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Hier will ich wohnen
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Der Wert mancher Wohnungen zeigt sich erst mit den Jahren. (Bild: Pixabay)

Beim Blick zurück werden Erinnerungen wach Hier will ich wohnen

6 min Lesezeit 26.10.2019, 11:04 Uhr

Bloggerin Franziska Greising erinnert sich an ihre Zeit in der Wohnung, in der sie dreissig Jahre gewohnt hat und an die sie so viele verschiedene Erinnerungen knüpft. Was ist nun besser: Stadt oder Land, Wohnung oder Landsitz? Der Blog bietet für diese und andere Fragen Erklärungsansätze und ist dabei topaktuell.

Dreissig Jahre oder länger hatte ich nach einer neuen Wohnung gesucht. Unsere Kinder rannten während jener ersten Sommer bergab über die Wiesen zur Dorfschule, stibitzten unterwegs Kirschen oder Äpfel von den Bäumen, standen auf dem Heimweg dabei, wenn beim Bauern ein Schweinchen, ein ander Mal ein Kalb zur Welt kam. Und sie bretterten im Winter mit dem Schlitten den Hang runter.

Landleben pur

Unser schwarzer Kater hingegen hatte die ganze Nachbarschaft mit kleinen Kätzchen beglückt, während eines oder zwei unserer Meerschweinchen, die draussen im Gras herumtollten, zum Raub der Bussarde und Habichte geworden waren. Auch der Hund bekam seinen täglichen Auslauf. Es existierten noch keine dieser roten Säcklein, um die Kothäufchen einzusammeln, weshalb ich Briefumschläge hortete, um jeweils zwei davon auf den Weg zu nehmen und sie bei Bedarf zu zücken.

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Wir wanderten zur Post, zur Dorfbäckerei oder zum nahen Wald. Dort legte ich mich manchmal auf eine Bank und hielt ein Schläfchen. Ab und zu gastierten Freunde und Freundinnen, auch die benachbarten Bauernfamilien bei uns zum gemeinsamen Essen und Trinken. Einer der Nachbarn, gross und kräftig, goss mir dabei lachend immer neuen Schnaps in den Kaffee und unternahm auch sonst alles mögliche, um unsere nachbarliche Nähe zu festigen. Er besass unmittelbar hinter unserem Haus ein Gülleloch.

Unsere Kinder wussten, dass dort Gefahr war. Aber der Hund, entschlossen, dem herzhaften Geruch aus jener Grube auf den Grund zu gehen, geriet eines Tages hinein. Und einzig ein Junge aus dem Nebenhaus hatte das verzweifelte Jaulen und Jammern gehört. Das Geschöpf schwamm um sein Leben, als ich hinzugerannt kam, die Augen verdreht vor Entsetzen, in der Brühe. Es stank danach wochenlang.

Abschied und Wechsel

Eines Tages änderte sich alles, wir zogen um. Zurück in die Stadt. Ich hatte eine kleine und bezahlbare Wohnung gefunden, die für die Kinder, nebst Abschied und Wechsel, auch Reizvolles bereithielt, so hoffte ich. Da die neue Adresse in einem dörflichen Quartier lag, dachte ich, der Wechsel vom Land in die Stadt würde für sie etwas leichter sein. Es gab einen Park in unmittelbarer Nähe, viel Grün in der Umgebung, und die Stadt mit ihren Verlockungen war nicht mehr weit.

Auf den Kater warteten neue Bekanntschaften, die Meerschweinchen durften sich im Anhänger des Dreirads der Jüngsten auf immer neue Rundfahrten durch den Park freuen, und auch der Hund kam zu seinem Recht. Er war mittlerweile halb blind geworden, aber zu meiner Verwunderung orientierte er sich fast so gut wie vorher. Dass die Umgebung ihm unbekannt war, schien seine Lust am Rennen und Herumschnüffeln nicht zu beeinträchtigen.

Als ich mich um jene neue Wohnung beworben hatte, versicherte ich mir, nicht lange bleiben zu wollen, es zog mich ins Zentrum, in die Gassen, auf die Dächer, zum Fluss. Aber erst, wenn die Kinder ausgezogen wären.

