Die deutsche Sprache kann verwirrend sein
Gebe Frau Kuss

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Beim Deutschunterricht (Bild: Frank Gaertner - www.facebook.co)

Die deutsche Gross- und Kleinschreibung ist nur eine der Prüfungen, die auf die Einwanderer, Migrantinnen und Schutzsuchenden bei uns wartet. Dennoch widmen ihr mitten in Luzern an fünf bis sieben Wochentagen dutzende Leute aus Somalia, Eritrea, Syrien oder Afghanistan höchste Aufmerksamkeit.

Nachdem sie monatelang lebensgefährliche Wege überwunden und vor geschlossenen Grenzen gestanden haben, bestohlen, eingesperrt oder fortgejagt wurden, teilt die Schweiz sie einer Unterkunft zu, bewilligt ein Taschengeld fürs Überleben plus Mietkosten und Grundversicherung und schickt sie für sechs Wochen in einen Deutschkurs. Im Pavillon am Kauffmannweg trinken sie dann viel süssen Tee und schwarzen Kaffee und üben mit Unterstützung von Freiwilligen die neue Sprache mit ihren abertausend Regeln und ihren Ausnahmen von diesen Regeln, sowie die neue Schreibweise.

Nicht alle lernten einst Schreiben und Lesen oder bekamen die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Und nicht alle sind sich gewöhnt, von links nach rechts zu schreiben. Für sie fängt die Zeile rechts an, und nach einem Punkt geht es mit Kleinbuchstaben weiter. Andere sind in bewährten Berufen aktiv gewesen und fangen wieder bei Null an.

Die vier Banditen treiben ihr Unwesen

So unfassbar wie die deutsche Gross- und Kleinschreibung sind anfänglich die vier Banditen, die in dieser Sprache herumlauern, einem ständig Steine in den Weg legen und Leben und Reden erschweren. Ich meine die vier Fälle. Ich meine «werwessenwemwen», die sogar die Kühnheit besitzen, aus einer Frau einen Mann zu machen. Auf die Frage: Wem gibst du einen Kuss?, heisst die Antwort hierzulande: Der Frau. Da stutzen die Migranten und Migrantinnen.

Warum jetzt auf einmal Der Frau? Weiss diese Freiwillige nicht Bescheid? Ja, die wahre Drachensaat der deutschen Sprache sind neben den vier Fällen auch die drei Artikel. Andere Sprachen, so lerne ich, beflaggen sich nicht damit. Sie sind zufrieden mit: Ich gebe Frau Kuss. Oder häufig schlicht: Gebe Frau Kuss. Man kann sie lernen, diese Artikel, sie haben Regeln und sind einigermassen logisch. Aber wozu denn?

Kaum treten die vier Banditen, die Fälle namens werwessenwemwen, hinzu, attackieren sie sofort die drei Artikel, krempeln sie um, machen unkenntlich, was bis dahin noch einigermassen durchschaubar war. Du fragst: «Wen oder was küsst du?» Jetzt soll die Antwort auf keinen Fall mehr lauten: der Frau. Eine Todsünde wäre es, einfach nur zu antworten: Frau. Ohne Artikel! Wo kämen wir da hin?! In andern Sprachen wie dem Persischen käme man damit jedoch gut voran. Wer persisch spricht, braucht kein derdiedas. Ausserdem bedient man sich nur eines einzigen Falls, des vierten. Es wird ans Subjekt einfach die Silbe ra angehängt, in unserem Fall: Fraura, und schon ist klar: Aha! Akkusativ. Die persische Antwort auf die Frage: Wen küsst du?, würde demnach lauten: Fraura. Und damit hat es sich, keine weiteren Fälle im Persischen.

Sprachen mit nur einem Pronomen?

Hier die gute Botschaft für jene Leserinnen und Leser, die etwas sprechfaul sind: Gewisse Sprachen sind auch bei den Pronomen sparsam. Sie kommen problemlos mit einem einzigen aus. Das persische Fürwort (um beim Persischen zu bleiben) besteht anstelle des deutschen «mirdirihmunseuchihnen» allein aus der Silbe: es. Weshalb ein Kind mit etwas träger Zunge in Teheran die Frage nach dem Kuss einfach mit: esra beantworten kann. es für ihr. Und ra für den Akkusativ.

