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Eine besondere Reise
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In Hergiswil, am Napf, lebte der Tanzpartner von Annerösli Amrein. (Bild: zvg)

Interview mit Hindernissen Eine besondere Reise

9 min Lesezeit 2 Kommentare 28.03.2020, 10:49 Uhr

In einem Altersheim in der Innerschweiz, nennen wir es «Sonneziil», wird Annerösli Amrein neunzig Jahre alt. Deshalb hat sich Sonja Zihlmann, Reporterin bei der Seniorenzeitschrift «Schneckenpost», für ein Interview angemeldet.

Sie steht im Gang vor dem Zimmer 86 und klopft. Schwester Waser federt auf ihren Gesundheitsturnschuhen vorbei. «Jää, Grüezi! Wollen Sie zu Frau Amrein? Da müssen Sie laut an die Türe poltern. Warten Sie!» Und schon hämmert die Federnde an die Tür und betritt das Zimmer, laut rufend: «Frau Amrein, Sie haben Besuch!» Sie nickt Sonja herein und entschwindet.

Grüezi Frau Amrein

Sonja nähert sich dem Sessel, in dem eine weisshaarige Frau zu dösen scheint. Aus dem Radio lärmt Ländlermusik. Das Wunschkonzert für die Kranken – Schacherseppeli singt aus dem Jenseits.

«Frau Amrein, darf ich mich vorstellen? Ich heisse Sonja Zihlmann und arbeite für die «Schneckenpost». Ich gratuliere Ihnen zum 90. Geburtstag.»

Die Radiohörerin sitzt versunken in ihrem Sessel. Scheinbar hat sie nichts davon bemerkt, dass jemand in ihrem Zimmer ist, so vertieft ist sie in das Gejodel.

Auf dem Bett liegt eine wollene Patchworkdecke, offensichtlich selbstgestrickt, daneben ein Spitalnachttischlein mit Fernbedienung und Medikamenten. An der Wand gegenüber hängt ein Flachbildschirm. Ein weisser Einbauschrank zieht sich der ganzen Front entlang. Der Sessel ist so im Raum positioniert, dass Frau Amrein nicht immer im Bett liegen muss, wenn sie fernsieht. Auf einem Kommödchen steht ein altes Transistorradio. Aus dem gleichen Holz wie das Kommödchen sind der kleine Tisch und die beiden Stühle geschreinert. Ein Kreuz befindet sich neben dem Fernsehapparat, zwei alte gerahmte Bilder, eines davon zeigt ein religiöses Idyll mit spielenden Kindern und frommen Schafen, das andere einen prächtigen Bauernhof, offensichtlich das Elternhaus von Annerösli.

Sonja legt eine Hand auf Frau Amreins Arm. «Grüezi Frau Amrein! Eine schöne Musik hören Sie da! Darf ich Sie kurz stören? Ich heisse Sonja Zihlmann und arbeite für die «Schneckenpost», eine Zeitschrift für Menschen ab sechzig. Für die Rubrik: «Reisen früher und heute» interviewen wir Menschen in jedem Lebensabschnitt. Sie wurden stellvertretend für die Generation 90 ausgewählt und ich möchte gern ein Porträt über Sie machen. Der Titel lautet: «Eine besondere Reise».»

Frau Amrein, rundlich, mit kurzer schneeweisser Strubbelfrisur, öffnet die Augen und schaut Sonja mit tadelndem Blick an. «Pscht! Mein Lieblingslied!» Ruedi Rymann hat bereits sein «Himmelsgwändli aagleit» und jodelt dem Annerösli zu. Als die letzten Töne verklungen sind, schaltet Frau Amrein das Radio aus und wendet sich ihrem Besuch zu.

Grüezi Frau Zihlmann

«Grüess Gott! Das ist aber schön, dass Sie mich besuchen! Sie sind ein Bote vom Himmel. Do hani aber schüüli Fröid!»

Sonja wehrt bescheiden ab. «Nein, nein, ich bin kein Bote. Ich arbeite für eine Zeitschrift. Ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen.»

«Oh, so wichtig! Eine Zeitschrift! Potz tuusig, eine feine Sache. Da haben Sie aber eine wichtige Arbeit. Da sollten Sie etwas schreiben!»

«Ja, deswegen bin ich hier. Ich will eine Geschichte von Ihnen aufschreiben.»

«Von mir? «Do get’s nüüt z’brichte!» Ich bin nicht des Schreibens wert.»

«Doch, das ist doch interessant, wenn eine alte Person aus ihrer Vergangenheit erzählt.»

«Jawoll, das meine ich auch. Das ist uninteressant!»

Sonja spricht sofort etwas lauter und artikuliert deutlicher: «Eben ist es interessant! Es ist sogar sehr interessant. Heutzutage weiss man gar nicht, wie es früher war.»

Das modärne Züügs

«Die Jonge tüent halt nömme zuelose! Die wissen ja alles! Die haben ein Kästlein und dann sind sie mit der ganzen Welt verbunden! «Das esch nüt för mech, das modärne Züügs!»

