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Dunkel wie in einer Kuh
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«Kein Strassenlicht nachts, kein Fahrzeug, kaum ein Geräusch, kein Schimmern aus einem Fenster.» (Bild: mir)

Max Huwyler Dunkel wie in einer Kuh

2 min Lesezeit 15.01.2017, 08:46 Uhr

Unser Blogger schweift in eine Zeit der Dunkelheit. Um die Schweiz herum war Krieg. Und das Land machte sich auf staatliche Anweisung unsichtbar.

Tunkel wie inere Chue inne. Die metaphorische Äusserung bindet sich an eine Männerstimme. Ich hatte das von der Kuh und der Dunkelheit wohl zum ersten Mal gehört damals. Es war eine kleine Episode, ein Sekundenerlebnis, das sich in Zug zutrug in der Zeughausgasse. Bei Nacht, erst Abend zwar, aber Nacht. Um die Schweiz herum war Krieg. Es war dunkel draussen, wie man sich dunkler nicht vorstellen kann. Die ganze Stadt, die ganze Schweiz war schwarzdunkel verdunkelt. Wenn es bewölkt war, am Himmel kein Mond, keine Sterne Licht machten, war es draussen einfach lichtlos schwarz.

Unsichtbares Land

Das Land machte sich auf staatliche Weisung unsichtbar, damit die fremden Flieger keine Orientierung hatten. Auch bei Tag nahm man dem Ortsfremden die Orientierung: Die Wegweiser waren abgeschraubt, lagerten in Depots. Die Ortsnamen auf den gestapelten Pfeiltafeln machten keinen Sinn. Kein Strassenlicht nachts, kein Fahrzeug, kaum ein Geräusch, kein Licht, kein Schimmern aus einem Fenster. Abends die Fensterläden schliessen, innen die schwarzen Verdunkelungsvorhänge vorhängen. Man hatte das Gefühl, man müsste leise reden in den Stuben. Wer nachts unterwegs war, kannte den Weg, wusste Distanzen abzuschätzen, kannte die Abbiegungen, merkte sich die Art des ansteigenden oder fallenden Gefälles, achtete tags auf Merkpunkte, die er nachts allenfalls ertasten konnte. Einer erzählte, er hätte sich mit Stimme und Echo beholfen. Ich meine, er sei dann Sänger geworden.

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Über mir eine Männerstimme

Als ich nach der Handorgelstunde bei Herrn Scheidegger in der «Münz» aus dem schwach beleuchteten Hausgang trat, kam ich ins Schwarze. Mutters Rat: «Pass auf. Beim Gehen musst du ans Gehen denken, nur ans Gehen.» Ich querte die Strasse, ertastete mit den Füssen den Trottoirrand, ging die Zeughausgasse hinauf, hielt mich nahe an die Häuser. Das tat wohl auch der Mann, der mir – ungesehen, unbemerkt – entgegenkam, auf den ich auflief: ein Bauch, ein kleines Erschrecken, über mir eine Männerstimme: «Tunkel wie inere Chue inne.» Wir fanden aneinander vorbei, fanden die ertastbare Häuserfront. Er ging seines Weges. Ich ging meines Weges. Die Handorgel hing schwer an der Schulter. Ich hatte einen Satz mitbekommen von einem fremden Mann mit Bauch und einer schönen Stimme. Mutter war froh, dass ich wieder da war. «Wie war’s?», fragte sie. «Tunkel wie inere Chue inne.»

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