Ist der Titel ein Hausierer? Die Suche nach dem einzig wahren und passenden Buchtitel

25.09.2021, 11:02 Uhr 5 min Lesezeit
Begehren Hausierer nicht wie Titel die Menschen neugierig zu machen?
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Begehren Hausierer nicht wie Titel die Menschen neugierig zu machen? (Bild: Wolfgang Moroder / Wikipedia)

Autorin Franziska Greising schreibt in ihrem Blogpost darüber, wie essenziell es ist, den richtigen Titel für ein Buch zu finden. Und was für sie den einzig passenden Titel überhaupt ausmacht.

In meiner Kindheit, vor vielen Jahrzehnten, besuchten uns öfter Hausierer. Dann und wann stand eine Hausiererin an der Tür. Sie schleppten sich und ihre schweren Koffer bis zur Nummer 15, wo wir wohnten. Sie klingelten, ich sperrte auf, und da standen sie, klappten ihre Taschen umständlich auseinander und fragten, was wir brauchten. Gewissermassen war der Koffer einer Kommode verwandt, bestehend aus verschiedenen Fächern. Ich sah Seifenklötze im einen, Schnürsenkel im andern, Dosen mit Schuhwichse waren zwischen Zahnpastatuben gestapelt, gehäuselte Geschirrtücher, steif wie Bretter, jedoch von bestem Leinen, flink über die Ränder drapiert worden.

Der Koffer war am Überquellen. Meine Mutter brauchte immer irgendwas, und dazu musste sie, dank des Hausierers, nicht eigens aus dem Haus. Bis heute erinnere ich mich des Geruchs, der den ausladenden Hausierertaschen entwich. Ich stand ja oft dabei – fasziniert – und versuchte, Mutter zu beschwatzen, damit sie dieses oder jenes kauft, was ich gerne haben wollte. Zum Beispiel das süsse Fläschchen mit «Kölnisch». Aber sie entschied sich für Putztücher, eine Seife und Stahlwatte, vielleicht noch einen Kupferplätz zum Scheuern, und hatte sie alles bezahlt, verriegelte der Mensch an der Wohnungstür seine Schätze wieder und machte sich auf in die oberen Stockwerke.

Ich möchte nicht behaupten, es seien verführerische Gerüche gewesen, die hinter ihm herzogen. Ein Gemisch von Putzmitteln, Waschpulver, Bohner- und Schuhwichse, und doch fehlte dabei der Sprutz Kölnischwasser nicht.

Der gute Titel

Habe ich einen Text fertiggestellt und suche ich nach dem passenden Titel, frage ich mich, wie sich denn ein guter Titel anhört. Verwerfe ihn mehrmals und setze ihn neu. Dabei kommt mir unser alter Hausierer wieder in den Sinn, der mir ohne den Koffer mit seiner breiten Auswahl und seinen Ausdünstungen undenkbar ist.

Ich erinnere mich, dass diese armen Leute oft enttäuscht und ohne Geschäfte gemacht zu haben wieder davonzogen. Sie haben nicht nur nichts verkauft, ihre Kundinnen, bisweilen auch Kunden, haben oft die Türe vor ihnen zugeknallt oder diese gar nicht geöffnet. Und ihre Schuhriemen, Bodenlappen, Kämme und Bürsten trugen sie, wie zuvor sorgsam gebündelt, in ihrer umständlichen Tasche zur nächsten Tür.

Titel für ein Buch, eine Erzählung oder ein Gemälde erleiden oft dasselbe Schicksal, denn begehren sie nicht genauso, die Menschen neugierig zu machen? Für die Herrlichkeiten, die sie mit sich führen?

Der Titel, ein Hausierer?

Er verführt und lockt die Kundschaft, in unserem Fall die Leserschaft. Und jedermann, jedefrau, alle möchten die Erzählung oder den Roman, die hinter einem Titel verborgen sind, kennenlernen. Manche Bücher stehen oft meterhoch aufgetürmt bei der Kasse im Buchladen, und dafür lässt sich der Verlag etwas kosten. Der Salesmanager denkt, ein Turm bei der Kasse mache sein gedrucktes Produkt unwiderstehlich.

