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Höher zu dir, mein Herr!
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Im Flugzeug geplagt vom Verfolgungswahn Höher zu dir, mein Herr!

7 min Lesezeit 01.06.2019, 14:16 Uhr

Jedes Mal, wenn Katja Zuniga-Togni ins Flugzeug steigt, befällt sie ein mulmiges Gefühl. Plötzlich befinden sich auf jedem Flug vermeintliche Terroristen. So auch auf dem hier geschilderten. Höher zu dir, mein Herr!

Der Mann war unauffällig. Das war das Auffällige an ihm. Sogar sehr auffällig. Je mehr ich ihn beobachtete, desto sicherer war ich, dass er sich krampfhaft darum bemühte, nicht beachtet zu werden. Scheinbar gleichgültig vermischte er sich mit der Menschenmasse und nahm die Gestalt eines erprobten Flugreisenden an. Auch hatte er einen flachen, fast fliegenden Blick.

«Gate B 9» versicherte er sich all hundert Meter an einem Bildschirm, als ob die Flüge ihre Gates ständig ändern würden, wenn sie einmal bekannt gegeben worden waren. Er fiel mir sofort auf, schon in Edinburgh, wo er so tat, als ob er verheiratet wäre und das Handgepäck einer Frau trug, die bei ihm eingehängt hatte, ohne ihm zu sehr nahe zu kommen.

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Problemlos kam er durch die Passkontrolle. Ich hätte ihn da schon aufgehalten. Gleich wird ein Tuten ertönen, dachte ich mir, als er durch den Detektorbogen trat. Dann wird ihn ein Angestellter unauffällig zur Seite nehmen und ihn zu einem Büro begleiten, wo seine wahre Identität aufgedeckt werden würde.

Sie würden herausfinden, dass er ein lange gesuchter Terrorist und seine Frau in Wirklichkeit nicht mit ihm verheiratet sei und auch mit keinem anderen Mann. Woher denn sonst dieser überhebliche Blick. Auch sie sah aus wie vom Fanatismus ferngesteuert. Das von Rache triefenden Alte Testament musste ihre Bettlektüre sein. Keine Christen. Es gibt keine christlichen Terroristen – für die ist der Retter schon auf der Welt.

Sitz E – natürlich ein Sandwich-Platz

In der Abflughalle stellte ich mich extra neben die vermeintlichen Attentäter. Sie waren in ein Gespräch vertieft. Keine Wörter drangen an mein Ohr, woran ich die Sprache hätte erkennen können. Endlich wurde der Flug aufgerufen. Sie checkten am Erste-Klass-Schalter ein und kamen sofort an die Reihe. Ich musste Schlange stehen. Und da sassen die beiden auch lesend zuvorderst in der Businessclass und liessen mich  gnädig passieren.

Sie ignorierten die Passagiere aus der Economy, ihr mitleidiges Lächeln war nur Fassade. Ihre verachtenden Blicke forderten uns zur Eile auf. Ich ging an ihnen vorbei und schaue ihnen direkt in die Augen. Die sollen nur merken, dass ich sie durchschaut hatte. Ich betrat die zweite Klasse, und meine Augen hüpften nach oben, nach links, nach rechts, die reinste Gymnastik, bis ich meinen Sitz gefunden hatte: E 31 – ziemlich weit hinten.

Die Maschine füllte sich. Ein übergewichtiger Inder versuchte, seinen Koffer ins Gepäckabteil reinzustopfen. Natürlich verursachte er einen Stau, kein Mensch konnte an ihm vorbei. Sitz E war nicht Fenster, wie ich gehofft hatte, E war Sandwich.

Am Fensterplatz eine Frau, die nie hinausschaute und links von mir ein Mann. Wie ich wollte er die Zeitung lesen. Wir hätten zusammen in derselben Ausgabe blättern können, dasselbe Exemplar für beide, aber diese Vertrautheit war uns nicht erlaubt. So sassen wir mit an den Körper gepressten Ellbogen auf unsern Sitzen und versuchten, synchron umzublättern.

Muss er denn gleich das Flugzeug in die Luft sprengen?

Die Businessclass wurde von einem blauen Vorhang von der Economy abgetrennt. Ich fragte mich, was die wohl im Verborgenen machten. Meine Gedanken landeten bei den Unauffälligen. Der Mann will nicht mehr weiterleben. Ein Arztbesuch, reine Routine, und dann die niederschmetternde Diagnose? Deshalb muss er doch nicht gleich ein Flugzeug in die Luft sprengen. Noch weniger eines, wo ich drinsass. Nein, es muss etwas Schlimmeres sein, als sein eigenes Leben zu verlieren. Das verliert man immer. Früher oder später. Da braucht es keine Jungfrauen, die im Himmel warten.

Nein, nicht sein eigenes Leben war in Gefahr, sondern dasjenige seiner Liebsten. Ihr Leben würde er verlieren und es wäre nicht erträglich, alleine weiterleben zu müssen. Sie womöglich ohne ihn glücklich zu wissen. Nur die Frau an seiner Seite war nicht seine Geliebte. Viel zu routiniert waren ihre Bewegungen, viel zu einstudiert ihre Gespräche. Es gab nur eine mögliche Erklärung für ihre Mission – die Frau freute sich auf Jungfrauen. Auch auf Lesben warteten diese – eine normale Frau führte sonst kein Himmelfahrtskommando aus.