Fragt aber die strenge Mutter eines Tages: Wo warst du so lange?, antwortet die Tochter: Mit es spazieren. Was unter Umständen zu ein paar weiteren Fragen führt.

Auf die Sprachschule der ersten sechs Wochen in der Schweiz folgen Monate und Jahre des Wartens. Bekommt die Frau aus Somalia oder der Mann aus Sri Lanka schliesslich von Bern den B-Ausweis, der ihnen erlaubt, sich bei uns aufzuhalten, ihnen gestattet, eine Ausbildung zu machen, einen Beruf auszuüben, einen Reisepass zu besitzen und die Familie nachreisen zu lassen, gehen plötzlich viele Türen auf, beginnt ein anderes Leben. Und weitere Deutschkurse werden möglich.

Die Sprache auf der Strasse ist anders als die in der Schule

Doch um gut sprechen und verstehen zu können, hilft es noch nicht genug. Denn wo können die Menschen mit fremden Sprachen ihr gelerntes Deutsch üben? Weder im Aldi noch in der Migros, noch im Bus oder auf der Strasse. Um sie herum wuchert ein Idiom von Wörtern wie waswotsch, gimmeraueis, lamidure. Es ist hübsch und heimelig, sein Klang und Singsang hört sich sympathisch an, nur hat es für tibetische, syrische, eritreische oder afghanische Ohren den Nachteil, dass es kaum an die Sprache erinnert, mit der sie sich in der Schule vertraut machen.

Daher bleibt das sprachliche Terrain des Schweizer Alltags für sie lange Zeit kaum bezwingbar. Die Ausgrenzung dauert länger, das Integrieren geht nicht so glatt wie erwünscht. Dies ist umso frustrierender, als die Deutschlektionen rasant fortschreiten und hohe Konzentration fordern. Was jedoch die erlittenen Traumata oft verhindern. Zur ihrer Überwindung findet sich dabei kaum eine Gelegenheit, denn wen kümmert das Heimweh, das jeden Flüchtling wie ein Schatten begleitet? Oder das Fremdgefühl, die Alpträume in der Nacht.

Was ist der Unterschied zwischen Käufer und Koffer?

Wenn wir so im Pavillon an den Tischen über den Hausaufgaben sitzen, kommt manchmal die Geschichte Einzelner zur Sprache. Manchmal wandern Bilder von Gerichten im Pavillon herum, die auf fernen Herden oder kleinen Feuerstellen garen. Bilder von bunten Esstüchern am Boden, auf denen Schüsseln und Töpfe stehen, während sich Junge und Alte, Kinder und Gebrechliche mit gekreuzten Beinen darum versammeln, eine Familie, die sich gemeinsam ans Essen macht. Fotos von Brüdern und Schwestern gehen von Hand zu Hand, ergreifende Bilder von zurückgelassenen Ehefrauen und Kindern. Kommentiert durch Geschichten in gebrochenem Deutsch. Coiffeur übrigens, glauben manche zu verstehen, sei ein Käufer. Und was, bitte sehr, ist der Unterschied zwischen Käufer und Koffer?

Regelmässige Gefängnisaufenthalte sind normal

Dauern die Schulstunden täglich auch bloss zwei bis drei Stunden, haben die zumeist jungen Flüchtlinge in der restlichen Zeit noch viel zu tun, um alles zu vertiefen, was sie gelernt haben. Was aber, wenn sie eines fernen Tages oder schon morgen abgewiesen werden? Die einen verschwinden, man hört nie wieder von ihnen. Die andern besuchen uns weiter, unterstehen dem Nothilferegime und beziehen von dort zehn Franken pro Tag, lernen tapfer und geben die Hoffnung nicht auf, eines Tages den begehrten Pass zu besitzen. Daneben wartet, ausser der Gross- und Kleinschreibung, den drei Artikeln und den vier Fällen, noch eine Prüfung auf diese Menschen: das Gefängnis. Sie wandern wegen unerlaubten Grenzübertritts, fehlender Papiere und weil sie die Busse für diese Delikte nicht aufbringen können, regelmässig dahin.

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