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«Von diesem Zimmer zum Motel, zu einer grossen autonomen Kugel der Reaktionen, wo wenig bis nichts kontrolliert werden kann.» (Bild: zvg. Pablo Haller)

Pablo Haller Grundlos

3 min Lesezeit 21.08.2016, 09:55 Uhr

Die Geschehnisse in Europa und Verbrechen in Amerika lassen sich verschieden betrachten. Hier mit kritischem Blick auf die Gesellschaft, und erzählt aus einem Motelzimmer im mexikanischen Juárez.

Quem um dia irá dizer
Que existe razão
Nas coisas feitas pelo coração?
Legião Urbana – Eduardo e Mônica
 
Sonne kommt & geht, prallt auf leere Industrieareale, leert sich in kühle Häuserschluchten, saugt die Feuchtigkeit aus geschäftigen Körpern. Manuel bindet sich die Krawatte & verlässt den Raum. Das Motel liegt gute vierzig Minuten ausserhalb der Stadt. Kiki massiert sich die Brüste & seufzt. Ein Film aus Melancholie überzieht das Bild. Manuel kommt & geht. Andere kommen & gehen.

Frankfurt brennt in den Nachrichten. Bürgerkrieg in Deutschland. In den Favelas nimmt die Gewalt ab, seit die Polizei die Gebiete sich selber – und damit den Drogengangs überlassen hat. Pax Mafiosa. Obschon der Terminus «organisiertes Verbrechen» lächerlich scheint, für ein Land in dem keiner irgendwas so durchzieht wie er es vorhatte. Europa? Brennt im Chaos. Die Leichen werden von Beamten beschlagnahmt. «Es gibt keine Toten, es ist eine Lüge, dass Krieg herrscht», beschwichtigt der Präsident. Seine Hände zittern. Kriegte wohl seinen 10-Uhr-Drink noch nicht.

Kiki seufzt & massiert sich die Brüste. Stets dieselben Nasen in anderer Konstellation. Stets dieselben Phrasen. Das Empire bäumt sich nochmal auf in seiner ganzen verlogenen Idiotie. Die Welt zieht sich zusammen, wie eine süchtige Zelle, Menschen, Häuser, Landschaften fallen vom Rand ab. Nur dieses Motel, nur dieser Raum. Das ist jetzt die Welt.

Kiki wischt sich mit einem Tuch ab. Ist das das Leben, wie sie es sich als Mädchen vorgestellt hatte? Die einzige Möglichkeit zu überleben, wenn alles egal wird. Gleichgültigkeit als Weg in die Freiheit. Das Übel egal, die Angst egal. Die Angst als Grat zwischen Überleben und Leben. Fällt sie weg hört das eine auf & das andere beginnt. Der Tod ist bloss ein friendly reminder.

Texas gehörte 14 Jahre zu Mexiko, bis 1835 mit dem Gefecht von Gonzales der Unabhängigkeitskrieg losgetreten wurde. Später schloss es sich freiwillig den USA an. Bis heute glauben die Texaner, sie könnten jederzeit wieder austreten. «Ich kann jederzeit damit aufhören», sagte Manuel. «Ich tue das bloss aus Vergnügen. Ich bin hier weil ich hier sein will.» Idiota Manuel.

Die Reiter ertrinken in der Landschaft. Die Welt dehnt sich aus. Wie eine Zelle, die sich entspannt. Von diesem Zimmer zum Motel, zu einer grossen autonomen Kugel der Reaktionen, wo wenig bis nichts kontrolliert werden kann. Kiki greift in die Nachttischschublade & streichelt ihre TM9. Nimmt sie raus & fährt mit dem kühlen Lauf über ihre Haut. Es kitzelt leicht.

Juárez ist ruhig geworden. Sonne prallt auf Autofriedhöfe, die staubige Sierra, die vertrockneten Leichen, die man noch nicht gefunden hat. Die USA interessierten Kiki nie. Sie möchte weg von Juárez, raus in die Campos. Sie strampelt. Aber unter dem Wasser befindet kein Grund & darüber kein Himmel. Jede Umarmung bleibt eine Illusion. Ertrinken ist nur qualvoll, wenn man dagegen ankämpft. Die Angst als Grat zwischen Überleben und Leben. Drei bis fünf Minuten. Wärme zerfällt. Existenz ist nackt & menschenleer. «Und nun zum Wetter». Morgen leicht bewölkt bei 37 Grad. Ein Rumpeln. Vielleicht Manuel.

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