Ausgebrannt Herr K. hat ein Burnout

08.05.2021, 10:59 Uhr 6 min Lesezeit
Bild: Meghan Holmes, Unsplash
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Bild: Meghan Holmes, Unsplash

Ich muss dir etwas ganz schreckliches erzählen – Herr K. wird dich heute nicht begrüssen. Ich habe alles versucht, wirklich. Ich habe ihn angefleht, ich habe ihn bekniet, ihm gut zugeredet, nichts hat genützt. Nicht einmal dass ich drohte, ihn zwei Wochen in den Keller zu sperren, machte das Eindruck auf ihn. Je aufdringlicher ich wurde, desto zurückhaltender wurde er. Da war nichts zu machen – überhaupt nichts, nada. Niente, rien du tout. Herr K. hat ein Burnout.

Ist ja eigentlich nicht erstaunlich. Wenn man einen Charakter hat wie Herr K., führt das früher oder später zu Konflikten. Konflikte mit der Umwelt, die kann man lösen. Man kann lernen, die Krallen nicht prophylaktisch auszufahren, wenn dir jemand zu nahe kommt. Aber wenn du Konflikte mit dir selber kriegst, ja, das kann schon mal in heilloser Überforderung enden. Völlig erschöpft vom Zweikampf mit sich selbst hat sich unser Herr K. eingeigelt und bleibt resistent gegen Hilfe von aussen.

Nimmt mich Wunder, wie er da wieder rauskommt. Ich ergreife die Gelegenheit und erzähl dir eine Episode aus seinem Leben. Es kommt mir gleich gelegen, dass Herr K sich zwei Monate in ein Kloster zurückgezogen hat – gerade er, der mit der Religion schon als Kind auf Kriegsfuss gestanden hat.

Kloster im Tessin (Bild: Katja Zuniga)

Qui prídie quam pateretur…

An einem Sonntag, da war er acht Jahre alt, sass K. mit seinen drei Schwestern auf einer Kirchenbank. Vater Arno war nicht mit von der Partie – irgendein Notfall mit einem brennenden Dornbusch – und seine Mutter Rosemarie hatte solche Migräne, dass sie zuhause im abgedunkelten Schlafzimmer ausgestreckt auf dem Bett lag. Der benachbarte Bauer zerstörte mit seinem ratternden Traktor die sonntägliche Stille, so dass R. Musik hören musste, um die störenden Geräusche erträglicher zu machen. Sie lauschte den Klängen von Bach. Auf keinen Fall Mozart!  Dessen nervöses Gezitter auf den Geigen hätte sich sonst direkt in ihr Gehirn hineingesägt und die Kopfschmerzen verstärkt. Nur die flackernden Augenlider verrieten ihre Angespanntheit, als sie im wohltemperierten Schlafzimmer in scheinbarer Ruhe dalag.

Die Zwillingsschwestern hatten mit dem Nesthööggli Mareili auf der linken Seite des Kirchenschiffs Platz genommen. Herrn K. schien, als ob der Pfarrer stundenlang lateinische Formeln von sich gäbe, die in gemurmelte Beschwörungen übergingen, sobald er den Kelch in die Höhe hob. Der Sigrist wie immer an der Orgel, die nicht mehr so voll ertönte, seit er sich an der rechten Hand zwei Finger abgehäckselt hatte. Das war der Preis der Automation – all diese Maschinen, die einem die tägliche Arbeit leichter machten, bargen auch Gefahren für Leib und Seele:

die Teflonpfanne, nur leicht beschädigt, machte dem lieben Kanarienvögelchen, das in der Küche im Käfig eben noch so fröhlich gesungen hatte, den Garaus, der Haarfön liess einen mit einem ungewollten Afrolook zurück, da ein Stromschlag die Haare zu Berge stehen liess, nicht zu reden von den unzähligen Liedern, die gesungen werden über verpasste oder eben nicht verpasste Telefongespräche.

Silvia‘s mother said

Der Sigrist griff erneut in die Tasten – Gott hört auch die fehlenden Töne –, und die Kirchgemeinde kniete sich auf die harten Holzbänklein. Mareilis grosser Auftritt lag nicht mehr weit weg. Die Zwillinge hatten sich mit gefalteten Händen und gesenktem Blick in die Reihe der Gläubigen gefädelt und schritten demütig der Kommunion entgegen.

