Der Flaschenzug
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«Wir Männer wollen den Frauen gefallen, nicht nur der eigenen. Wir wollen von ihnen geliebt werden.» (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Thomas Brändle Der Flaschenzug

10 min Lesezeit 03.07.2016, 10:02 Uhr

Beförderungen führen nicht automatisch nach oben. In der Regel beschleunigen sie sogar das Tempo in den Abgrund.

«Geschätzte Zuschauerinnen und Zuschauer, wir kommen nun zu unserem nächsten Gast. Bitte begrüssen Sie mit mir Professor Alois Miesmacher.»
Applaus brandet durchs Fernsehstudio.

«Professor Miesmacher, die Frauen sind also schuld?»
«Ganz recht, Herr Bockmann.»
«Auch Ihre Frau?»
«Die ganz besonders.»
«Sieht sie das auch so?»
«Sie streitet es ab.»
«Das war doch zu erwarten?»
«Natürlich. Frauen schieben die Schuld immer auf andere. Meistens auf uns Männer. Oder dann auf die anderen Frauen. Meine Frau ist da keine Ausnahme.»
«Wie kommen Sie zu diesem Fazit?»
«Männer wollen genügen.»
«Wem?»
«Den Frauen. Aber das ist unmöglich. Sehen Sie, ich war lange ein vollkommen zufriedener Mensch. Bis ich meine Frau kennenlernte und mich in sie verliebte.»
«Dann waren Sie mit sich nicht mehr zufrieden?»
«Sie war es nicht.»
«Wieso verlieben Sie sich in eine Frau, die nicht mit Ihnen zufrieden ist?“
«Sie hat mich getäuscht. Vorsätzlich. Sie liess mich im Glauben, dass sie mich liebt, weil ich so bin, wie ich bin.“
«Wieso sollte sie das tun?»
«Frauen erkennen nach einer gewissen Zeit, dass es solche Männer, wie sie sich wünschen, nicht gibt. Männer sind da erfrischend anspruchsloser, zumindest was Frauen betrifft.»

«Gut, Herr Professor. Wie sind Sie der Sache also auf die Spur gekommen?»
«Es beginnt schleichend, unmerklich. Sie lässt zum Beispiel seine Lieblingshose verschwinden, um sie durch eine neue, die ihr gefällt, zu ersetzen. Dasselbe passiert im Laufe der Zeit mit seiner Frisur, seinen Möbeln, seinen Freunden, seinen Prinzipien. Nach einer Weile wird der Mann sich und sein Leben nicht mehr wieder erkennen. Während seine Frau ihn immer mehr liebt, weil er ihrem Ideal näher kommt, wird er immer unzufriedener.»

«Die Frauen sind also schuld am Untergang unserer Zivilisation?»

«Sie übertreiben, Professor.»
«Das hoffe ich.»
«Sie hoffen es? Sie behaupten in Ihrem Buch nachdrücklich das Gegenteil.»
«Trotzdem. Hätte ich wirklich recht, würde es den Untergang unserer Zivilisation bedeuten.»
«Die Frauen sind also schuld am Untergang unserer Zivilisation?»

«Sind Sie zufrieden mit ihrem Beruf als Talkshowmaster, Herr Bockmann?»
«Ja, eigentlich schon.»
«Eigentlich?»
«Doch, ich bin sogar sehr zufrieden.»
«Und Ihre Frau? Ist sie es auch?»
«Ich denke schon.»
«Sie denken falsch, Herr Bockmann!»
«Woher wissen Sie, was meine Frau denkt?»
«Weil meine auch eine ist.»
«Das klingt nicht sehr wissenschaftlich, Herr Professor.»
«Weil Sie es verstehen. Würden Sie es nicht verstehen, würden Sie ebenfalls so tun, als ob Sie es verstünden.»
«Wieso sollte ich das tun?»

Hier geht es zur Seite 2.

Seite 2

«Weil ich ein Experte bin. Experten dürfen ungestraft Binsenwahrheiten verbreiten, die von allen abgenickt werden. Würden es Laien ihnen gleichtun, wären sie nur polemisch und undifferenziert. Selbst bei grossem Sachverstand gelten sie trotzdem immer noch als Laien. Nicht das Argument zählt, sondern wer es sagt, Herr Bockmann. Wir sind eine Gesellschaft von erblindeten Expertengläubigen, weil wir uns selber nicht mehr über den Weg trauen.»