«Das kann sehr nützlich sein, wenn man ein Handy hat. Und Internet. Aber Sie haben schon recht. Es gibt nichts Besseres als persönliche Gespräche. Haben Sie Zeit für mich?», wiederholt Sonja ihre Frage.

«Ech muess niened äne! Es ged ersch am halbi Säxi z’Nacht. Fragen Sie nur. Sie können auf den Bettrand sitzen. Nehmen Sie doch die Decke auf den Schoss, die hab ich selber glismet. Aber sprechen Sie deutlich, ich hör so schlecht. Und ein Hörgerät will ich nicht. Das modärne Züügs!»

Sonja Zihlmann setzt sich und zieht ein Smartphone aus der Tasche und stellt die Aufnahmefunktion ein. «Sie haben nichts dagegen, wenn ich Sie aufnehme?»

Gärtnerkatze

«Lieber need! Ech be gar ned gschträäled!», greift sich Annerösli Amrein in die Haare.

«Nein, nein, das gibt kein Foto! Man hört nur Ihre Stimme. Dann kann ich zu Hause in Ruhe aufschreiben, was Sie alles erzählt haben», meint Sonja.

«Jäsoo! De chöit er sälber ou nömme rechtig zuelose!», witzelt Frau Amrein mit einem Blick auf das Handy. «Wenn es das schon früher gegeben hätte, wären wir nicht so lange in der Schule rumgesessen!»

Leicht irritiert ob der Schlagfertigkeit der Neunzigjährigen beginnt Sonja Zihlmann mit dem Interview: «Frau Amrein, erzählen Sie uns doch bitte von einer Reise, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist!»

«Eine – was?»

«Eine Reise!», betont Sonja die zwei Wörter Silbe für Silbe.

«Das habe ich schon verstanden!», entrüstet sich Frau Amrein. «Ich bin nur etwas schwerhörig. Nicht etwa taubstumm!» Dann denkt sie nach. Und denkt nach. «Ich bin noch nie gereist!», meint sie schliesslich.

«Das kann ich nicht glauben! Jeder Mensch ist schon mal gereist. Mindestens einmal.» Sonja Zihlmann ist sichtlich aus ihrem Konzept geworfen. Aller Anfang ist schwer, denkt sie. «Auch Sie haben bestimmt eine Reise gemacht, von der Sie etwas zu berichten haben. Vielleicht die Hochzeitsreise mit ihrem Mann?»

«Ich war nie verheiratet. Ich hatte zwar mal einen Verlobten. Aber zur Hochzeit ist es nie gekommen!», entgegnet Frau Amrein kurz angebunden.

Quo vadis, Frau Amrein?

«Aber eine Seniorenreise haben Sie vielleicht unternommen. Mit dem Car in den Schwarzwald?», versucht Sonja die Erinnerung der Befragten zu wecken. «Eine Flussfahrt den Rhein hinab nach Rotterdam? Auf einem Kreuzfahrtschiff übers Mittelmeer? Heute gibt es ja so viele Angebote!»

«Ich kann nicht schwimmen. Ich könnte nicht einmal auf einem Raddampfer auf dem Vierwaldstättersee reisen ohne Angst vor dem Ertrinken. B’hüetis nei!!! Nein, nein, Wasser hat uns der liebe Gott nicht gegeben, damit wir darin schwimmen. Wasser ist zum Trinken da! Oder zum Putzen und zum Waschen!»

«Hmmm.» Sonja Zihlmann ist einen Moment lang ratlos. Dann erhellt sich ihr nachdenkliches Gesicht.

«Aber als Kind haben Sie sicher mal einen Ausflug gemacht. Eine Schulreise.» «Als ich zur Schule ging, konnte man nicht reisen. Da war Krieg. Da mussten wir nach der Schule arbeiten.»

Sonja Zihlmann zählt erneut die Quadrate der Patchworkdecke. Wenn doch nur der Anfang vom Interview vorbei wäre und es leichter würde, denkt sie und nimmt einen neuen Anlauf, das Gespräch zu beleben. «Frau Amrein, Sie sind im Büel zur Welt gekommen und aufgewachsen. Da sind Sie doch bestimmt auch mal weg gewesen.»

«Zur Welt gekommen bin ich im Büel, ja. Meine Eltern hatten den Hof gepachtet, vom Ueli Waser. En chnorrige Cheib esch de Waser gsi, brutale Tobel. Der kam immer im Mai und im Oktober auf den Hof. Denn hed är gsirachet wie blööd.»

«Gsirached? Was ist das?»

«Jo, dänk s’Sou usegloo. En Tschutt is Födle, das hät ech em am liebschte gää. Der kam immer zu mir in den Stall, wenn ich am hirten war und liess mich nicht mehr raus. Einmal hat er mir sogar …»

«Frau Amrein», unterbricht Sonja.

«Diese Geschichte müssen Sie mir unbedingt ein anderes Mal erzählen. Jetzt geht es nur ums Reisen in dieser Ausgabe. Können Sie sich denn gar nicht an eine Reise erinnern? Waren Sie immer nur im Büel?»