Thekla (Bild: Katja Zuniga)

Mareili legte sich flach auf den Kirchenboden und begann zu robben. Klein und wendig war sie, das musste man ihr lassen, und als die Schwestern in ihre Reihe zurückkehrten, war das Nesthööggli verschwunden. Weggerobbt. Es hatte sich unter fünf Kirchenbänklein durchgequetscht und mitten in der grössten Andacht, als die Kirchgemeinde in sich gegangen war und die beiden älteren Schwestern im Innersten ausser sich waren vor Angst über das Verschwinden des Mareilis, tauchte es jauchzend auf.

„Hier bin ich!“, winkte M. triumphierend ihren älteren Schwestern zu, die am liebsten verschämt in den Boden versunken wär. Die Betenden beteten etwas konzentrierter, ihre tadelnden Blicke drückten nicht nur christliche Nächstenliebe aus.

Fortan blieb Mareili zu Hause, wenn ihre Mutter die Sonntagsmigräne kriegte. Und Herr K. erfuhr schon in jungen Jahren, dass Kirchen nur für Menschen gemacht waren, die nicht fröhlich winken und keinen Unsinn im Kopf haben.

Die Zwillingsschwestern brachten es ja noch weit mit der Religion, vor allem Thekla, die den Ruf das Klosters vernahm, als sie noch in der Ausbildung war. Auch die Susanne war nicht allzu fröhlich veranlagt. Die ganze Lebendigkeit und Unbekümmertheit hatten sie dem Nesthööggli überlassen.

Und Herr K.? Nicht einmal zum Ministranten taugte er, obwohl er sich anfänglich noch die grösste Mühe gab. Er fühlte sich in der Kirche verlassen und beneidete diejenigen, die in Gottes Wort Trost fanden. Das blieb ihm verwehrt.

La vie en rose

Lange begriff er nicht, was für florale Notfälle einen Kundengärtner wie sein Vater einer war vom Kirchenbesuch abhalten konnten. Erst als er ihn Jahre später in einer peinlichen Situation mit der besten  Freundin seiner Mutter ertappte, befiel ihn eine dumpfe Ahnung, warum Mutters Augenlider stets flackerten, wenn sie unbeweglich dalag.

Floraler Fall (Bild: Katja Zuniga)

„Mein Junge, da ist uns die Gartenschere ins Gebüsch gefallen. Das sieht jetzt nach etwas anderem aus, ich weiss. Aber da ist nichts!“, redete sich sein Vater die Zunge fusselig, als sein Sprössling im dümmsten Moment hinter dem Haus von Arnold aufkreuzte . „Du hast mir gesagt, dein Sohn sei nicht zu Hause“, zischelte er der knallroten Bettina zu, die sich verlegen den Jupe glatt strich. „Arnold ist zu dir geradelt! Ihr müsst euch verpasst haben!“, hüstelte diese. „Dein Vater zeigt mir, wie man Rosenbüsche schneidet.“ „Aha!“, meinte K verwirrt. „Ich wollte A abholen und dachte, er sei hier. Ich bin dann mal weg.“

Erst auf dem Weg nach Hause kam ihm in den Sinn, dass der Rosengarten ja vor dem Haus stand. Nicht dort, wo er die beiden überraschte, als er durch die Hintertür ins Haus schlüpfen wollte.

Wenn du denkst du denkst dann denkst du nur du denkst

Ja, so war der Herr K. schon von klein auf. Schwer von Begriff. Bis jeder Gedanke an der richtigen Stelle in seinem Hirn Platz genommen hatte, war er schon erwachsen. Und jetzt fängt das Denken erst recht an. So sehr, dass er fast nicht mehr nachkommt und ebenfalls eine Liebe zu Bach entwickelt, wo alles so schön geordnet und taktvoll daherkommt.

Jetzt darfst du aber „schwer von Begriff“ und „begriffsstutzig“ auf keinen Fall gleichsetzen. Herr K. ist nicht dumm, kein begriffsstutziger Trottel, der nie über einen Witz lacht, den er nicht selber erzählen könnte. Nein, oft liegt das Missverständnis beim Gegenüber, das nicht die richtigen Begriffe verwendet und Herrn K. oft zwingt, sehr lange darüber nachdenken zu müssen, bis er begreifen kann, was wirklich gemeint ist.

Er ist ein genauer Denker.

Nur eines kann man von ihm nicht sagen: dass er leichtgläubig ist.

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