Christine Weber
Die marode Badeanstalt

  • Lesezeit: 3 min
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Die Badeanstalt und ihre Gäste. (Bild: chw)

In unseren Gefilden wären an diesem charmanten Ort an der ligurischen Küste längst Kulturschaffende aufgetaucht, um ein Landschaftstheater zu inszenieren. Mit viel Trara würden sie originelle Figuren in Szene setzen und eine Liebesgeschichte als roten Faden erfinden. Doch hier gibt es kein Freilichttheater. Und es ist auch gar nicht nötig: Diese Badeanstalt ist ganz ohne kulturelles Dazutun eine wunderbare Bühne.

Auf dem Fels verstreut liegen ein paar Leute im warmen Herbsttag. Sie kleben mitsamt blauweiss-gestreiften Sonnenschirmen am grossen Stein, der sich rund wie ein Tierrücken an der Küste krümmt. Die charmante, ziemlich marode Badeanstalt in einem Vorort von Genua ist in die steile Küstenwand hineingebaut. Ein weisses Gebäude mit blauen Elementen auf drei Stockwerken. Kleine Balkone, hölzerne Garderobeschränkchen, spuckende Duschbrausen, beschlagene Spiegel, gestapelte Liegestühle, zusammengefaltete Sonnenschirme, Mülleimer mit Rostflecken drauf.

Am Horizont kreuzt ein Containerschiff, ein Schnorchler crawlt an der Oberfläche, ein kleiner Junge in hellblauen Badehosen springt eins ums andere Mal von einem Holzbrett ins Meer. Die weissen Brüste einer weichen Frau fliessen über das vor ihr ausgelegte Badetuch, und ihre blond gefärbte Nachbarin bohrt ihre Zehen in den Halter des Sonnenschirms. Was für ein Bild auf dem Cover eines Sommer-Bestsellers: Liebe in Ligurien.

Ein treibender Frauenkörper im Meer

Einen Fuss vorsichtig vor den anderen setzend, balanciert ein Mädchen über die Felsen, sie sind übersät mit winzigen Muscheln. Ein Steg führt direkt ins Wasser, hinaus ins dunkelgrüne Meer. Das Mädchen schlüpft aus einem blauen Unterhemd, das ihr zu gross ist und knüpft es ans Geländer des Stegs. Nackt lässt sie sich ins Wasser gleiten und treibt zwischen den Felsen hindurch. Ein Mann, vermutlich ihr Geliebter, winkt ihr vom Ufer her zu. Sie hebt die Arme und winkt zurück, dann taucht sie unter.  

Die Pinienbäume leuchten grell und grün im Abendlicht. Eine dicke Frau mit schwarzgelb-gepunktetem Badeanzug steigt schwerfällig ins Wasser. Die dunkle Brille behält sie auf, während sie ihre Runden zieht und kleine Blasen hinter sich zurücklässt – ein im Meer treibender Frauenkörper oder ein aufgehender Brotteig, beides scheint möglich.

Ein Spiel zwischen vertrocknetem Wurzelgemüse

An einem kleinen Tisch aus weissem Plastik sitzen vier alte Leute, zwei Frauen und zwei Männer. Dürr und braungebrannt wie vertrocknetes Wurzelgemüse, das eine Saison lang in der Badeanstalt geröstet wurde. Sie spielen Karten und beugen sich konzentriert mit kurzsichtigen Augen über das Spiel, ein aufgespanntes Badetuch spendet Schatten.

Etwas abseits sitzt eine Alte mit grau aufgetürmtem Haar, streicht sich Sonnencreme durch die Runzeln ihrer Haut, dann hält sie sich das Mobile ans Ohr und kratzt sich während des Sprechens am faltigen Hals. Alles, was sie trägt, ist rosa. Das Bikini, die Flipflops, die Sonnenbrille, auch das Badetuch, ihre Handtasche und vermutlich auch das Telefon an ihrem Ohr.

Ein verglühter Adonis an der ligurischen Küste

Der Bademeister hat sein Stübchen zuoberst in der dreistöckigen Badeanstalt. Durchs Fenster sieht man angepinnte Ansichtskarten und Kalenderblätter, eine Uhr zeigt viertel nach fünf. Der Typ «Schaut-her-wie-cool-ich-bin» ist schlaksig und muskulös, mit Spiegelbrille und verwaschenem Shirt. Sein Gang schlendernd und eine gewollte Spur zu langsam. Doch als Frauen-Schwarm geht er nicht mal mehr bei den Klunker-Mumien durch, die hier herumhängen. Der Zahn der Zeit nagte an ihm, zurück bleibt ein verglühter Adonis an der ligurischen Küste.

Ein alter Mann kann kaum noch gehen, er stützt sich mit einem Arm auf einen Stock, mit dem anderen auf seine Frau. Seine Beine sind krumm, sein Rücken ist krumm, die Arme dünn wie Streichhölzer. Schrittchen für Schritt quält er sich die steilen Treppenstufen hinunter zum Meerbecken, hangelt sich mühevoll die paar Eisentritte des Stegs hinab, die ins Wasser führen, und endlich kann er eintauchen, gleitet ins Wasser und schwimmt zappelnd davon wie ein übermütiger Fisch.

Im Rundbau des Cafés schleudert ein Ventilator mit kaputtem Propeller warme Luft herum. Durchs geöffnete Fenster zieht ein kühles Lüftchen, die Servierfrau bringt Wein und einen Aschenbecher. «Verboten. Aber wenn’s keiner sieht, ist’s mir egal», sagt sie und zündet sich auch eine Fluppe an.

(Bild: chw)

(Bild: chw)

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