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David und die Riesenmaschine
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Der Kleine Mann und Adrian Hürlimann unterwegs nach Vitznau. (Bild: Katja Zuniga)

Auf dem Dampfschiff mit Adrian Hürlimann David und die Riesenmaschine

4 min Lesezeit 10.08.2019, 10:28 Uhr

Eine Seefahrt, die ist lustig – vor allem, wenn man zweijährig ist und alles zum ersten Mal macht. Die Mitfahrenden erfahren nochmals alles aus erster Hand. Im Kielwasser treiben die Klischees und Gemeinplätze. Sie bleiben zurück wie der müde Erste August. Blogger Adrian Hürlimann über die Neuentdeckung des Zugersees.

Alles war anders, als ich es vorausgesehen hatte. Was den Altvorderen als Kind einst gefiel, muss nicht bis in alle Ewigkeit gefallen. Der uns anvertraute Enkel blieb nicht dort stehen, wo wir es geplant hatten. Der angedachte Parcours über die Decks, durch die Gänge des Dampfschiffs, fiel ganz anders aus als gedacht. Falsch gedacht. Trotzdem gelacht.

Zurück zu den Urlauten

Franz Hohler hat in einer «Denkpause», der fünfminütigen Alibi-Sendung des Schweizer Fernsehens vor dem «Aktenzeichen xy», das Publikum einmal gefragt, so ums Jahr 1980 herum, ob es die tägliche Zeitung schon gelesen habe. Dann schlug er vor, probeweise nur jedes zweite Wort, und anschliessend, nur jedes dritte Wort zu lesen. Und es ergab sich zufolge dieser Spielanleitung ein ganz neuer Sinn beziehungsweise Unsinn.

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Solche erfrischenden Konzepte haben auch die Dadaisten entwickelt, um dem Sinndefizit nach dem absurden Blutrausch des Ersten Weltkriegs einen Neuanfang entgegenzusetzen. Dabei gingen sie vom Ursprung der menschlichen Zivilisation aus, vom kindlichen Denken und von der frühester Erfahrung der Welt. Sie entdeckten die Kindersprache, die ersten Worte überhaupt, die ersten geformten Laute des Kleinkindes: das «Wort» Dada. Auf den totalen Kulturbruch sollte ein radikaler Neubeginn folgen. Er sollte die existenzielle Erfahrung des Menschseins am Beispiel des Kleinkindes individuell nachvollziehen.

Alljährliche Drehorgel

An Klischees herrscht kein Mangel am ersten August. Der Wortschatz der Reden konzentriert sich auf wenige Ausdrücke, die einen diffusen Zusammenhang zwischen patriotischen Ladenhütern und der gelangweilten Zuhörerschaft aufkommen lassen sollen. Gemeinplätze aus einer ideologisch bewirtschafteten Historienfantasie sind jeweils auserkoren, die Zufriedenheit mit den Verhältnissen zu bewässern und das Stimmvolk bei Laune zu halten. Die ganze Folklore erinnert an den Wetterbericht, der vergleichbare Tranquilizer-Funktionen zu erfüllen hat.

Zumeist geht es dabei um die Inbetriebnahme von Klischees, die eine momentane Zufriedenheit erzeugen und störende nüchterne Standortbestimmungen feierlich auf den St.-Nimmerleins-Tag zu vertagen haben. Der Hahn kräht auf dem Mist, das Wetter ändert sich oder es bleibt, wie es ist. Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter. «’s war immer so, und in 50 Jahren ist alles vorbei.» Kein Zweifel: auf Gemeinplätzen ist gut ruh’n. Mit rhetorischen Ritualen, die auf Klischees aufgebaut sind, ist durchaus Staat zu machen.

Lassos, abseits des Wilden Westens

Doch zurück zum Dampfschiff! Schon vor dem Besteigen des Schiffs fiel Davids Augenmerk auf die dicken Taue aus blauem Kunststoff, welche die uniformierten Besatzungsmitglieder mit gekonntem Wurf über die Masten der Haltestelle warfen, um sie sogleich in den  beiden Doppelpollern festzuzurren, Achterschlingen zum Schifferknoten formend. Wodurch das Schiff schlingernd zum Stillstand kam.

Dieser Lassowurf hatte es dem kleinen Mann angetan, und die ob seiner genauen Beobachtung hocherfreuten Männer in Dunkelblau strahlten und feixten im Eigenlob vor sich hin und zu ihm hinüber. Mir schien dieser routinierte Vorgang völlig unspektakulär und ohne Reiz, und die angewandten Lassokünste eher banal.

«Viel mehr als die Fortbewegung interessierte ihn das Stillstehen des schwimmenden Fahrzeugs».

David aber wartete von Halt zu Halt nur auf die Situation, in der sich die beiden Mastwürfe und das anschliessende Festzurren wiederholten. Das blieb auch nach dem Auf- und Abstieg per Zahnradbahn über die Rigi so, auf dem zweiten See und ein Schiff weiter. «Das haben wir gut gemacht, nicht?», meinte einer der Männer – einmal war auch eine Frau mit von der Partie ­– , und der Angesprochene bejahte mit stummem Lächeln.

Dem Ritual des Anlegens entsprach die stets wache Aufmerksamkeit des Beobachters. Er schien eine Art Kumpanei mit den Männern eingegangen zu sein. Viel mehr als die Fortbewegung interessierte ihn das Stillstehen des schwimmenden Fahrzeugs. Mehr als die riesige Maschine das Hand-Anlegen der beiden Solisten, die das mächtige Umgetüm elegant zum Stehen brachten.

Zugersee mit Wildwestqualitäten

Und ich staunte mit. Dachte an John Wayne, der sein Lasso im Film spielend über den Hals des wilden Hengstes warf. Und realisierte, dass es solche Dinge auch im richtigen Leben gab. Nach diesen Fahrten über die beiden Seen war auch in mir die Faszination von den Maschinen abgezogen und auf die Menschen übergesprungen, welche diese regionale Binnenschiffahrt vor meiner Haustür am Laufen halten.

Was mir als Karikatur des Hochseeabenteuers erschienen war, bekam so eine ganz neue Qualität. Eine prosaische, zwar und jenseits aller «Meuterei auf der Bounty». La Paloma und Surabaya-Jonny mögen die Träume beflügeln, die sich im Rentenalter zu ernüchternden Kreuzfahrten auf Riesenpötten verkleinern.

Aber die gewohnte Stadtlandschaft einmal aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen, bringt auch etwas. Und vom Gummiboot und der Luftmatratze, an denen wir majestätisch  vorbeiziehen, unterscheidet es sich irgendwie doch. In meiner Badewanne bin ich Kapitän? Solche Klischees auf dem Weg zur Traumzertrümmerung lass ich jetzt mal beiseite.

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