Das Wasserfräulein von Zug
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Das Steinkreuz, dass wohl kurz nach 1435 erstellt wurde, und das nun im Zollhaus eingemauert ist. (Bild: Mercedes Lämmler)

Max Huwyler Das Wasserfräulein von Zug

4 min Lesezeit 15.06.2015, 14:51 Uhr

Di Altstadt Zug ist vor Zeyten etwas grösser gewesen. Aber im Jahr Christi 1435 am virten Tag Märzens, Freitag vor der alten Fasnacht, umb di fümf Uren nach Mittag giengend in der Stadt Zug zwo Zilen Hüüser under di versunkend in den See und verdurbend darin bey 60 Menschen mit vil Hab und Guot.

Di Altstadt Zug ist vor Zeyten etwas grösser gewesen. Aber im Jahr Christi 1435 am virten Tag Märzens, Freitag vor der alten Fasnacht, umb di fümf Uren nach Mittag giengend in der Stadt Zug zwo Zilen Hüüser under di versunkend in den See und verdurbend darin bey 60 Menschen mit vil Hab und Guot. Den Erdbruch hat man bey Zeyt gesehen; wer zeytlich daraus floch, kam darvon, wer sich saumbt, der gieng mit ze Grund.

Chronik von Johannes Stumpf, 1548


Die Sage

Ratschreiber Wickarts wohnten in der untersten Gasse. Das Wohnen am Wasser mag etwas zu tun haben mit dem Schicksal ihres Sohnes. Dieser litt unter einer Art Seesucht. Oft tat er nichts, als am See sitzen und auf den See hinaus schauen. Oder er sass stundenlang am Fenster. Es war, als zöge ihn etwas aufs Untergründige hinaus, er wusste nicht was, er wusste nicht warum. Als er dann ein junger Mann war, ging er jeden Abend auf den See. «Ich goonen ufe » ist eine lokale Redensart. Auch der Fischer geht nicht fischen, er geht auf den See.

Der junge Wickart ruderte hinaus, legte die Ruder ein, blickte lange aufs Wasser, ruderte zurück. Mutter sagte: «So, bisch wider dusse gsii?» Vater sagte nichts, blickte die Mutter an. «Das hat er nicht von mir», hatte er einmal zu seiner Frau gesagt. Seit diesem Satz war etwas Fremdes in die Beziehung geraten, belastete das Schweigen.

Eines Abends, der junge Wickart hatte bewegungslos im Boot gesessen, hatte eben geschaut, wie der letzte Funke Sonne hinter dem Lindenberg erlosch. Er war eben daran, in die Ruder zu greifen. Da tauchte neben dem Boot ein Mädchenkopf auf. Er blickte in wasserklare Augen. Das Mädchen sagte: «Kommst wieder?» und verschwand. Wickart kam wieder. Jeden Abend tauchte das Wasserfräulein auf. Das Verliebtsein tat sich mächtig. Es war um den Jungen geschehen, der wenig wusste um Liebe und Leben. Und er wusste nichts vom Geheimnis der Wasserjungfern, dass sie seelenlose Wesen sind, dass sie nur dann zu einer Seele kommen und damit himmelstauglich werden, wenn sie einen Menschenmann zum Mann bekommen. Solche komplizierten Verhältnisse waren dem Städtlibub fremd. Eine unbändige Macht trieb ihn auf den See. Die Eltern Wickart bemerkten die Unruhe ihres Sohnes, machten sich aber nicht viel daraus; sie hatten sich mit seiner sonderbaren Art abgefunden, befürchteten einfach eine Lebensuntüchtigkeit.

Auch Wassermädchen haben Väter, Wasservätern. Als der Vater der Seejungfrau von der Beziehung vernahm, verbot er seiner Tochter den Umgang mit dem Seebub. Es sei denn, sie könne ihn dazu bewegen, bei ihnen im Wasser zu wohnen. Sie erzählte ihrem Liebsten von der Forderung ihres Vaters, sagte, er brauche nicht zu kümmern, sie wisse schon, wie das zu machen sei. «Trink», sagte sie eines Abends. Sie gab ihm einen besonderen Trank zu trinken, der machte, dass er zu ihr ins Wasserreich abtauchen und im Wasserreich leben konnte. So kam er zu seiner Wasserfrau. Und sie lebten lange und glücklich. Doch eines Tages begann im jungen Mann eine andere Sehnsucht zu bohren, das Heimweh. Heimweh nach der Stadt und den Leuten. Als er seiner Wasserfrau von seinem Kummer erzählte, sagte sie: «Ich werde das schon richten.» In einer Nacht ging sie in die Häuser der untersten Gasse, gab in allen Küchen von ihrem Zaubertrank in die Wasserbecken und Krüge. Am Tag darauf, es war für die Erdenmenschen der 4. März 1435, versank die unterste  Häuserzeile im See. So kam der junge Wickart wieder zu seinen Leuten von der untersten Gasse und er konnte bei seiner Wasserfrau bleiben. Und alles war gut. An besonders schönen Tagen, wenn der See ruhig und das Wasser klar ist, hört man Glockengeläut und Orgelspiel aus dem Wasser herauf. Wie von weit weg.

Frei nach Alois Lotolf: Sagen aus den fünf Orten. Luzern 1862


Sunnenundergang

Zwöimol scho
isch d Stadt abgsoffe
mit Hüüseren und Lüüt

Wemer wäis werum
chas jo nid eso schlimm
gsii sii

Äinisch
sig e Seejumpfere
tschuld gsii

De Bäärg im Rügge
de Blick wiit offe
gägen Undergang

Und äinisch
hed d ETH
en Expertiise gschribe

Hinderem Lindebäärg ufe
stiigt es Röichli vo Göösge
is Oobigroot

Wemer wäis werum
chas jo nid eso schlimm
gsii sii

Aus: «Öppis isch immer» – Orte Verlag

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