Professor Alois Miesmacher räuspert sich, um sogleich fortzufahren.
«Angenommen, Sie würden eine Beförderung angeboten bekommen, zum Beispiel zum Fernsehintendanten. Würden Sie sie annehmen, obwohl Sie mit Ihrem jetzigen Job sehr zufrieden sind, Herr Bockmann?»
«Ich weiss nicht.»
«Aber Ihre Frau weiss es, Herr Bockmann. Wir Männer wollen den Frauen gefallen, nicht nur der eigenen. Wir wollen von ihnen geliebt werden, wir wollen ihre Aufmerksamkeit, wir wollen mit ihnen schlafen. Das macht keinen Spass mit unzufriedenen Frauen.»

«Dann sind doch aber die Männer selber schuld?»
«Nein. Wir sind den Frauen schlicht nicht gewachsen. Sie sind höher entwickelte Wesen als wir. Deshalb tragen auch sie die Verantwortung für den Untergang unserer Zivilisation.»
«Weil wir von den Frauen geliebt werden wollen, geht alles den Bach runter, Herr Professor Miesmacher?»
«Ganz recht. Würden wir Männer jene Arbeit tun, die uns gefällt, dann wäre alles kein Problem. Alles würde bis in alle Ewigkeit funktionieren. Durch unsere infantile Gefallsucht steigern wir aber den gesellschaftlichen Reifegrad der allgemeinen Inkompetenz.»
«Herr Professor, jetzt brennt aber der Wissenschaftler mit Ihnen durch. Können Sie das vielleicht etwas … ausdeutschen, bitte?»
«Man nennt es die «Hierarchie der Unfähigen» oder das Peter-Prinzip, nach seinem Entdecker Laurence J. Peter. Ich habe es noch etwas weiterentwickelt und nenne es ganz simpel «den Flaschenzug».»
«Den Flaschenzug?»

«Bekennende Zweifler hingegen werden niemals Karriere machen.»

«Ganz recht, Herr Bockmann. Denn eine Flasche zieht die andere nach oben.»
«Aha.»
«Wir alle können das überall und jeden Tag beobachten, im öffentlichen Leben, an den Schulen, in den Spitälern, in jedem Beruf, bei den Handwerkern und Managern. Unfähigkeit ist auf kein bestimmtes Gebiet beschränkt. Sie macht vor nichts Halt.»
«Sie macht nicht mal vor Ihrer Frau Halt.»
«Jetzt haben Sie’s kapiert! Dabei erwecken gerade unfähige Menschen, ganz besonders wenn sie auf einer höheren Stufe stehen, oft den Eindruck, als ob sie ganz genau wüssten, was sie tun und dass es das Richtige ist.»

«Und wir sind davon beeindruckt, weil sie ja über uns stehen.»
«Das ist gerade das Fatale an der Sache, ja. Wir zweifeln nicht an unseren Unfähigen, zumindest nicht offen. Deshalb zweifeln diese auch nicht an sich selber. Bekennende Zweifler hingegen werden niemals Karriere machen. Erst bei näherem Hinsehen fällt auf, dass die Unfähigen grandiose Fehlentscheidungen treffen, die zu selten nicht umgesetzt werden oder verspätet zu ihrer katastrophalen Konsequenz kommen, weil der unfähige Vorgesetzte fähige Mitarbeiter hat, die seine Anordnungen in die richtigen Bahnen lenken, ohne dass er es merkt.»

«Fähige Mitarbeiter, die glücklicherweise noch nicht befördert wurden, nicht wahr, Herr Professor Miesmacher?»
«Sie haben eine sehr schnelle Auffassungsgabe. Lassen Sie sich keinesfalls zum Intendanten befördern. Das wäre Ihr Ende, Herr Bockmann.»
«Bin ich denn überhaupt gefährdet, Herr Professor Miesmacher?»

