderen Mitwesen, die nurmehr «Personen» seien.

Dabei sind es eben gerade sie, die damit ihre Kontrahenten wortwörtlich entmenschlichen. Sie offenbaren dadurch ihre tiefliegende antidemokratische Haltung, die es eben dringlich macht, diese Bewegungen nicht mehr als kleine, isolierte Mobilisierungseinheiten zu politischen Krisenerfahrungen zu verstehen, sondern sie und ihre Methoden als zusammenhängende Strukturen und Einstellungen zu erkennen, die unsere demokratischen Gesellschaften immer weiter destabilisieren, weil sie den gemeinsamen Bezug zur Wirklichkeit, die res publica (wörtlich: öffentliche Sache), systematisch unterwandern.

Diese antiaufklärerischen, autoritären Bewegungen brechen also wie gesagt nicht einfach nur lokal und spontan auf, sondern sie werden international und strategisch gezüchtet (etwa von Bloggern von Putins Gnaden) und gefördert, um Misstrauen zu schüren, um Unsicherheit zu erzeugen und demokratische Institutionen zu erschüttern.

Es denken ja wirklich alle so!

Das war schon bei der US-Wahl 2016 und beim Brexit 2020 zu sehen. Diese Bewegungen und Anhänger profitieren von einer Privatisierung der Öffentlichkeit, in der die Plattform-Giganten wie Google und Facebook ein Geschäftsmodell entwickelt haben, das kein ökonomisches Interesse an der Unterscheidung von wahr und unwahr, richtig und falsch hat.

Damit machen sich diese «Kämpfer» gerade zu den Rittern einer Sache, die sie meist zu bekämpfen vorgeben, sie werden, zu allem anderen obendrein, zu nützlichen Idioten, die sich nur deswegen nicht wie früher als der einsame Spinner im Dorf fühlen, weil sich all die Einsamen heute im Internet mit den digitalen Dorfspinnern all der Online-Dörfer weltweit zusammenschliessen können (und vor allem funktioniert bei Facebook die Sache ja so, dass man all jene als Freunde vorgeschlagen erhält, die ähnlich denken und sich also ähnlich äussern – und plötzlich hat man damit das Gefühl: Es denken ja wirklich alle so!, weil man andere gar nicht mehr vorgeschlagen erhält…).

Ich habe Angst. Vor der Dummheit

Es wird auch keine Rolle spielen, wie die Regierungen das Problem jeweils anzugehen versuchen, es können liberale oder konservative oder linke Konzepte und Massnahmen sein, die man entwickelt – man wird sie aus diesen Kreisen mit Ressentiments und populistischer Mobilisierung beantworten.

Eine Demokratie aber, die nicht mehr der Wahrheitsorientierung verpflichtet ist, eine Öffentlichkeit, die nicht mehr nach Gründen und Argumenten sucht, sondern nur noch Daten und Ressentiments ausbeuten will, ist wirklich etwas, wovor es sich zu fürchten lohnt.

Also ich, ich habe Angst. Vor der Dummheit und vor dieser Mentalität, die Jahrhunderte der wissenschaftlichen Aufklärung nicht nur nicht mehr respektiert, sondern geradezu glaubt, sie wären im Besitz der Einsicht, ohne aber je handfeste Lösungsansätze zu liefern, die über ein blosses «Das wollen wir so nicht» oder «Da stimmt doch etwas nicht, wenn wir es nicht auf einen Blick hin erfassen und zusätzlich für gut befinden» hinausgehen würden.

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3 Kommentare
  1. Roli Greter, 28.08.2021, 19:01 Uhr

    Die radikalisierende Spalter-Bewegung wird dummerweise fortbestehen und sogar immer grösser. Solch abwertende Beiträge wie Ihrer hat in einer modernen Gesellschaft keinen Platz, wie wäre es mit einer offenen Diskussion statt einer Schubladisierung?

    1 👍 Gefällt mir 0 👏 Applaus 0 🤔 Nachdenklich 3 👎 Daumen runter
    1. Dominik Riedo, 29.08.2021, 07:49 Uhr

      Sie verhindern leider eine offene Diskussion, wenn Sie meinen Artikel gleich schon verurteilen. So möchte doch niemand wirklich diskutieren. Das zur Erklärung.

      1 👍 Gefällt mir 0 👏 Applaus 0 🤔 Nachdenklich 0 👎 Daumen runter
    2. Marc Wieser, 30.08.2021, 11:04 Uhr

      Welche Aussage aus Herrn Riedos Blog möchten Sie denn gerne offen diskutieren?

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