Ich denke jedoch, es gibt drei weitere Dinge, die einen Buchtitel aus allen andern herausheben.

  • Zurückhaltendes Andeuten des Inhalts. Nur so viel von einer Geschichte verraten als unbedingt nötig. Am besten finde ich jene Titel, die man eigentlich erst versteht, nachdem man das Buch gelesen hat.
  • Ein Titel soll niemals Zusammenfassung sein. Er soll bloss Köder sein, schillern und packen, so dass niemand dem Impuls widerstehen kann, in die Hausierertasche zu greifen, die ein Buchladen oder eine Bibliothek ja schliesslich ist. Mit allem, was sie anbieten.
  • Sogar Verständlichkeit muss nicht Voraussetzung für den guten Titel sein.

Ich erinnere mich an den Debutroman von Emine Sevgi Özdamar aus dem Jahr 1992: «Das Leben ist eine Karawanserei: hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der andern ging ich raus». Diese Überschrift ist sehr lang, und sie nimmt die ganze Front, die ganze Vorderansicht des Umschlags ein. Ausserdem wirft sie viele Fragen auf. Kaum jemand geht daran vorbei, ohne sich die Mühe zum Lesen zu nehmen. Und sich zu fragen, was dahinterstecken könnte.

Auch meine Neugier war geweckt, noch mehrmals las ich den Titel, beschnupperte und betastete ihn, drehte das Buch um und um, denn ich möchte bei so einem Werk auch die Rückseite, den Umschlag, das Innere beschnuppern, insbesondere den ersten Satz. Und weil mich schon allein das Äussere mit dieser Sentenz neugierig machte und sprachlich so begeisterte, kaufte ich das Buch und erwarb gleich noch ein zweites, um damit einer Freundin zum Geburtstag den Kopf zu verdrehen.

Das fliegende Klassenzimmer

Ich erinnere mich auch, wie ich vor Jahren hingerissen war, als ich von Erich Kästners Geschichte «Das fliegende Klassenzimmer» hörte. Und wie ich nach Wegen suchte, an dieses Buch zu kommen, es lesen wollte. Unbedingt. Einzig wegen dieses Titels. Er versprach viel und nichts. Ein fliegendes Klassenzimmer, man stelle sich vor! Diese Kinder an den Pulten von damals, die Wandtafel, die Landkarte in der Ecke, der Globus, der Schwamm, die Kreiden, der Lehrer, alles drum und dran fliegt durch die Luft und davon.  

Aus lauter Titeln eine Erzählung machen

Einmal, so habe ich schon gedacht, würde es mich reizen, aus lauter Titeln eine Erzählung zu machen. Etwas Ähnliches hatte ich bereits damals in Angriff genommen, als unser Theater nach dem Umbau eine Ausschreibung machte. Es sollte ein kurzes Stück geschrieben werden. Ein Drama für diesen Neuanfang im alten Haus. Ich suchte Anfangssätze von Stücken grosser Klassiker zusammen und baute daraus einen Dialog. Aber sie hatten nicht verstanden. Ein Mitglied der Jury sagte mir später, ich hätte ihnen dieses Konzept halt verraten sollen. Darum vermute ich, auch die Idee, aus lauter Titeln eine Erzählung zu machen, so reizvoll sie wäre, wäre vertane Zeit.

Um ehrlich zu sein, ich weiss nicht immer, was alles ich geschrieben habe. Es kann mir jemand aus meinem Buch erzählen, und ich bezweifle, es geschrieben zu haben. Denn es trifft auch zu, dass die Menschen einen Text ganz unterschiedlich interpretieren und gewichten. Und als Autor oder Autorin entdecken wir vielleicht erst Jahre nach dem Druck, was wir eigentlich verschwiegen und was herausgegeben haben. Gute Geschichten wandeln sich. Daher mag ich es, wenn der Titel offen ist. Offen und einladend.

Ich mag ihn stark, schön oder schrecklich, aber er muss mich dazu nötigen, zuzugreifen.

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