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Mit der Sonne durchs Leben
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Auch an Australiens Stränden lebt sich’s mitunter angenehm. (Bild: Bild Katja Zuniga-Togni)

Die Dosis macht die Droge Mit der Sonne durchs Leben

4 min Lesezeit 09.05.2020, 10:59 Uhr

Ob deutsch, ob welsch, c’est bien égal. Le soleil scheint überall – so blödelten wir in Primarschulzeiten, als es noch kein Frühfranzösisch gab. Was damals als selbstverständlich galt, ist es noch heute. Die Welt erscheint besonnt und belichtet oder dann herrscht Nacht. Dass es abwechselnd Tag gibt und Nacht, daran hatte ich mich schnell gewöhnt, ohne diese Lebensbedingungen bewusst wahrzunehmen.

Ich trat mein Erdendasein als Urmensch an, der sich die Welt als Ebene denkt, bald einmal als Scheibe, über der ein gleissendes Gestirn sich erhebt, wie ein Scheinwerfer zum Zenit aufsteigt und in einem unendlich langen Bogen über uns hinwegschwebt, um hinter den fernen Hügelzügen zu verschwinden.

Gestirne, die kommen und gehen

«Vielleicht, dass uns etwas aufginge, einmal, per Zufall, für immer», so lautet die Inschrift von Klaus Merz, angebracht in der reformierten Kirche der Stadt Zug. Unweit von dieser bin ich aufgewachsen, mit Blick vom Balkon über den Kirchturm hinweg ins Alpenpanorama.

Da geht etwas auf oder unter, da bietet sich ein Panorama, da wärmt etwas, da herrscht Licht und Schatten. Das alles prägte mich und formte mein Dasein als Individuum in der Welt. Die Theologie nennt es Persona, das Durchscheinende: Gemeint ist die Kraft Gottes, die jeden und jede von uns belebt und durchlebt.

Was damit gemeint ist, erfährt jedes Individuum für sich. Es erfährt sich und nimmt sich im Licht überhaupt erst als Einheit wahr, als ein Partikel im ganzen Geschehen. Zeit und Raum werden auf einmal konkret. Was der Dichter in Worte, in diesen aphoristischen Satz fasst, ist seine und meine Erfahrung als Mensch.

Ich brauche nicht den Gedanken an einen Gott zu bemühen, der all dieses Unerklärbare erklären und, menschlicher nachempfunden, alle Fragen zum Verstummen bringen kann. Ich habe den Verdacht, dass Klaus Merz nicht unbedingt Gott gemeint hat wie seine Auftraggeber.

Vielleicht genügt es ihm völlig wie mir, das helle Gestirn zu sehen und zu spüren, das da die Eigenschaft hat, auf- und unterzugehen. Das mein Leben und das meiner Mitmenschen verursacht hat und meine Existenz bestimmt, Körper und Geist umfassend.

Der Teil und das Ganze

Mit der Zeit und mit dem Älterwerden habe ich ein persönliches Verhältnis zur Sonne gewonnen. Als Kind setzte ich mich ihr aus, bis der Brand meine Haut rötete. Dies war jeweils das ersehnte Zeichen, dass der Sommer begonnen hatte und mein Sommerleben. Die schönste Jahreszeit.

Mehr als alle übrigen Abschnitte des Jahres brachte sie die Verbundenheit mit der Welt, das physische Aufgehobensein in Zeit und Raum, die sinnliche Erfahrung der Elemente. Nacktheit war möglich und machte froh.

Ich spürte den Wind auf der Haut, das Wasser, das zum Ein- und Untertauchen lud, all die idealen Bedingungen, die das Existieren angenehm und lustvoll machten.

In der Pubertät kam die Erfahrung meines Körpers als Lustquelle hinzu. Heute scheint es mir klar und nachvollziehbar, dass die Besonnung die Lebenskräfte steigert.

Die Dosis macht die Droge

Es ist gar nicht so lange her, dass unsere europäische Zivilisation dies erkannt hat. Mitleidig wurde auf die sogenannten Wilden herabgesehen. Kleidung wurde mit Kultur gleichgesetzt. Erst die Sonnensucher auf dem Monte Verità wussten darum, sie nahmen die Wirkung von Vitamin C in der Pflanze und D3 auf der menschlichen Haut praktisch vorweg.

Die Erfahrung und die Lebensweise dieser Sonnenanbeter scheinen mir heute plausibler denn je. Ein Dichter wie Hermann Hesse ging voran, lange vor seiner Wiederentdeckung im Flowerpower-Zeitalter. Er bewunderte Gusto Gräser, den Waldmenschen, als seinen Guru und pflegte unweit des «Berges der Wahrheit» seinen Obstgarten, stets mit Strohhut gewappnet.

Die Hippies empfanden die Freude am Leben ähnlich, sie zogen sich aus und genossen die Sonne als eine, gar als die fundamentale Droge unter anderen. Bei Camus bringt sie einen Zeitgenossen dazu, plötzlich geblendet und verwirrt, einen sinnlosen Mord zu begehen.

Die Wirkung der Sonne ist eben nicht immer nur lustig.

In Zeiten zunehmenden Lichts

Ich pflege jedenfalls einen guten Umgang mit ihr. Ich lege mich an die Sonne und bilde mir ein, weniger schnell zu altern und gegen Viren wie Corona einigermassen gefeit zu sein. Lichttherapie gegen Depressionen erübrigt sich.

Die Gefahr von Hautkrebs, so beruhige ich mich, bestand vor allem in meiner frühen Kindheit. Heute nehme ich sie in Kauf, die Sünden aus den frühen Jahren lassen sich eh nicht rückgängig machen. Das Altern der Organe und der Hardware zeigt sich überall, und ewig lebe ich sowieso nicht mehr.

Heuer hat der Sommer schon im April begonnen, und zur Zeit dieser Überlegungen ist er schon wieder vorbei. Vielleicht hängt das Pausieren der Saison mit den Eisheiligen zusammen, wer weiss. Die Meteorologen jedenfalls nicht.

Wir werden immer übers Wetter reden, etwas Verbindlicheres gibt es nicht. Die Sonne ist unser Schicksal, sie bestimmt uns bis ans Ende aller Zeiten.

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