Seite 3

«Sehr sogar. Sie sind im Segment der obersten Risikogruppe anzusiedeln.»
Ein mitfühlendes Raunen geht durch das Publikum.
«Weshalb?»
«Na, weswegen werden Menschen im Idealfall befördert?»
«Weil sie ihren Job gut machen?»
«Richtig. Ich habe beobachtet, dass Personen, die in Positionen sind, die sie voll und ganz ausfüllen, als fähig wahrgenommen werden und nach und nach in Firmen, Verwaltungen, wo auch immer, aufsteigen, bis sie schliesslich und unweigerlich die Stufe ihrer Unfähigkeit erreicht haben.»
«Klingt einleuchtend.»
«Das ist es auch. Sehenden Auges gehen wir dem Untergang entgegen. Und was tun wir? Nichts! Weil wir den Frauen gefallen wollen.“
«Sie scheinen die Frauen nicht zu mögen.»
«Doch, das tue ich, obwohl ich sie kenne. Auch meine … nun gut … wenn man die Gefahr erkannt hat, kann man sie theoretisch auch bannen.“
«Wollen sie die Frauen alle einsperren?»
«Sie beginnen mich zu enttäuschen, Herr Bockmann.»

«Wie viel Zeit bleibt uns noch, Herr Professor?»
«Die verschiedenen Prognosen widersprechen sich. Zum Glück erreichen nicht alle gleichzeitig ihre Stufe der Unfähigkeit, der Inkompetenz, wo sie dann verharren, weil sie sich nicht mehr für den weiteren Aufstieg qualifizieren können.»
«Wie viel Zeit geben Sie uns noch, Herr Professor Miesmacher?»
«Ich möchte mich da nicht festlegen, bin aber der Überzeugung, dass uns nicht mehr viele Jahre bleiben, vielleicht weniger als 48 Monate.»
«Das ist ja dramatisch!»

«Meine Frau sieht das anders. Und das spricht für Sie, Herr Bockmann. Unsere Zivilisation funktioniert, solange genügend Menschen ihre Stufe der Inkompetenz noch nicht erreicht haben. Aber es werden täglich mehr. Die Flaschen ziehen sich beschleunigt gegenseitig hoch.»
«Beängstigend. Gibt es keine Abweichungen, Gegenreaktionen?»
«Nun, auf die Frauen können wir in diesem Fall nicht zählen. Sicher gibt es Ausnahmen, aber in der Regel möchte jede Frau, dass ihr Mann unfähig … also befördert wird. Doch, es gibt sie natürlich.»
«Welche, Herr Professor Miesmacher?»
«Zum Beispiel gibt es die so genannten Pseudobeförderungen. Ein Chef hat die Unfähigkeit seines Mitarbeiters in Kombination mit einer ehrgeizigen Ehefrau zu Hause erkannt und versetzt ihn zu einem anderen Posten, wo er genauso unproduktiv ist. Der unbeteiligte Beobachter dieses Vorgangs allerdings wird getäuscht, fühlt sich stimuliert.»
«Stimuliert?»
«Ganz recht. Er denkt, wenn der befördert wird, dann habe auch er noch Chancen.»
«Ein Teufelskreis.»

«Verschärfend kommt der weibliche Ehrgeiz hinzu, der sich in einem abnormen Lerneifer des Ehemannes äussert.»

«Ganz recht. Eine weitere Pseudobeförderung ist die Verleihung eines Titels beispielsweise zum Vizepräsidenten.»
«Nun, ab mehr als drei oder vier Vizepräsidenten pro Firma wirkt das dann aber doch etwas lächerlich. Ob das reicht, um den Untergang der Zivilisation abzuwenden?»
«Besonders kleinere Beamte und Angestellte ohne Entscheidungsbefugnisse sind geradezu versessen darauf, alles korrekt und ohne die klitzekleinste Abweichung von der Routine zu erledigen, ohne sich zu fragen, ob das Ausgeführte irgendeinem vernünftigen Zweck dient. Das sind die so genannten Berufsautomaten.»
«Von denen aber keine Gefahr ausgeht, Herr Professor?»
«Genau. Sie arbeiten zuverlässig, gehorchen immer, entscheiden nie, tragen keinerlei Verantwortung, leisten nichts. Sie werden es nicht merken, dass ihre Beförderung eigentlich keine ist.»
«Fantastisch!»

«Ja, aber ich habe Ihnen eine weitere schlechte Nachricht vorenthalten, Herr Bockmann.»
«Bitte nicht.»
«Nur Superkompetenz ist noch anstössiger als Inkompetenz. Gerade Superkompetente werden von der Hierarchie am schnellsten ausgestossen, obwohl sie das System vor dem Untergang retten könnten.»
«Wie das, Herr Professor Miesmacher?»
«Die Superkompetenten sind eine Bedrohung für die Flaschen, die bereits oben hängen. Sie könnten einen als Flasche entlarven oder gar überholen und so das eigene Fortkommen behindern.»
«Zu dumm.»

