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Freikörperkultur oder Feigenblatt?
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Wie man sich präsentiert, so ist man Freikörperkultur oder Feigenblatt?

5 min Lesezeit 4 Kommentare 18.05.2019, 10:46 Uhr

Unser Literatur-Blogger rätselt darüber, was beim Sonnenbad schlimmer ist: die Nacktheit oder der Bikiniabdruck. Die bedeutenden Fragen, die sich dahinter verbergen, bleiben für Adrian Hürlimann aber offen.

Anlässlich seiner Rede zur Einführung des Stadtbeobachters, eines Stipendiums für Schriftsteller, und eines damit verbundenen Aufenthalts in der Stadt Zug, meinte der Präsident des Begleitkomitees, nur die unbedeutenden Dinge im Leben seien wichtig, es verhalte sich genau umgekehrt zur gängigen Ansicht, nur Grosses, Bedeutendes müsse ernst genommen werden.

Er berief sich dabei auf Robert Walser, den eben das Suchen und Feiern alltäglicher Dinge und Freuden, der Diminutiv, zum wichtigsten Schweizer Autor des Zwanzigsten Jahrhunderts gemacht habe.

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Fotoaktive Hautreaktionen

Dem kann ich nur zustimmen, dachte ich. Es erscheint mir heute noch einleuchtend, dass die entscheidenden Erlebnisse im Detail, in der Nuance stattfinden und Nebensächlichkeiten im Lauf der Erfahrung bedeutsam und wichtig werden. So habe ich zum Beispiel immer wieder die Frage vor mir postuliert und erläutert, ob ein gleichmässig gebräunter Körper schöner sei als einer, auf dem die Schattenwürfe der Badetextilien quasi fotografisch abgebildet sind und überdeutliche Spuren in Form weiss gebliebener Haut hinterlassen. Diese Frage wird, so unbedeutend sie für die meisten angeblich sein mag, niemals abschliessend und überzeugend beantwortet werden können.

Es handelt sich dabei ja um die Unsicherheit, ob die Verhüllung des Intimen sinnvoll oder schicklich sei, oder ob gerade der auf deren Entfernung hinweisende, jeder blossen Naivität des Nacktseins abholde Reiz vorzuziehen sei. Der kleine optische Unterschied mag in den ästhetischen Konzepten klassischer Malerei oder antiker Bildhauerei kaum eine Rolle gespielt haben, im Zeitalter der Urlaubsfotografie aber hat er einen eklatanten Bedeutungszuwachs erfahren.

Weniger ist mehr

Der mehr oder weniger praktische, sittlich akzeptierte Kompromiss, mit dem der Zeitgeist die Problemstellen der körperlichen Performance zu überspielen beliebt, nennt sich Bikini. Er überzeugt mich aber nicht. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, strategisch camoufliert ist nicht entschärft. Darüber hinaus gilt er nur für die Hälfte der Menschheit. Die Männer passen in ästhetischen Fragen oder verschanzen sich hinter der Neutralität, der bewährten helvetischen Verteidigungsdoktrin. Hinter der «Militärbadehose» also.

Die Verminderung der textil beschatteten Körperstellen, wie sie die Bikinistrategie anstrebt, betont nämlich deren Wirkung umso stärker, wenn erst einmal die Gesamtansicht gegeben ist. Die erinnerten Umrisse tauchen augenfällig als Abbildung, als weissgebliebene Haut wieder auf, als hätten sie sich dem betrachtenden Auge eingeprägt. Da spielt eine Blickführung, die sich vom unmittelbaren Anblick der als Gesamtpaket dargebotenen nackten Erscheinung gänzlich unterscheidet. Die vormoderne Präsentation nackter Haut in der europäischen Malerei kann in Sachen Wirkung überhaupt nicht mithalten. Ihre Mittel wie Lichtregie, Haltung und Mimik verhalten sich zu fotografischen Bräunungsaufzeichnungen wie die Sonnenuhr zur Verkehrsampel. Es ist also entscheidend und folgenreich, ob man sich knapp bekleidet oder völlig unbekleidet sonnt. Die eingangs gestellte, völlig unbedeutende Frage ist freilich damit immer noch nicht beantwortet oder gar entschieden.

Unverzichtbares Verhüllungsgebot

Solche Fragen, die Verhüllung klitzekleiner, auf den ersten Blick kaum auffallender Körperstellen betreffend, sind allerdings bisweilen von überraschender Tragweite. Da gab und gibt es zum Beispiel, so weit ich zurückdenken kann, das Feigenblatt. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass die figürliche Darstellung von Mann oder Frau bisweilen um eine botanische Exklusivität erweitert worden ist: zwischen den Beinen, wo üblicherweise die Schamhaare anzutreffen sind, hat sich offenbar ein pflanzliches Requisit eingenistet, eben ein nischenfüllendes, grünes Blatt, das gemeinhin dem Feigenbaum zugeordnet werden kann.