Ein Zwischenstopp mit Folgen

Ich ahnte nicht, dass es über dreissig Jahre dauern würde. Auf mich warteten alle Hochs und Tiefs dieses Unterfangens. Ich schrieb Briefe, telefonierte, ging auf Besichtigungen und telefonierte erneut, bis mir die Ohren glühten. Auf viele meiner Schreiben erhielt ich nie eine Antwort. Es gab damals noch die Chiffre-Inserate anonymer Inserenten, die aber ihrerseits von mir einen Betreibungsauszug, die letzte Steuerrechnung, die Anschrift des aktuellen Vermieters und des Arbeitgebers verlangten.

Nur ein dicker Roman könnte die lange Reihe der Wohnungsvermittler, Wohnungsbesitzer, Wohnungsverwalter und Wohnungsagenten fassen, mit denen ich in Kontakt kam. Ich guckte in namenlose Waschküchen, blitzblank und mit polierten Wäschetrommeln zum Wringen samt Drähten zum Wäscheaufhängen, die einen mit Waschtürmen und Münzautomaten ausgestattet, ich roch den Schimmelpilz gewisser Kellerabteile, in den Treppenhäusern den Alltag pur mit seinen Düften.

Wieder und wieder erkannte ich das in aller Welt beliebte Aroma von Zwiebeln und Knoblauch. Weiter oben vermutlich buk jemand gerade Kuchen. Was drinnen nicht erwünscht ist, wie Schuhe in verschiedenen Zuständen, meist schiefgetreten, einige mit Gips oder Bauschutt beschmiert, andere hochglänzend, daneben Gummistiefel oder ein Paar vom Fuss geschleuderte Highheels, hatte draussen vor der Tür zu bleiben.

Schirmständer und Gummibäume

Schirmständer drückten sich in die Ecken neben den Wohnungstüren, ganze Schränke voller Familienzeugs, Gummibäume, Velos kämpften um ein wenig Raum. Doch gab es hie und da eine Häkelei an den Türen, ein Poster vom Meer oder eins von den Bergen, wo die Bewohnerschaft versuchte, ihr kleines Reich schon ausserhalb heiter und persönlich zu machen. Die Balkone waren mit ihren je eigenen Möbeln und Pflanzen und Blumenkistchen bestückt. Oder, ja, auch vollgemüllt mit den blauen Säcken der Abfuhr und mit Karton, der eines schönen Tages entsorgt werden würde.

Schliesslich floh ich wieder heim, überzeugt, nie, nie meine Traumwohnung zu finden.

Mein Traum war eine Dachwohnung mit Ruhe, viel Sonne, genügend Raum, und sie sollte mitten in den Gassen der Altstadt liegen mit Blick über die Dächer und einem hübschen Balkon für die Kakteen, meine stachligen Sonderlinge. Jenen aber, die ich sehen durfte, fehlte das Sonnenlicht oder der Balkon, sie blickten auf eine lärmige Strasse, oder sie hätten mein Portmonee überfordert.

Manchmal war ihr einziges Plus: Sie troffen von Geschichte. Und wenn ich dies erfuhr, wurde es mir besonders schwer, nein zu sagen, tut mir leid, kommt nicht infrage.

Himmel, so weit ich sah

Vor einem knappen Jahr, meine Kinder waren längst verheiratet, der Kater davongelaufen, der Hund und die Meerschweinchen gestorben, stieg ich mit einem der vielen Anbieter, die ich in all den Jahren getroffen hatte, zum hundertsten Mal eine Treppe hoch. Diesmal bis in den sechsten Stock. Ich hatte mich kurz davor entschlossen, die Stadt zu vergessen und mich in der Agglo umzusehen.

Wie übrigens schon Jahre davor meine Tochter und ihr Mann mit ihren vier Söhnen. Dies trotz ihres Einkommens als Doppelverdiener. Der Verkäufer schloss mir eine Tür auf, wir stiegen ein paar Stufen in die Höhe, und, noch bevor ich den letzten Tritt geschafft hatte, fiel mein Blick auf ein immenses Fenster und darin den Himmel. Himmel, so weit ich sah.

Und ich begriff: Das ist es, wovon ich immer geträumt habe. Bevor ich den Rest der Unterkunft besichtigt hatte, wusste ich: Da will ich wohnen. Und der Preis, den er nannte, entsprach – o Wunder – der Hälfte dessen, was ich in der Stadt für eine analoge Bleibe hätte hinblättern müssen.

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