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Max Huwyler Der Registrant

2 min Lesezeit 13.07.2014, 11:51 Uhr

Im ersten Blog nimmt sich Max Huwyler am Beispiel der Schneckenabwehr des Themas Fressen und Killen an.

Da gibt es diese kleine Geschichte zu erzählen, die Geschichte eines Mannes in guter Lebenslage mit Familie: Frau, zwei Kinder, Hund, Haus, ansehnlicher Garten. Von Beruf war er Kalkulator einer Herstellungs- und Vertriebsfirma für Schneckengetriebe. Der Mann begab sich sommers Abend für Abend nach dem Nachtmahl in den mit gestalterischem Geschick angelegten, von seiner Frau gepflegten Blumen- und Gemüsegarten. Er war jeweils ausgerüstet mit Schere, Notizbuch und wasserfestem Fineliner. Seine abendliche Unternehmung galt der Vorbeugung vor Schädlingsfrass seitens der Nacktschnecken, welche letztere er mit einem kurzen, heftigen Querschnitt teilte und so zu Tode brachte. Die erlegten Opfer registrierte er mit einem Strich in seinem schwarzen Notizbuch mit Wachstuchdeckel und erhob so die Schädlingsleichen zu statistischem Material.

Dreiunddreissig, sagte er zu seiner Frau, zum Beispiel, wenn sie heraustrat um nach seinem Fortschritt zu fragen. Oder neununddreissig, oder einundsiebzig. Einmal waren es hundert, exakt hundert. «Potz tausend», sagte sie. «Ein Rekord?», fragte sie. Es gehe ihm nicht um Rekord, es gehe um die exakte Zahl. Und um Schadensbegrenzung auch, natürlich. „Natürlich“, replizierte sie ohne Ironie. Ironie gab’s nicht in ihrem Paarleben. Ironie wäre zu riskant gewesen für die Beziehung.

Er legte seine Schadensbegrenzungsaktion jeweils zeitlich so, dass er rechtzeitig zur Tagesschau vor den Fernseher zu sitzen kam – Schuhe gewechselt, Hände gewaschen – um jene Schäden zu registrieren, die an diesem Tag in der weiten Welt geschehen waren. Er zählte dabei die Toten – das Zählen hatte sich bei ihm zu einer manischen Attitüde entwickelt – und er ärgerte sich, wenn die Angaben nicht präzise genug waren, um für einen Eintrag in eine spezielle Kolonne in seinem Schneckenbuch zu taugen. Ungenaues war ihm ein Gräuel.

 

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