«Ja, ich war in der Schule oder auf dem Feld. Die Schule lag nicht so weit weg, früher war im Postgebäude eine Schulstube für uns eingerichtet. Erste bis sechste Klasse. Über zwanzig Kinder waren wir im Ganzen. Mängisch heds enere Klass niemert gha. De hesch öppe keis Gschpöndli gha. Ond erscht de Leerer! Dä hed de schon o för Rue ond Ornig gsorgt!»

«Und, sind Sie mit der Klasse auf ein Reisli gegangen?»

«Nein, dazu hatten wir kein Geld. Aber einmal, da musste ich ins Städtli zum Zahnarzt. Da war ich schon nicht mehr in der Schule.»

«Dann erzählen Sie mir, wie es für Sie war, ins Städtli zu fahren!»

«Will ich nicht. War ja nichts Besonderes. Das ist keine besondere Erinnerung. Ech be nie me zom Zaanarzt gange. Sone grobe Tokter. Und die Spritze, die er hatte, hätte für ein Ross gereicht.»

«Ja, haben Sie denn gar keine besondere Erinnerung?»

Frau Amrein überlegt lange und dann geht ein Lächeln über ihr Gesicht.

En löpfige Tanz

«Doch, einmal, da bin ich in Luthern Bad gewesen. Mit dem Schorsch aus Hergiswil.»

«Das ist interessant. Hat dieser Schorsch am See gewohnt?»

«See? In Hergiswil gibts keinen See. Der hat am Napf gewohnt – in der Hundskellen. Da hatte es nur Naturstrassen. Kurz nach Hergiswil hörte der Asphalt auf. Das blieb lange so. Der Schorsch wohnte noch sechs Kilometer weiter gegen den Berg. Do hesch müesse tschomple oder wenn man Glück hatte, durfte man auf einem Holzkarren mitreiten, der zur Sagi fuhr. Von da aus war es noch eine halbe Stunde zu Fuss. Mit dem Schorsch habe ich mich getroffen zum Tanz.»

«In Luthern Bad?»

«Sicher nicht! Herrgott no einisch! In Luthern Bad tanzt man nicht. Da badet man. Und betet. Ich war da in einer Jugendgruppe – «Napfmeitli» hiess die. Und wir machten von der Pfarrei her einen Ausflug. Ich war da eigentlich kein Mädchen mehr. Damals hatte ich schon zwei Jahre lang gemagdet. Und der Georg, der hat in der Hundskellen geknechtet.»

Blumenwiewse

Sonja Zihlmann hört erfreut zu. Sie hat es ja gewusst. Jeder Mensch hat schon mal eine Reise gemacht. Und wer eine Reise tut, der kann auch was erzählen. So sagt man.

«Ich war Helferin beim Pfarrer Pfyffer und durfte die «Napfmeitli» nach Luthern Bad begleiten, um für das Ende des Kriegs zu beten. Das war 1944. Wir mussten dann bis im Mai 1945 beten, aber dann hat es genützt und der Krieg war zu Ende. Und in Willisau wurde getanzt. Da ging ich dann mit dem Georg hin, den ich in Luthern Bad kennen gelernt hatte.»

«Also haben Sie doch eine besondere Erinnerung an eine Reise!»

«Eigentlich nicht. Es ist mir nur Ihnen zuliebe eingefallen.»

Es poltert an die Tür, die sich sogleich öffnet und Schwester Waser federt mit einem Tablett herein. «Soodeli, Frau Amrein. Heute gibt es Kafi complet. Mit einer extra Portion Käse.»

Dann wendet sie sich an Sonja Zihlmann. «Sind Sie schon fertig mit dem Interview? Also, wenn Sie dann einmal einen Bericht machen in der Zeitschrift über unsere schöne Natur und die Heilkräuter, da wäre ich dann die richtige Person zum Befragen.»

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2 Kommentare
  1. Monika Spiegel-Schärli, 01.04.2020, 22:16 Uhr

    der Artikel über Annerösli Amrein hat mich sehr angesprochen, ging mir sehr nah, obwohl ich später geboren wurde. Die Reportage hat mich sehr erinnert an Geschichten von meiner Mutter (Jahrgang 1934), die auch im Luzerner Hinterland aufgewachsen ist. Sehr gerne möchte ich die Seniorenzeitschrift Schneckenpost für sie abonnieren (sie ist in einem Pflegeheim), doch leider habe ich nirgendwo im Internet was gefunden. Können Sie mir weiterhelfen?
    Vielen Dank für Ihr Engagement und freundliche Grüsse
    Monika Spiegel-Schärli

    1. Redaktion Christian Hug, 02.04.2020, 07:51 Uhr

      Liebe Monika Spiegel, die Seniorenzeitschrift Schneckenpost wurde in diesem Beitrag als fiktives Beispiel verwendet. Mögliche Alternativen sind beispielsweise die Zeitlupe oder das 50plus Magazin.

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