Im Zusammenhang mit einer naturnahen Biosphäre, wie sie dem Paradies zweifellos zukommt, mag eine solche pflanzliche Verirrung noch einleuchtend und tolerierbar sein (Adam und Eva). Wenn aber eine ganze Kunstgeschichtsausgabe an dem besagten Utensil festhält, quer durch die Zeitalter, und quasi reflexartig zu einer Art Minibalkon vor der Schamgegend greift, beziehungsweise einen solchen in jede Abbildung einschmuggelt und collagiert, dann merkt der Leser die Absicht und ist verstimmt. Das spriessende Blatt soll offenbar die Funktion eines Balkens über die Augen übernehmen, wobei diesmal nicht die Identität des abgebildeten Menschen, sondern dessen Geschlecht ins Diffuse, Unbestimmbare verlegt werden soll.

Warum tut man so etwas? Geht es um surrealistische Konzepte wie bei Dali oder Max Ernst? Nein, es handelt sich nicht um spielerische Eskapaden der Fantasie, nicht um künstlerische Freiheit. Eher um deren Gegenteil, um Zensur und die Rettung der Zivilisation. In seinem Vorwort zur «Allgemeinen Kunst-Geschichte, I. Halbband, Plastik» von 1890 schreibt der Verfasser aus dem Stift Einsiedeln, Dr. P. Albert Kuhn OSB, dass die «Wiedergabe nackter Kunstwerke» vom Gesetz der Religion und der guten Sitte abhängen würde. Sie sei eben an allerlei Rücksichten gebunden. Da der «kunstliebende Leserkreis» solche «Schwächen unserer Zeit» aber kaum goutiere, gelte es, eine «goldene Mitte» anzustreben. Vulgo: das Feigenblatt. Der Prachtband präsentiert also 508 Stahlstich-Abbildungen mit besagtem phyto-physiologischem Accessoire, die vor allem männliche Plastiken betreffen, kommen doch die weiblichen (Venus von Milo?) sowieso kaum vor.

Kleine Ursachen, grosse Wirkungen

Man sieht, und frau sieht es auch: Wie man sich präsentiert, so ist man. Entweder man/frau setzt sich dem Sonnenlicht vorbehaltlos aus, oder man befürchtet den voyeuristischen Blick des Nachbarn und trifft dosierte Vorsichtsmassnahmen. Die Folgen sind absehbar, einsichtig und nachhaltig. Die oben beleuchtete Petitesse hat zwar nur ästhetische Bedeutung und allenfalls Auswirkungen auf Körpergefühl und Selbstwahrnehmung. Für mich gehört sie aber zu den grossen Welträtseln.

Im zweiten Beispiel allerdings, da geht es um nichts weniger als den Sittenzerfall der Moderne und die religiösen Grundlagen des Abendlandes. Der kleine Unterschied in der Bebilderung humanistischer Pädagogik, so Dr. Kuhn OSB, bewahrt die Menschheit, zumal die unaufgeklärte jugendliche, vor lüsterner Dekadenz, «rücksichtsloser Freiheit» und dem Fegefeuer. Die Folgen des «sinnlichen, verführerischen Reizes», der da um sich greift, wenn das Schlimmste nicht mittels eines kleinen, kaum wahrnehmbaren Kunstgriffs abgewendet wird, wären unabsehbar.

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4 Kommentare
  1. Pascal Bruggisser, 21.05.2019, 15:25 Uhr

    Interessanter Artikel dazu in der Sonntagszeitung vom 19. Mai 2019, S. 33:
    ‘Warum zeigt antike Kunst nackte Menschen?’
    Wieviel zur Schau gestellte Nacktheit braucht bzw. erträgt der Mensch.?
    Ein unvergängliches Thema gestern, heute und vermutlich auch morgen…

  2. Markus Meier, 21.05.2019, 09:21 Uhr

    erfrischender Beitrag über ein Tabuthema, welches so tabuisiert gar nicht mehr ist.
    Vielen Dank für die spassige, kurzweilige Lektüre.

  3. Jörg Willi Dr.med.vet., 18.05.2019, 18:25 Uhr

    Braucht es wirklich ein so langes Palaver, um die bildliche Darstelung der Nackheit zu rechtfertigen? Bezeichnend ist, dass nur das Weibliche in natura dargestellt wird, während David in Stein als Mann posiert! Typisch für die allenthalben geforderte Gleichberechtigung!

  4. Franz Peter Dinter, 18.05.2019, 13:48 Uhr

    Unglaublich, worüber man sich den Kopf zerbrechen u. die Finger wund tippen kann. Und sich dabei auf Robert Walser beruft…….