«Verschärfend kommt der weibliche Ehrgeiz hinzu, der sich in einem abnormen Lerneifer des Ehemannes äussert, und darin, dass der Mann morgens der Erste und abends der Letzte im Unternehmen ist. Das führt zwar zur gewünschten Beachtung beim Chef und zur ebensolchen Verachtung bei den Kollegen, aber auch zur erhofften Belebung der ehelichen Vergnügungen, die leider genauso rapide zurückgehen, wie sie eingetreten sind, wenn das Endplatzierungssyndrom eintritt.»
«Endplatz…?»

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«Wenn man in der Stufe der Inkompetenz verhaftet ist, ohne es zu realisieren. Nervenzusammenbrüche, Magengeschwüre, Schlaflosigkeit, Erektionsprobleme sind dann die gängigen Symptome.»
«Oh, das klingt übel.»
«Sie sehen nun, was Ihnen als Intendant blühen könnte, Herr Bockmann.»
«Und alles wegen der Frauen, denen wir niemals genügen können. Eigentlich unglaublich.»
«Meine Frau will das aber nicht einsehen, Herr Bockmann.»
«Natürlich. Sie wäre eine Verräterin der bis jetzt unentdeckt gebliebenen Inkompetenz der Frauen.»
«Inkompetenz? Das würde ich nur gelten lassen, wenn Frauen auf der Evolutionsleiter mit uns die Sprosse teilten. Sie stehen aber über uns. Nein, es ist Feigheit. Nennen wir das Kind also beim Namen. Nichts anderes als Feigheit.»
«Feigheit, die unserer Zivilisation den Rest geben wird.»
«Korrekt. Bis die oft bemühte Klimaerwärmung den uns versprochenen Schaden anrichtet, hat uns unsere Unfähigkeit längst den Garaus gemacht. Wir werden der Klimakatastrophe zuvorkommen, wenn wir uns ranhalten, Herr Bockmann.»
«Was also können wir nun tun, damit unsere Kinder die Klimakatastrophe noch erleben werden?»
«’Der Flaschenzug’ ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern auch das der gesamten Menschheitsgeschichte. Jede Gesellschaft, egal ob kommunistisch, demokratisch, westlich, faschistisch oder liberal, muss zusammenbrechen, wenn ihre Hierarchie einen unerträglichen Reifegrad erreicht hat.»

«Auswege, Herr Professor! Auswege?!»
«Ich habe bereits welche erwähnt, Herr Bockmann.»
«Haben Sie bereits?»
«Schuster, bleib bei deinem Leisten! Wehren wir uns gegen Beförderungen und gegen die flächendeckende Unzufriedenheit der Weiblichkeit!»
«Wer kann das schon, Herr Professor? Sie verlangen Übermenschliches.»
«Nennen wir es schöpferische Unfähigkeit.»
«Klingt akademisch.»

«Parken Sie auf dem Parkplatz des Chefs, gehen Sie nicht zu oft zum Friseur, tragen Sie mehrere Tage dieselbe Kleidung.»

«Verbreiten Sie den Eindruck, dass Sie Ihre Stufe der Unfähigkeit bereits erreicht haben. Aber zeigen Sie dabei niemals, dass Sie eine Beförderung vermeiden wollen», ruft Professor Miesmacher mahnend in Richtung der Fernsehkameras.
«Das ist leichter gesagt als getan. Nicht jeder besitzt die Fähigkeit, Unfähigkeit vorzugaukeln, Herr Professor Miesmacher.»
«Es geht um unsere Zivilisation. Um unsere Kinder. Vergessen Sie das nicht.»
«Praktikable Tipps für den Alltagsgebrauch?»
«Parken Sie wiederholt auf dem Parkplatz des Chefs, fahren Sie ein kleines Auto, gehen Sie nicht zu oft zum Friseur, tragen Sie mehrere Tage dieselbe Kleidung, bitten Sie den Chef um die Hand seiner Tochter, auch wenn er keine hat.»
«So einfältig?»
«Genau. Schlagen Sie die Flaschen über Ihnen mit ihren eigenen Waffen: Einfältigkeit.»

«Ich danke Ihnen für dieses erhellende Gespräch, Herr Professor Miesmacher. Grüssen Sie Ihre Frau recht herzlich.»
«Den Teufel werde ich tun.»
«So nachtragend, Herr Professor Miesmacher?»
«Ich bin übrigens nur Doktor, Herr Bockmann.»

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