Benzingeruch mischte sich in meine Gedanken und bekräftigte meinen Verdacht, machten ihn beinahe schon zur Gewissheit. Es war so offensichtlich. Erstaunlich, wie ruhig die Crew war. Wie unbeteiligt die Mitreisenden. War ihnen ihr Schicksal gleichgültig? Waren sie ganz einfach dumm?

Weg vom Benzingeruch, ab in die Luft

Zum hundertsten Mal hörte ich den Sicherheitsmassnahmen zu und schaute einen Film mit gezeichneten Stewardessen und ebensolchen Passagieren an und war eine Weile mit dem Gedanken beschäftigt, ob auf einem Dampfer die Passagiere Schiffsgäste genannt werden. Mit einem Ruck setzte sich die Maschine in Bewegung und rollte dem Benzingeruch davon. Flug BA 814, on the way to the start.

Mit dem Velo wäre ich locker so schnell wie diese Maschine, überlegte ich, als sie an gelbschwarzen Markierungen vorbeirollte, über riesige Kreuze, die auf dem Asphalt aufgemalt waren, vorbei an scheinbar sinnlos in der Wiese gruppierten Schranken und Verkehrsteilern. Dann drehte sich das Flugzeug um 90 Grad, der Pilot positionierte dessen Nase gegen eine Bahn, die schwarz vor Bremsspuren war, «RUNWAY AHEAD» war überflüssigerweise in riesigen weissen Buchstaben auf den Boden gemalt.

«Cabin crew please take your seats for take-off!», ertönte eine väterliche Stimme. Unweigerlich hielt ich die Luft an und ein überirdisches Gefühl durchströmte mich, als die Maschine abhob. Die Frau rechts von mir klammerte sich an ihre Handtasche und versuchte zu ignorieren, dass die Maschine den Bodenkontakt verloren hatte.

Kaffee oder Tee? Tee, natürlich!

Bald waren meine Gedanken angestrengt beim Piloten, denn Wolken versperrten unseren Weg und das Flugzeug begann zu holpern. «Wo sitzt die Blackbox bei einem Flugzeug?», fragte ich mich, als ob ich im Fall eines Absturzes selber nach der Box fahnden müsste. Kaum 33 Sekunden vom Boden zur Luft und schon hüpfte die Maschine und kämpfte gegen die Wolken.

Dieses Flugzeug brauchte keine Hilfe von jungfrauengeilen Terroristinnen und einsamen Männern, dieses wird von alleine abstürzen, wenn aus einer Wolke plötzlich ein anderes Flugzeug auftaucht und mit uns kollidierte. Oder noch viel wahrscheinlicher verbärgen die Wolken nur eine Wand, an der wir zerschellen müssten. Mit einem gewaltigen Satz rettete sich die Maschine über die Wolken.

«Was möchten Sie trinken?», unterbrach eine Gezeichnete. «Tee oder Kaffee?» Ich entschied mich für ein Glas Wasser, hatte ich doch beim Radiohören erfahren, dass Wasser auf dieser Höhe beim Kabinendruck schon bei 90 Grad siedet, was dem Tee abkömmlich war. Nervös war ich auch ohne Kaffee.

Fun Facts über den Wolken

Die Wolken verdichteten sich zu einer Decke, die jemand über das Land geworfen hatte, und stellenweise war sie bereits schmutziggrau. Das alles hätte ich gesehen, wenn ich denn am Fenster gesessen wäre. Ich schaute angestrengt in ein Magazin, um mich von der verpassten Aussicht abzulenken. So las ich, dass der exzessive Gebrauch von Mobiltelefonen ungeduldig, vergesslich und narzisstisch macht. Die neue Krankheit namens «Nomophobie» wollte man mit digitalen Entgiftungszonen bekämpfen. Grenada war die erste Insel, die den Gebrauch von Mobiltelefonen verbot!

Ein Blick nach rechts zeigte ein blau-weiss unterteiltes Fenster. Ich verfluchte die Frau, die so gefesselt war vom British-Airways-Magazin, als ob es von Patricia Highsmith verfasst worden wäre.

Wie viel Zeit werden uns die Attentäter noch zugestehen?

Ein weisser Rand erschien am untern Rand des Fensters. Das Flugzeug befand sich bereits im Sinkflug und ein Kind begann zu schreien, weil sich die Luft im Körper auszudehnen begann und ihn die eustachische Röhre schmerzte.

Das Kind hört auf zu weinen

Eine Kurve und ich sah eine durch einen Fluss durchschlängelte Landschaft, bewaldete Hügel und blöd dastehende Industrieanlagen, zusammengedrängte Häuser, die ein Dorf bildeten und schon wurde der Verkehr dichter und die Landschaft städtischer. Die Kindsmutter hatte was vom Druckausgleich verstanden, das Kind hörte auf zu weinen. Jetzt konnte ich die Farben der T-Shirts erkennen und die Hunde, die am Waldrand spazieren geführt wurden und schon knallte das Flugzeug auf die Rollbahn.

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